Ungarischer Wirtschaftsexperte sieht „Trendwende“

Mit seinem Werk im westungarischen Györ ist Audi einer der wichtigsten Auslandsinvestoren in Ungarn. Für die eigene wirtschaftliche Entwicklung ist Ungarn daher sehr bemüht, diese im Land zu halten. Foto : Audi MediaServices

Mit einer Offensive will Ungarn – der vielfältigen Kritik aus der EU zum Trotz – ausländische Investoren anwerben. Der führende ungarische Wirtschaftswissenschaftler László Csaba war in Berlin, um Banken- und Industrievertretern ein solides Wirtschaftswachstum anzukündigen.

An internationale Kritik hat sich Ungarn in der letzten Zeit gewöhnen müssen. Zur Kritik an politischen Entscheidungen der Regierung Viktor Orbán kommt eine seit Jahren schwächelnde Wirtschaft, mit einem – wenn überhaupt – sehr schwachen Wirtschaftswachstum, einer hohen öffentlichen Verschuldung und einer hohen Inflation.

Doch mit den negativen Schlagzeilen soll jetzt Schluss sein. Das zumindest prognostizierte der ungarische Wirtschaftswissenschaftler László Csaba am Freitag (28. Juni) gegenüber deutschen Vertretern von Banken und Industrie in der ungarischen Botschaft in Berlin. Er sehe eine klare "Trendwende" für die wirtschaftliche Entwicklung seines Landes, so Csaba, und begründete dies mit positiven Entwicklungen in unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen.

So erwarte man einen Anstieg des Wirtschaftswachstums von 0,5 Prozent (2013) auf etwa 1,5 Prozent (2014), sagte Csaba. Dies sei vor allem einem Anstieg der Investitionen im Bausektor zu verdanken. Zudem werde mit einem Rückgang der Inflation des ungarischen Forint auf unter 3 Prozent gerechnet. Eine "historische Entwicklung", so Csaba, eine derart niedrige Inflationsrate habe es zuletzt in den 70er Jahren gegeben. Auch sei in Ungarn eine positive Entwicklung der Arbeitsmarktaktivität zu verbuchen, bei einer gleichzeitigen, verhältnismäßig niedrigen Arbeitslosenquote von derzeit 10,6 Prozent.

"Stabile Regierung" als Garant für solides Wachstum

Des Weiteren wies Csaba daraufhin, dass die EU-Kommission Ungarn vor kurzem aus dem Defizitverfahren entlassen habe. Ungarn sei damit zwar noch kein Vorreiterstaat, gehöre aber auch "nicht mehr zur 3. Bundesliga", so Csaba. Der Tatsache, dass Ungarn international als "Investment Spot" betrachtet werde, führe zudem zu einer konstant starken Investitionsrate von derzeit 18,9 Prozent. Darüber hinaus garantiere der hohe Anteil junger Ungarn an Universitäten dem Land eine "junges, dynamisches Unternehmertum", sagte Csaba.

Schließlich sei die "stabile ungarische Regierung" ein weiterer Wachstumsgarant für Ungarn – verglichen mit anderen EU-Staaten wie Großbritannien, den Niederlanden, Griechenland oder Italien. Den bereits umgesetzten Reformen der Regierung im Bereich Arbeitsmarkt sei es zudem zu verdanken, dass sich Ungarn in den nächsten Jahren innerhalb der EU in der "vorderen Mittelklasse" bewegen werde, sagte Csaba. All diese Elemente, so Csaba, würden das Wachstum auf eine "solide wettbewerbsfähige Basis" stellen.

Deutschland als wichtigster Investor

Auch der Botschafter Ungarns in Deutschland, József Czukor, sagte zu den anwesenden Vertretern deutscher Banken- und Industrieverbände: "Der Aufschwung wird kommen." Ungarn habe bereits die schwersten Zeiten der Krise bewältigt und sei nun auf dem richtigen Weg. Czukor bat daher auch um "moderatere Diskussionen über Ungarn". Die ständige Kritik würde nur dem gemeinsamen Interesse schaden.

Ausländische Investitionen sind für die ungarische Wirtschaft von großer Bedeutung. Nach Angaben des Auswärtigen Amts betrugen die ausländischen Direktinvestitionen im zweiten Quartal 2012 knapp 72 Milliarden Euro. Dabei liegt Deutschland mit einem Anteil von 24 Prozent deutlich an der Spitze. So sind Audi, Mercedes und Opel mit Werken in Ungarn vertreten, aber auch Unternehmen wie die Allianz, Telekom, E.ON, Siemens und Bosch. Laut Czukor sind 300.000 Ungarn – und damit jeder siebte Erwerbstätige des Landes – bei einem deutschen Unternehmen beschäftigt.

Sarah-Maria Hartmann

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