Ganz so viele wie im Herbst in Berlin sind nicht zusammengekommen an diesem Frühlingssamstag in Hannover. Doch der Protest gegen das geplante Freihandelsabkommen zwischen EU und USA ist genau so bunt, kreativ und entschlossen wie vor einem halben Jahr in der Hauptstadt.
90.000 Teilnehmer zählen die Organisatoren, 35.000 die Polizei. Junge und Alte haben Plakate gemalt und T-Shirts beschriftet, halten Luftballons hoch oder auch riesige Buchstaben: „Stop TTIP!“
„Wir wollen TTIP nicht haben. Wir wollen Demokratie, keine Geheimhaltungen und nicht die Macht der großen Konzerne“, sagt die 66-jährige ehemalige Grundschullehrerin Hanna Berlin aus Northeim. Ihr Mann Dieter, 73, ist nach Hannover gekommen, um für den Erhalt „unserer Bildungsstandards und Umweltstandards“ zu demonstrieren. Das Ehepaar war schon im Oktober in Berlin dabei – mit 250.000 anderen.
Jeder dritte Deutsche lehnt laut jüngster Umfrage das Vorhaben mittlerweile komplett ab. Die Rentner Sigrid und Heino Kirchhof aus Lohfelden gehören dazu. Sie gehen auch für ihre Enkelkinder auf die Straße, sagen sie: „Wir haben unsere Eltern gefragt, was sie im Dritten Reich gemacht haben. Sie haben weggeschaut. Wir dürfen das unseren Enkelkindern nicht sagen“, erklärt der 73-jährige Heino Kirchhof.
Bei eher kühlen Temperaturen und grauem Himmel marschieren die Teilnehmer vom Hannoveraner Opernplatz fünf Kilometer durch die Innenstadt, um dann wieder zur Abschlusskundgebung auf dem Opernplatz zu landen. Umweltaktivisten, Kommunisten, Gewerkschafter und Globalisierungskritiker demonstrieren gemeinsam – insgesamt haben mehr als 20 Organisationen und Verbände zur Demo aufgerufen.
Viele Teilnehmer richten sich auch direkt an US-Präsident Barack Obama, obwohl der erst am Sonntag in Hannover ankommen wird. Sie haben ihre Plakate englisch beschriftet, recken ein Bild von Obama hoch mit der Aufschrift „No we can’t“.
Der US-Präsident versucht am selben Tag, via „Bild“-Zeitung für das Abkommen zu werben: TTIP sei „einer der besten Wege, das Wachstum zu fördern und Arbeitsplätze zu schaffen“, sagte er dem Blatt.
Auch seine Gastgeberin Angela Merkel (CDU) müht sich um Zustimmung. In ihrem Podcast geht sie auf die Bedenken der Gegner ein und erklärt die Geheimhaltung bei den Verhandlungen damit, dass die USA aus Veröffentlichungen nicht „bestimmte Vorzüge ziehen“ sollen.
Die Kanzlerin wiederholt, was die Befürworter angesichts des wachsenden Widerstands immer wieder beteuern: Alles was in Europa als Norm gilt, sei gesichert: „Wir sichern das, was im Umweltbereich, im Verbraucherschutzbereich in Europa heute gilt.“
Auf der Demo in Hannover kommen solche Argumente nicht an. „Ihr könnt Euch noch so viel mit Konzernlobbyisten hinter verschlossenen Türen treffen – mit TTIP kommt ihr nicht durch“, ruft Redner Christoph Bautz von Campact. Er verspricht: „Wir lassen nicht locker, bis der ganze Handelsabkommen-Spuk endlich vorbei ist!“

