Was sollte die Europäische Zentralbank gegen Inflation tun?

Im Oktober 2021 erreichte die jährliche Inflationsrate 4,1%, im November 2021 sollte diese Zahl laut Eurostat voraussichtlich auf 4,9% steigen. [EPA-EFE/RONALD WITTEK]

Angesichts zunehmender Inflationsängste warnen Analyst:innen, dass solange Energiekosten und Lieferkettenprobleme die Inflation antreiben, die Europäische Zentralbank außer Kommunikation nicht viel mehr gegen das Problem tun kann. 

Im Oktober 2021 erreichte die jährliche Inflationsrate 4,1%, im November 2021 sollte diese Zahl laut Eurostat voraussichtlich auf 4,9% steigen. Die Europäische Zentralbank (EZB) ist jedoch nicht übermäßig besorgt, wie Isabel Schnabel, Mitglied des Direktoriums der EZB, in einer Rede im November erklärte.

„Auf unserer letzten EZB-Ratssitzung sind wir zu dem Schluss gekommen, dass es trotz erheblicher Unsicherheiten nach wie vor gute Gründe für die Annahme gibt, dass die Inflation im Euroraum im nächsten Jahr deutlich zurückgehen und mittelfristig allmählich wieder unter unser Ziel von zwei Prozent fallen wird“, sagte Schnabel.

Inflationsängste

Auch wenn die EZB argumentiert, dass die jährliche Inflation 2022 deutlich zurückgehen wird, werden die Bedenken immer lauter.

So argumentierte Christian Lindner, Deutschlands neuer Finanzminister, dass es aufgrund des Inflationsdrucks keinen Spielraum für Steuererhöhungen oder zusätzliche Staatsverschuldung gibt.

Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass vor allem Energiepreise die Inflation antrieben. Laut Eurostat sollten die Energiepreise im November 2021 im Jahresvergleich voraussichtlich um 27% steigen. Die Kosten für andere Produkte und Dienstleistungen, die zur Berechnung der Inflation herangezogen werden, steigen im Jahresvergleich voraussichtlich nur um 2,5%. Dies liegt nur leicht über dem mittelfristigen Inflationsziel von 2%.

Schuld ist die Angebotsseite

Der Finanzökonom Florian Kern vom deutschen Think Tank Dezernat Zukunft erklärt, dass ein Teil des Inflationsanstiegs mit so genannten Basiseffekten erklärt werden kann.

„Viele Preise sind im letzten Jahr gesunken. Zum Beispiel sind die Preise für Pauschalreisen gesunken, weil die Leute nicht in den Urlaub fahren konnten. Und da wir die Inflation als Preisveränderung im Vergleich zum Vorjahresmonat messen, implizieren die niedrigen Preise im letzten Jahr eine recht hohe Inflationsrate in diesem Jahr, selbst wenn sich die Preise normalisieren“, erklärte er gegenüber EURACTIV.

Darüber hinaus betonte Kern, dass „die Inflation in Europa hauptsächlich eine Sache der Angebotsseite ist“. Das bedeutet, dass die Gründe für die Preiserhöhungen nicht in einer unhaltbar hohen Verbrauchernachfrage liegen, sondern in Versorgungsengpässen.

Verursacht werden diese durch Unterbrechungen der Lieferkette, COVID-bedingte Fabrikschließungen und die Tatsache, dass Russland seine Gaslieferungen nach Europa erheblich reduziert hat.

Normalerweise werden die Zentralbanken als die Herren des Preisniveaus angesehen. Bei einem Treffen des Wirtschaftsausschusses des EU-Parlaments mit EZB-Präsidentin Christine Lagarde machte beispielsweise der niederländische Abgeordnete Michiel Hoogeven die Geldpolitik der EZB für die steigenden Hauspreise in den Niederlanden verantwortlich.

