Ukraine-Krieg könnte zu dauerhaften Brain-Drain führen

Nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine hat die EU Mittel mobilisiert und das EU-Programm Erasmus+ zur Unterstützung ukrainischer Studenten innerhalb und außerhalb des Landes angepasst. [EPA-EFE/STEPHANIE LECOCQ]

Der Wiederaufbau der Ukraine ist ein zentrales Element, um das Risiko der dauerhaften Abwanderung von Studenten zu vermeiden und die Ukraine nach Beendigung der Kriegshandlungen wieder zu einem attraktiven Standort für Fachkräfte zu machen, sagen Wissenschaftler.

Nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine hat die EU Mittel mobilisiert und das EU-Programm Erasmus+ zur Unterstützung ukrainischer Studenten innerhalb und außerhalb des Landes angepasst.

„Die Idee ist, dass die Universitäten die Studenten oder Mitarbeiter unterstützen können, die in den letzten Monaten geflohen sind, und so zu ihrer Sicherheit beitragen“, sagte Nicoleta Popa, Projektkoordinatorin bei der ANPCDEFP-Agentur, die Erasmus+-Programme in Rumänien verwaltet.

Laut einer Studie des Forschungsdienstes des Europäischen Parlaments nehmen derzeit rund 480 ukrainische Studenten an Erasmus+ Aktivitäten teil.

Die Mobilität von Studenten aus der Ukraine hat nach dem Krim-Konflikt 2014 erheblich zugenommen. Im Jahr 2019 gingen 78 000 ukrainische Studierende ins Ausland, wobei über 60 Prozent von ihnen an Aktivitäten an europäischen Hochschulen teilnahmen.

Eine dieser Partnerschaften wird von der Universität Straßburg durchgeführt, die in Zusammenarbeit mit sieben Universitäten, darunter der Nationalen Taras-Schewtschenko-Universität Kyjiw in der Ukraine, ein gemeinsames Erasmus-Mundus-Masterprogramm (EMJM) in Chemoinformatik eingerichtet hat.

„Die Ukraine ist zu einem sehr wichtigen Partner geworden“, sagte Professor Alexandre Varnek, Leiter des Chemoinformatik-Masters in Straßburg, gegenüber EURACTIV. Er fügte hinzu, dass die Beziehungen mit der ukrainischen Universität in den frühen 2000er Jahren begannen.

Das Programm ermögliche es den Studenten, ein Jahr an einer der Partneruniversitäten zu verbringen. Der Krieg habe nun die Partnerschaft mit einer russischen Universität beendet und die Mobilität in die Ukraine beeinträchtigt.

„Das Problem ist, dass wir jetzt keine ausländischen Studenten nach Kyjiw schicken können, aber ich gehe davon aus, dass wir 2023 wieder normal arbeiten können“, sagte der Assistenzprofessor Gilles Marcou gegenüber EURACTIV.

Das Programm wurde so angepasst, dass die anderen Partneruniversitäten eine höhere Anzahl von Studenten, einschließlich Ukrainern, aufnehmen können.

„Sicherlich ist dies ein sehr kleiner Beitrag im Vergleich zu der gesamten Hilfe, die Europa leisten kann“, sagte Varnek.

Dennoch könnte dies „sehr wichtig sein“, damit das Land nicht isoliert wird, während der Krieg weitergeht, fügte er hinzu.

Außerdem könnte dieser Austausch auch längerfristig helfen.

„Diese Spezialisten werden im Land benötigt, da es einige Industrieunternehmen gibt, in denen Methoden der Chemieinformatik häufig eingesetzt werden“, erklärte Varnek.

Dem Brain-Drain entgegenwirken

Der Konflikt könnte jedoch auch zu einem Brain-Drain (Abwanderung von Fachkräften) führen, denn viele Studenten entscheiden sich für einen dauerhaften Umzug ins Ausland.

Eine im Juni vom Erasmus Student Network (ESN) durchgeführte Umfrage unter 528 ukrainischen Studierenden ergab, dass 41 Prozent der Befragten nicht weiter in der Ukraine studieren werden, während 37 Prozent noch nicht entschieden haben, wo sie ihr Studium fortsetzen werden.

In einer im März veröffentlichten Erklärung forderte eine Gruppe europäischer Universitäten, das ESN, die European Students‘ Union und die European University Foundation die EU auf, „das Risiko des Brain-Drain aufgrund des Krieges zu berücksichtigen.“

Neben der Nothilfe betonte die Gruppe, wie wichtig es sei, den Ukrainern zu helfen, „reibungslos an ihre Alma Mater zurückzukehren, wenn die Umstände es erlauben“.

Weiterhin wird betont, dass „junge Menschen und eine starke akademische Gemeinschaft für den Wiederaufbau des Landes nach dem Krieg entscheidend sind“.

Die Wiederaufbaubemühungen werden eine Schlüsselrolle dabei spielen, Talente in die Ukraine zurückzuholen, so Marcou.

„Es hat keinen Sinn, alle französischen Köpfe in Frankreich zu behalten, und es hat keinen Sinn, alle ukrainischen Köpfe in der Ukraine zu behalten. Wir müssen in der Ukraine, wie in Frankreich, Bedingungen schaffen, unter denen die Menschen arbeiten und ihr Leben genießen können. Nur so wird das Land langfristig in der Lage sein, sich wiederaufzubauen.“

[Bearbeitet von Vlad Makszimov und Nathalie Weatherald]

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