Weltpremiere: Britische Uber-Arbeiter werden angestellt und angemessen bezahlt

Ab dem heutigen Mittwoch werden nun die "mehr als 70.000 Fahrer in Großbritannien als Arbeitnehmer behandelt: Sie werden mindestens den nationalen existenzsichernden Lohn verdienen, wenn sie für Uber fahren," so das Unternehmen. [EPA-EFE/WILL OLIVER]

Uber hat am Dienstag bekanntgegeben, dass es seinen Fahrerinnen und Fahrern im Vereinigten Königreich künftig den Status „Arbeitnehmende“ gewähren wird. Für die zukünftigen Angestellten ergeben sich „Vorteile“ wie Bezahlung nach dem Mindestlohn. Für das US-Fahrdienstunternehmen ist dies eine Weltpremiere.

Einige Wochen nach einem wegweisenden Urteil des Obersten Gerichtshofs, das die britische „Gig-Economy“ mit ihren 5,5 Millionen Arbeiterinnen und Arbeitern erschüttern könnte, kündigte Uber an, die Fahrerinnen und Fahrer würden künftig auch Urlaubsgeld und eine Rente erhalten. Es ist eine grundlegende Änderung des Geschäftsmodells des Unternehmens, dass bisher auf Scheinselbstständigkeit und Arbeitsabhängigkeit ohne entsprechende Gegenleistungen gebaut hatte. Vor dem Obersten Gerichtshof hatte Uber noch argumentiert, die Fahrerinnen und Fahrer seien selbstständig und daher selbst für Dinge wie Versicherungen zuständig.

Ab dem heutigen Mittwoch werden nun die „mehr als 70.000 Fahrer in Großbritannien als Arbeitnehmer behandelt: Sie werden mindestens den nationalen existenzsichernden Lohn verdienen, wenn sie für Uber fahren,“ so das Unternehmen in einer Erklärung. Betont wird auch: „Dies ist eine Untergrenze und keine Obergrenze. Die Fahrer können also mehr verdienen.“

Das Gericht hatte im vergangenen Monat entschieden, dass die Fahrerinnen und Fahrer von Uber Anspruch auf die Rechte von Arbeitnehmenden haben. Die Entscheidung war der Schlusspunkt eines langwierigen Rechtsstreits zwischen britischen Scheinselbstständigen und dem Fahrdienstunternehmen aus dem Silicon Valley.

Italienische Lieferdienstfahrer sollen angestellt werden

Die Staatsanwaltschaft in Mailand hat am Mittwoch in einer Pressekonferenz angekündigt, dass die Essenslieferdienste Uber Eats, Glovo-Foodinho, Deliveroo und Just Eat innerhalb der nächsten drei Monate rund 60.000 Fahrerinnen und Fahrer per „Kooperationsvertrag“ einstellen sollen.

Uber erklärte weiter, die Entscheidung bedeute, „dass die Fahrer zukünftig mit größerer Sicherheit arbeiten und Geld verdienen werden, was ihnen hilft, für ihre Zukunft zu planen und gleichzeitig die Flexibilität beizubehalten, die für die Privatvermietungsbranche unerlässlich ist.“

Freilich kommen auf Uber nun höhere Kosten zu. Gleichzeitig kämpft das Unternehmen aufgrund der COVID-19-Pandemie mit sinkenden Fahrerbuchungen. Allerdings gibt es eine starke Nachfrage nach dem Essenslieferdienst Uber Eats. Uber erwarte daher nicht, dass die Änderungen bei Anstellung und Bezahlung das Nettoergebnis in diesem Jahr beeinflussen wird, so das Unternehmen in einem US-Regulierungsantrag.

Unterschiedliche Regeln

„Wir haben eingesehen, dass Plattformen wie unsere in verschiedenen Ländern unterschiedlich funktionieren werden,“ schrieb Uber-Chef Dara Khosrowshahi in einem Leitartikel im Evening Standard. „Die Zukunft der Arbeit ist ein zu großes Thema für eine Einheitslösung, und das ist auch gut so,“ so der CEO weiter.

Er hatte zuvor noch für einen „dritten Weg“ plädiert: Man müsse neben Angestellten und selbstständigen Auftragnehmenden künftig Gigworker als eigene „Arbeiterkategorie“ klassifizieren.

