Wie lange hält Frankreichs Investitionsattraktivität noch an?

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Etwa 17 Prozent aller neuen Investitionsprojekte im Jahr 2023 stammen aus den USA. Damit sind die USA die wichtigste Quelle für ausländische Direktinvestitionen in Frankreich, noch vor Deutschland (15 Prozent) und dem Vereinigten Königreich (zehnProzent). Aber das könnte sich bald ändern. [ALAIN JOCARD/EPA-EFE]

Ausländische Investitionsprojekte in Frankreich nehmen das dritte Jahr in Folge zu. Damit ist es bei weiterhin der Favorit der globalen Wirtschaft innerhalb der EU. Allerdings äußerten US-Investoren wachsende Bedenken hinsichtlich der Personalkosten und dem Bürokratieaufwand.

Die am Donnerstag (29. Februar) von der französischen Regierung veröffentlichten Zahlen zeigen, dass im Jahr 2023 1.815 neue Projekte für ausländische Direktinvestitionen (ADI) bestätigt wurden. Es wird erwartet, dass diese in den nächsten drei Jahren 59.254 Arbeitsplätze schaffen oder erhalten werden.

Etwa ein Drittel dieser Projekte wird in strategische Industriezweige im Rahmen des 54-Milliarden-Euro-Investitionsplans „France 2030“ angesiedelt. Dazu gehören Projekte in den Bereichen künstliche Intelligenz, Quantenphysik und ökologischer Wandel. Weitere Schlüsselindustrien, auf die ausländische Direktinvestitionen abzielen, sind die Automobilindustrie, das Gesundheitswesen und die Agrar- und Ernährungswirtschaft.

„Unsere Attraktivität trägt zur wirtschaftlichen Souveränität bei“, hieß es am Donnerstag gegenüber Reportern aus dem französischen Verkehrsministerium.

Frankreich ist seit vier Jahren in Folge die Nummer eins unter den Empfängern ausländischer Direktinvestitionen in der EU. Neue Zahlen zeigen, dass sich die Bereitschaft von Präsident Emmanuel Macron, „Frankreich in ein wirtschaftsfreundliches Land zu verwandeln, […] auszahlt“, teilte der Élysée-Palast den Reportern mit.

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Schwindendes Vertrauen der US-Anleger

Die Situation ist jedoch etwas differenzierter zu betrachten.

Etwa 17 Prozent aller neuen Investitionsprojekte im Jahr 2023 stammen aus den USA. Damit sind die USA die wichtigste Quelle für ausländische Direktinvestitionen in Frankreich, noch vor Deutschland (15 Prozent) und dem Vereinigten Königreich (zehn Prozent). Aber das könnte sich bald ändern.

Nur einen Tag zuvor hatte eine neue jährliche Umfrage über das Vertrauen der US-Investoren in die französische Wirtschaft ergeben, dass die Zuversicht über eine ähnlich gute Entwicklung des Landes wie vor einigen Jahren allgemein gesunken ist.

Die Wahrnehmung Frankreichs durch US-Unternehmen als „ausgezeichnet“ oder „gut“ ist in den letzten zwei Jahren um zwölf Prozentpunkte auf 52 Prozent gesunken, so das Barometer 2024 der amerikanischen Handelskammer für Frankreich.

Dennoch beurteilen 36 Prozent der Befragten die wirtschaftlichen Aussichten Frankreichs positiv. Dies entspricht einem Anstieg von 22 Prozent im Jahr 2022, liegt aber unter der durchschnittlichen Einschätzung in den späten 2010er Jahren.

„Angesichts des inflationären Umfelds und der zaghaften Erholung des Konsums ziehen wir es vor, vorsichtige Prognosen abzugeben“, wird ein namentlich nicht genannter Finanzvorstand in der Umfrage zitiert.

Große Sorgen bereiten vor allem die Personalkosten, das geltende Arbeitsrecht und hohe bürokratische Aufwand. Sie alle werden als Hindernis für die Rechtssicherheit empfunden.

„Dies spiegelt die historischen Schwächen Frankreichs wider, die Investoren weiterhin beunruhigen und die durch die Stärken Frankreichs nicht ausreichend kompensiert werden“, so der Bericht.

