Das „Griechenland-Bashing“ muss aufhören, fordert Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder. Der frühere SPD-Chef erwartet auch, dass Griechenland in der Eurozone bleibe. EURACTIV.de dokumentiert das siebenminütige Interview, das Schröder dem griechischen Fernsehen gegeben hat.
"In den Augen der meisten Griechen sieht es so aus, als wäre Deutschland bei der Bewältigung der Euro-Krise zu kleinherzig gewesen. Ist das berechtigt?", fragte der griechische Journalist Kostas Argyros den deutschen Altkanzler Gerhard Schröder während dessen Urlaubs auf der Insel Kos.
Das griechische Fernsehen zeigte knapp sieben Minuten des Gespräches in deutschem Originalton mit griechischen Untertiteln. Auf Griechisch schreibt sich Gerhard Schröder so: ????????? ???????.
Mehr Solidarität aus Deutschland
Am Anfang seien Fehler gemacht und es sei nicht schnell genug gehandelt worden, so Schröder. "So wäre es preiswerter geworden."
"Deutschland übt Solidarität, aber ich könnte mir mehr vorstellen." Er finde es vor allem falsch, das Versagen der ökonomischen und politischen Eliten gleichzusetzen mit dem griechischen Volk, "das fleißig ist".
Griechenland mehr Zeit geben
Wenn man aber jetzt feststelle, dass Griechenland seine Reformen mache und sich erneuere, müsse man ihm auch die Zeit geben, um die Lasten gerecht zu verteilen.
"Vor allem wünsche ich mir, dass das Griechenland-Bashing aufhört." Diese Forderung zielt gegen Wirtschaftsminister Philipp Rösler und die CSU. "Der deutsche Wirtschaftsminister versucht, seinen Job als Vorsitzender der liberalen Partei mit dem Griechenland-Bashing zu retten. Das ist völlig falsch."
Das gelte auch für Politiker in Bayern, die glaubten, sie könnten Landtagwahlen mit Griechenland-Bashing gewinnen. "Das ist doch nicht in Ordnung."
Er erwarte sich, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel sage: So geht das nicht! Das gefährde den Zusammenhalt Europas. Das hätten die Griechen nicht verdient.
Steuern bezahlen und im Land investieren
Auf die Frage, was Griechenland benötige, um wirtschaftlich in Fahrt zu kommen, sagte Schröder: "Diejenigen, die Geld haben – und Griechenland ist ja nicht nur arm –, die müssen ihre Steuern bezahlen und als Menschen, die sehr viel Geld haben, nicht den internationalen Jetset finanzieren, sondern in Griechenland und für die Griechen investieren."
Ferner müsse die Politik dafür sorgen, dass die Administration funktioniere und die Steuern auch erhoben werden können. Er empfahl "ein bisschen mehr von der alten spartanischen Disziplin".
Mehr Wachstum statt Sparen
Konsolidierung des Budgets sei wichtig, aber reiche nicht aus. "Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten muss man auch Wachstum finanzieren wollen." Daher sei das Verlangen, nicht nur Austerity, also Sparprogramme, zu betreiben, sondern auch Wachstum im Auge zu behalten, völlig berechtigt.
Es gebe Investitionsmöglichkeiten in der Infrastruktur, in der Energieversorgung, wo man mit europäischem Geld helfen könne.
Ob der Euro zu retten sei? "Ich bin ziemlich sicher, und ich hoffe und erwarte, dass Griechenland dabei bleibt. Das wird nicht einfach sein. Aber es ist möglich."
Das Bruttosozialprodukt Griechenlands mache etwa drei Prozent des Bruttosozialprodukts in der EU aus. "Das müsste mit Solidarität zu machen sein."
Europa funktioniert nicht nur nach Marktgesetzen
"Worum es mir besonders geht: Wir müssen aufhören, Europa nur zu definieren als einen Markt, der nach Marktgesetzen funktioniert. Europa ist ein Raum der Kultur!"
Was hier stattfinde, sei Teil Europas. Europa wäre ohne die griechische Kultur verdammt viel ärmer. "Natürlich müssen wir Finanzen im Auge behalten, aber Geld ist nicht der Ausdruck Europas. Das sollte in die Köpfe derer hinein, die jetzt die Entscheidungen treffen müssen."
Interessen der internationalen Spekulanten
Es gebe zwar Alternativen, "aber keine vernünftigen. Wenn man anfängt, jemanden loszulassen, zum Beispiel Griechenland, dann werden sich die internationalen Spekulanten den Nächsten vornehmen. Das sehen wir bereits in Portugal, Spanien, partiell auch in Italien, und dann wird’s eng – und zwar für ganz Europa!"
ekö
Link:
Interview mit Altkanzler Gerhard Schröder im griechischen Fernsehsender NET