Solange aber angebotsseitige Faktoren die Inflation antreiben, so Kern, „kann die EZB nichts gegen den Preisanstieg tun“.

„Wenn man den Menschen, die von den Preissteigerungen betroffen sind, helfen will, dann muss man Umverteilungsmaßnahmen ergreifen. Die Regierungen und Parlamente sind hier die relevanten Akteure, nicht die Zentralbanken.“

EZB-Direktoriumsmitglied: Die Politik der Bank kann zu Ungleichheit führen

Isabel Schnabel argumentierte, dass die EZB-Geldpolitik zwar zu einem Rückgang der Ungleichheit bei den Arbeitseinkommen geführt hat, ihre Programme zum Ankauf von Vermögenswerten jedoch zu einer Vermögensungleichheit führen würden.

Nach Kern müsste die EZB ihre Politik nur dann anpassen, wenn Löhne automatisch an die Inflation angepasst werden. Dies würde eine Lohn-Preis-Spirale auslösen, bei der Unternehmen aufgrund höherer Lohnkosten die Preise erhöhen und die Löhne erhöht werden müssten, um die Kaufkraft der Arbeitnehmer:innen zu sichern, was wiederum die Lohnkosten erhöhen würde.

Laut Kern gibt es jedoch keine Anzeichen für eine Lohn-Preis-Spirale in Europa.

„Wenn man nicht glaubt, dass eine Lohn-Preis-Spirale droht, dann sollte man die Zinsen nicht erhöhen. Das würde nur den Wohlstand vernichten“, so Kern.

Inflationserwartungen

Wirtschaftsprofessor Rüdiger Bachmann stimmte zu, dass eine Lohn-Preis-Spirale in Europa derzeit nicht droht.

Er warnte jedoch vor der Erwartungskomponente in der Inflation.

„Die längerfristigen Inflationserwartungen in Europa sind im Vergleich zu früher angestiegen. Wenn die Menschen Inflation erwarten, kann dies zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden“, so Bachmann gegenüber EURACTIV.

Er sagte dennoch, dass die EZB derzeit viele Dinge richtig macht.

„Ich stimme zu, dass die Inflation scheinbar vorübergehend ist, aber ich vermisse einen zweiten Teil in der Kommunikation der EZB. Was ich von der EZB gerne hören würde, ist, dass ‚wenn die Sache außer Kontrolle gerät, werden wir eingreifen. Wir haben keine Skrupel, zu tun, was nötig ist'“, betonte er.

„Solange die Menschen glauben, dass die EZB ihren Job macht, wird es schon klappen.“

Sollte Lagarde gnadenloser sein?

Bachmann betonte, wie bedeutend die Glaubwürdigkeit der Zentralbanken ist. Doch sei er sich nicht sicher, ob EZB-Präsidentin Christine Lagarde die gleiche Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit besitze wie ihr amerikanischer Amtskollege Jerome Powell.

Powell wurde kürzlich von Präsident Biden erneut zum Präsidenten des amerikanischen Zentralbank-Systems ernannt, nachdem er zuvor von Präsident Trump nominiert wurde.

„Man will Leute einsetzen, die fast so gnadenlos sind, dass sie sogar Rezessionen und erhöhte Arbeitslosigkeit zulassen, um die Inflation zu stoppen“, sagte er. Je glaubwürdiger diese Drohung sei, desto weniger müsse eine Zentralbank sie einsetzen.

Kern argumentierte jedoch, dass man die Zentralbanken nicht fürchten, sondern verstehen müsse. Zudem sah er keine Anzeichen dafür, dass die Inflationserwartungen außer Kontrolle geraten sind.

„Die impliziten Inflationserwartungen des Marktes liegen mittelfristig knapp unter 2%“, sagte er. Es gebe keine Anzeichen dafür, dass die Märkte der EZB nicht zutrauen, einzugreifen, wenn die Inflation außer Kontrolle gerät.

[Bearbeitet von Alice Taylor]

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