Jahrzehntelang erfreuten sich diskrete zyprische Banken großer Beliebtheit und sorgten für eine florierende Wirtschaft. Nun ist Zypern von der Finanzkrise gebeutelt und muss sich – wieder einmal – neu erfinden. Wie ein Neuanfang den Aufschwung und vielleicht sogar die Vereinigung der beiden Zypern-Teile bewirken kann, beschreibt die amerikanische Publizistin und Europa-Expertin Elizabeth Pond.
Zypern hat sich Dutzende Male selbst immer wieder erfunden – sechs Mal, bevor die Kreuzritter im 12. Jahrhundert kamen; drei Mal, bevor die ottomanischen Krieger im 16. Jahrhundert die Venezianer bezwangen; und zwei Mal, seitdem die Briten 1960 ihre Verbindung zum östlichen Imperium aufgegeben haben.
Es gibt keinen Grund, warum Zypern den gleichen Trick nicht noch einmal anwenden kann.
Gewiss, vor kurzem musste der Finanzminister zurücktreten wegen dubioser Investitionen, über die er zuvor als Chef einer Privatbank entschieden hatte.
Soeben wurde bekannt gegeben, dass die Zyprer und ihre Banken trotz ihrer Schulden weitere sechs Milliarden aufbringen müssen, um die von den Eurozonenpartnern versprochenen zehn Milliarden Euro zur Rettung zu bekommen.
Zypern wird dafür die Mehrheit seiner Goldreserven verkaufen – seit der asiatischen Finanzkrise vor 15 Jahren das erste verzweifelte Land, das darauf zurückgreifen muss. Zyperns florierende Wirtschaft, aufgebaut auf diskreten Banken, die über Jahrzehnte hinweg keine unangenehmen Fragen über die Herkunft oder den Steuerstatus der Einlagen gestellt haben, bevor die hohen Renditen ausgezahlt wurden, kollabierte.
An Neustarts gewöhnt
Dennoch sollte das nicht den angesehenen Geburtsort Aphrodites schmähen; Zyprer sind an Neustarts gewöhnt.
In neuerer Zeit erfolgte die erste Wiedererfindung nach der Unabhängigkeit Mitte der 70er Jahre. Vorangrgangen waren vier Jahre anhaltender Gewalt zwischen den Bevölkerungsgruppen, einem griechischen Coup gegen die ursprüngliche bi-ethnische Regierung, einer Gegeninvasion des türkischen Militärs und einer Teilung in das nördliche Drittel für die türkische Minderheit und die südlichen zwei Drittel für die griechische Mehrheit.
Goldene Zeiten
Zu der Zeit war die zyprische Wirtschaft eine der schwächsten in Europa mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 1.451 US-Dollar. Um reich zu werden, wendete sich die Republik Zypern im griechischen Süden dem Tourismus, der Schifffahrt und vor allem den Banken zu. Die angebotenen Steuern und die Geldwäsche erwiesen sich als Midas‘ Goldhändchen.
Ausländisches Geld strömte ins Land, als 1970 die Ölkrise und dann der libanesische Bürgerkrieg den Nahen und Mittleren Osten trafen. Es strömte weiter und half sowohl dem serbischen Autokraten Slobodan Miloševi?, internationale Sanktionen während der Jugoslawienkriege 1990 zu umgehen, als auch Russlands wildwest-kapitalistischen Oligarchen ein sicheres Versteck für ihr Vermögen zu geben.
Wie Zypern EU-Mitglied wurde
Zypern wurde 2004 in die EU aufgenommen, nachdem Griechenland (EU-Mitglied seid 1981) drohte, sein Veto gegen den Beitritt von zentraleuropäischen und baltischen Staaten einzulegen, sollte nicht gleichzeitig auch seinem Protegé die Mitgliedschaft gewährt werden.
Mit dem Beitritt der noch immer geteilten Insel wurde eine der grundlegenden Regeln der EU gebrochen – nämlich dass kein Kandidat beitreten dürfe, bevor nicht seine territorialen Konflikte mit den Nachbarn gelöst sind.
Diese Erfahrung verbitterte rasch die ursprünglichen EU-Mitgliedsstaaten bei den späteren Erweiterungen. Vor allem seitdem die griechischen Zyprer, die während der EU-Beitrittsverhandlungen versöhnlicher klangen, mit einer Mehrheit von 76 Prozent den UN-Kompromiss zur Wiedervereinigung Zyperns ablehnten, sobald die EU-Mitgliedschaft sicher war. In demselben Referendum stimmten 65 Prozent der türkischen Zyprer für den Kompromiss.