Die Gewerkschaft Services Employees International, die sich für den Arbeitsschutz von Uber-Fahrern in den Vereinigten Staaten einsetzt, begrüßte derweil die britischen Entwicklungen: „Dies entlarvt die jahrelange Panikmache von Rideshare-Unternehmen wie Uber als falsch und stellt klar, dass Uber jederzeit in der Lage ist, zu entscheiden, seine Fahrerinnen und Fahrer korrekt anzustellen und ihnen einen existenzsichernden Lohn mit guten Leistungen zu zahlen“, sagte SEIU-Präsidentin Mary Kay Henry gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.

Gewerkschaftsboss: Die moderne Arbeitswelt ist ein "absoluter Dschungel"

Die Gewerkschaften haben es viel zu lange versäumt, Veränderungen auf einem zunehmend schnellebigen und unbeständigen Arbeitsmarkt zu erahnen und auf sie zu reagieren, so der Generalsekretär des Europäischen Gewerkschaftsbundes.

Im vergangenen Monat hatte das oberste Gericht in Kalifornien das Ergebnis einer Volksabstimmung bestätigt, nach der Gigworker weiterhin als selbstständige Auftragnehmende behandelt werden können. Fahrerinnen und Fahrer von Mitfahrzentralen und Essenslieferungs-Apps hatten geklagt und versucht, die als Proposition 22 eingeführte Gesetzgebung per Referendum für ungültig erklären zu lassen.

Mit Proposition 22 – im November verabschiedet und stark von Uber, Lyft und anderen App-basierten On-Demand-Lieferdiensten unterstützt – wurde ein vorheriges Bundesstaatsgesetz gekippt, das die Unternehmen verpflichtet hatte, die Scheinselbstständigen als Angestellte anzusehen und entsprechende Arbeitgeberleistungen zu bieten.

Im Referendum wurde Proposition 22 unterstützt – nach massiver Lobby- und Werbearbeit der betroffenen Unternehmen. Gewerkschaften kritisieren weiterhin, die Initiative würde Arbeitnehmerrechte und -leistungen aushöhlen. Die Befürworter verweisen hingegen auf das angeblich „flexiblere“ Business-Modell.

Weitere Entwicklungen in Europa

In der Europäischen Union hatte die spanische Regierung Anfang des Monats eine Vereinbarung angekündigt, mit der Fahrerinnen und Fahrer für Essenslieferdienste wie Deliveroo und Uber Eats als Angestellte anerkannt werden. Zuvor hatte es zahlreiche Beschwerden über die Arbeitsbedingungen gegeben.

In Italien hat die Staatsanwaltschaft Uber Eats und anderen Essenslieferplattformen ebenfalls mitgeteilt, dass die Kuriere tatsächlich Angestellte und keine unabhängigen Arbeiterinnen und Arbeiter seien. Die Plattformen wurden zu Geldstrafen in Höhe von insgesamt 733 Millionen Euro wegen Verletzungen der Arbeitsschutzvorschriften verurteilt.

Lieferdienste: Spanische (Schein-)Selbstständige sollen Angestellte werden

Die spanische Regierung bereitet ein neues Gesetz vor, das die Arbeitnehmerrechte von Essenslieferanten verbessern und ihnen den Status von Festangestellten – statt selbstständig Tätigen – zusprechen soll.

EU-Kommission will Sozialstandards für Plattformarbeit vorlegen

Die EU-Kommission will Mindeststandards festlegen und möglicherweise Rentenansprüche sowie Versicherungspflichten durchsetzen. Die Industrie selbst betont die wichtige Bedeutung von Flexibilität.

IG BCE-Chef: "Der Soziale Dialog muss gestärkt aus der Pandemie hervorgehen"

Knapp ein Jahr nach Ausbruch der Coronavirus-Krise in Europa hat sich die Arbeitswelt drastisch verändert. Im Interview mit EURACTIV.de spricht der Gewerkschaftsvorsitzende Michael Vassiliadis über die nun anstehenden Aufgaben der EU.

Subscribe to our newsletters

Subscribe
UNTERSTÜTZEN