Der Élysée-Palast wies diese Kritik zurück. Er verwies stattdessen auf eine Reihe anderer Indikatoren, die Frankreichs innovationsfreundliche Haltung und die Qualität seiner Arbeitskräfte belegen.

Außerdem führte Paris wichtige Reformen seit Macrons Amtsantritt im Jahr 2017 an. Diese zielten darauf ab, die Arbeitskosten zu senken, eine Pauschalsteuer von 30 Prozent auf Dividenden einzuführen, die Unternehmenssteuer von 33 Prozent auf 25 Prozent zu senken und vor kurzem neue Steuererleichterungen für Investitionen in eine umweltfreundliche Industrie einzuführen.

„Wir haben die Reformen trotz Krisen durchgesetzt“, hieß es weiter. Ziel war es, die Transparenz der Vorschriften für Investoren zu erhöhen und gleichzeitig „das Vertrauen zwischen Geschäftsführern und dem [französischen] Präsidenten“ zu stärken.

EU-Kommissionsvize will Industrie und Umweltpolitik zusammenbringen

Das Topthema in Brüssel ist die industrielle Wettbewerbsfähigkeit und die Frage, wie diese enger mit dem EU-Green Deal verknüpft werden kann. Kommissionsvizepräsident Maroš Šefčovič, der im vergangenen Jahr mit der Leitung des Green-Deal-Ressorts betraut wurde, hat diesbezüglich einen Plan.

Schwankende Unterstützung für Kapitalmarktunion

Wachsende Bedenken von US-Investoren fließen in eine breitere EU-Diskussion über Reibungen im Kapitalverkehr im EU-Binnenmarkt ein. Gleichzeitig wächst das Interesse an einer Wiederbelebung der Pläne für eine Kapitalmarktunion, die seit ihrer Einführung vor fast zehn Jahren im Jahr 2015 unter der Juncker-Kommission immer wieder ins Stocken geraten sind.

„Wir müssen das europäische Wachstum wieder in Gang bringen“, forderte Wirtschaftsminister Bruno Le Maire letzte Woche bei einem informellen Treffen der 27 Wirtschafts- und Finanzminister der EU in Gent.

Er beklagte den Mangel an verfügbaren Mitteln zur Förderung privater Investitionen, der nur durch die „unverzügliche“ Einführung der Kapitalmarktunion behoben werden könne: „Drei Milliarden Euro stehen [an französischen Ersparnissen] zur Verfügung, von denen ein großer Teil inaktiv ist, während der andere Teil das Wachstum in Asien und den USA finanziert. Halten Sie das für akzeptabel?“

Die Mitgliedstaaten wurden aufgefordert, auf freiwilliger Basis mit der Arbeit an den Konturen der Kapitalmarktunion zu beginnen, um die privaten Geldströme innerhalb der EU zu vereinfachen. Dies könnte sich zu einer der bedeutendsten Wirtschaftsreformen der letzten Jahrzehnte entwickeln.

Bei mehreren Gesprächen, die letzte Woche in Brüssel stattfanden, war die allgemeine Erwartung hinsichtlich der Bereitschaft der Mitgliedstaaten, die Umsetzung der Kapitalmarktunion wiederzubeleben, jedoch weniger optimistisch.

Auf zwei vom European Parliament Financial Sector Forum (EPFSF) und dem European Roundtable of Industrialists (ERT) organisierten Binnenmarktveranstaltungen wiesen hochrangige Vertreter wie Enrico Letta, ehemaliger italienischer Ministerpräsident und verantwortlich für den im nächsten Monat anstehenden hochrangigen EU-Bericht über den Binnenmarkt, und die Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, Margrethe Vestager, auf das anhaltende Risiko hin, dass Kapitalströme aufgrund der Fragmentierung des EU-Binnenmarkts in andere Staaten abfließen.

Wenn es nicht gelinge, einige hartnäckige Widerstände auf nationaler Ebene zu überwinden, um die EU-weiten Kapitalmärkte zu verwirklichen und die Vereinheitlichung der 27 Finanzsektoren der EU zu beschleunigen, würde dies der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Finanzmärkte erhebliche Schwierigkeiten bereiten, warnte Letta.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic/Anna Brunetti/Kjeld Neubert]

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