Griechenlands frisierte Zahlen
Zu diesem Zeitpunkt war Griechenland (seit 2001) bereits der Europäische Währungsunion beigetreten – und zwar mit Hilfe manipulierter Wirtschaftsstatistiken.
2008 wurde Zypern ebenfalls ermöglicht, dem gemeinsamen Euroclub beizutreten. Das grüne Licht kam, obwohl die Bankeinlagen auf das Achtfache des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gewachsen waren, was Kommentatoren bald ein großes Schneeballsystem nennen sollten.
Zypern besaß nunmehr ein Pro-Kopf-BIP, das sich innerhalb von 33 Jahren 20 Mal verschlechterte, um den nordeuropäischen Level von 31.693 Dollar zu erreichen.
Als die Sozialisten bei den Neuwahlen in Griechenland 2009 die konservative Regierung absetzten, musste das hochverschuldete Griechenland die Fälschungen der vorherigen Regierung eingestehen und löste eine Eurozonenkrise aus, die bis heute andauert.
Rettungspaket für die ehemalige Steueroase
Vergangenen Monat gesellte sich Zypern zu Griechenland, Irland, Portugal und Spanien (obwohl die Hilfe für Madrid anders etikettiert wurde) mit in die Reihe der Rettungspakete.
Der niederländische Finanzminister und Vorsitzende der Eurogruppe, Jeroen Dijsselbloem, machte klar, dass die Gegenleistung für eine Beteiligung oder eine obligatorische Vermögenssteuer für vermögende Einleger bei zyprischen Banken bald Standard bei künftigen Euro-Rettungspaketen werden würde.
Das soll moralische Risiken senken. Andere Steueroasen auf der Welt beherzigten die Warnung, welche diesen Monat mit dem Durchsickern von millionenfachen Bankunterlagen über Tausende von Investoren verstärkt wurde. Luxemburg und Österreich sind die bisher einzigen EU-Mitgliedsländer, die einen automatischen EU-internen Informationsaustausch über Bankeinlagen und Steuersünder ablehnen. Beide Länder kündigten jedoch an, ihre Sicherheitsregeln zu vereinfachen.
Mit dem Zusammenbruch zyprischer Banken und ihrer begleitenden Dienstleistungen fielen plötzlich viele Jobs für die Zyprer weg. Sie machten "Nazis" wie die Bundeskanzlerin Angela Merkel für ihr Unglück verantwortlich. Andererseits sorgte es bei den deutschen Steuerzahlern für Stirnrunzeln, als Statistiker der Europäischen Zentralbank bekannt gaben, dass das durchschnittliche Nettovermögen pro Haushalt in Zypern rund 267.000 Euro beträgt. In Deutschland sind es nur 51.000 Euro.
Wie könnte sich Zypern diesmal neu erfinden?
Zypern liegt 50 Meilen südlich der Türkei, aber 500 Meilen östlich von Griechenland.
Es könnte beginnen, mit den unmittelbaren Nachbarn zu kooperieren, um Erdgas aus kürzlich entdeckten Vorkommen im Meer zwischen Zypern und der Türkei und in dem Aphrodite-Gasfeld im Süden Zyperns zu gewinnen.
Das Erdgas könnte über kurze Pipelines in die Türkei transportiert werden und von dort aus nach Israel, Ägypten und Griechenland.
Die Wirtschaft der türkischen Republik Nordzypern wächst und könnte damit für einen Impuls im Konsumverhalten sorgen und somit zum Wirtschaftswachstum der ganzen Insel beitragen.
Das wäre möglich, obwohl das BIP pro Kopf im Norden nur die Hälfte des BIP im Süden ausmacht.
Gasförderung steht noch am Anfang
Beginnt die wirtschaftliche Zusammenarbeit erst einmal, könnten der türkische Norden und der griechische Süden sogar wieder auf den UN-Kompromiss zur Wiedervereinigung von 2004 zurückkommen.
Die Gasförderung steht zwar noch am Anfang, und jedes zeitnah begonnene Projekt würde keine signifikanten Einnahmen bis 2018 oder 2020 einbringen.
Aber wenn das den Weg zu einer neuen Transformation aufzeigt, was bedeuten dann fünf oder zehn Jahre Wartezeit für eine Insel, die 12.000 Jahre alt ist?
Elizabeth Pond
(Dieser Artikel, gleichzeitig erschienen im World Policy Journal, wurde EURACTIV.de von der Autorin zur Verfügung gestellt. Übersetzt von Christin Scheller.)
Links:
World Policy Journal: Cyprus Crisis: An Island of Reinvention
EURACTIV.com: Cypriot crisis: An island of reinvention

