Wann Arbeit sich nicht lohnt

Das Kölner Institut für Wirtschaftsforschung (IW) hat in einer neuen Studie berechnet, wie viel von einer Gehaltserhöhung die Menschen behalten dürfen: „Sogar Menschen im unteren Einkommensbereich haben von Lohnerhöhungen kaum etwas“. [shutterstock]

Leistung muss sich lohnen, das zählt in Deutschland zum gesellschaftlichen Grundkonsens. Wer mehr arbeitet, soll entsprechend mehr Geld im Portemonnaie haben. Die Realität sieht jedoch oft anders aus. EURACTIVs Medienpartner WirtschaftsWoche berichtet.

Wenn jemand in Deutschland mehr verdient als vorher, sei es wegen einer Lohnerhöhung oder eines neuen Jobs, kommt davon oft kaum etwas in seinem Portemonnaie an. Das geht so weit, dass ein Zusatzverdienst bei manchen Einkommensgruppen sogar dazu führt, dass sie punktuell weniger Geld haben.

Das Kölner Institut für Wirtschaftsforschung (IW) hat in einer neuen Studie berechnet, wie viel von einer Gehaltserhöhung die Menschen behalten dürfen. Ihr ernüchterndes Fazit: „Sogar Menschen im unteren Einkommensbereich haben von Lohnerhöhungen kaum etwas“, wie Studienkoautor Tobias Hentze erklärt. Das gelte „vor allem im Bereich des Mindestlohns und im Übergang von Mini- zu Midi-Jobs“.

Verantwortlich ist etwas, das in Ökonomenkreisen den etwas sperrigen Namen „Grenzbelastung“ trägt. Sie besagt, wie viel von jedem zusätzlichen Euro auch netto ankommt – und wie viel eben nicht. Läge die Grenzbelastung bei 80 Prozent, kämen also nur 20 Cent des ursprünglichen Euros im Portemonnaie an.

Offensichtlichster Grund für diese Belastung sind Steuern und Sozialabgaben. Für die meisten Gehaltsstufen liegt die Belastung der IW-Studie zufolge zwischen 40 und 50 Prozent. Die IW-Forscher machen dabei einen krassen Ausschlag nach oben aus: Beim Übergang von 5400 zu 5500 Euro Jahreseinkommen springt die Grenzbelastung einmalig auf 390 Prozent. An dieser Stelle endet die Abgabenfreiheit der Minijobs und es werden Sozialabgaben fällig.

Doch diese Art, die Grenzbelastung zu berechnen, ist nicht unumstritten. In der Regel beziehen Forscher zusätzlich wegfallende Sozialleistungen mit ein. Schließlich werden Hartz IV, aber auch Zuschüsse für Kinder oder Wohnen mit zunehmendem Gehalt immer weniger, bis sie schließlich ganz versiegen. Dem zusätzlichen Nettogehalt durch den Job steht also ein Minus an Sozialleistungen gegenüber.

Erst voriges Jahr haben Ökonomen des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung auf dieser Grundlage für verschiedene Modellfälle die Grenzbelastung errechnet: Singles, Alleinerziehende, Paare mit und ohne Kinder. Auch sie bilanzieren: Arbeit lohnt sich ausgerechnet für Niedrigstverdiener kaum.

Bei Singles liegt die Grenzbelastung bei niedrigen Einkommen zwischen 14.400 und 17.000 Euro im Jahr demnach bei 100 Prozent – sie dürfen also keinen einzigen Cent ihres Zusatzverdienstes behalten. Ein Alleinerziehender mit Kind muss sogar mehrfach draufzahlen, wenn er brutto mehr verdient: Bei 14.100 Euro, 18.000 Euro und 19.600 Euro springt die Grenzbelastung auf über 100 Prozent.

Immerhin hat sich die Situation in den vergangenen Jahren verbessert. Darauf deuten zumindest die Daten des IW hin, das in einem zweiten Schritt die Grenzbelastung im Zeitverlauf simuliert hat. Seit dem Jahr 2000 ist die Belastung für die meisten Einkommensgruppen demnach kontinuierlich gesunken.

Das IW sieht dennoch Handlungsbedarf, gerade bei niedrigeren Einkommen. „Mit Blick auf den Fachkräftemangel sollten Lohnerhöhungen in den unteren und mittleren Einkommen nicht zum Nachteil werden“, monieren die Autoren und bilanzieren: „Arbeit muss sich für die Arbeitnehmer lohnen.“

 

 

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