Streit zwischen Nord- und Südeuropa über „chinesischen Balkankorridor“

Ein Containerschiff des chinesischen Staatsbetriebs Cosco Pacific Ltd. Läuft am 2. November 2009 in den Hafen von Piräus in Griechenland ein. [George Christakis/EPA]

Der Westbalkan ist Chinas bevorzugter Zugang zur EU geworden. Peking finanziert eine Verbindung von Griechenland nach Nordeuropa. Während Brüssel fürchtet, EU-Regeln würden nicht eingehalten, sind die Nordeuropäer aus anderen Gründen verärgert.

Bei einer Diskussion zum Thema Infrastruktur während des Balkans and Black Sea Cooperation Forum in der griechischen Stadt Serres bezogen sich nahezu alle Redner auf Chinas Rolle und Ziele in der Region.

Frans-Paul van der Putten, Wissenschaftler am Niederländischen Institut für Internationale Beziehungen, sprach über den geplanten Korridor von der griechischen Hafenstadt Piräus über Serbien und Ungarn nach Mittel- und Nordeuropa.

Über den Weg des kleinsten Widerstandes 

Laut van der Putten ist die Schwarzmeerregion Chinas einzige Option für einen Zugang nach Europa, der nicht von den USA (Indischer Ozean) oder Russland (Arktis) dominiert wird. Aus seiner Sicht ist für China also das größte geopolitische Risiko, die USA oder Russland zu verärgern – während die Meinung der EU weniger Kopfzerbrechen zu bereiten scheint.

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Im Jahr 2016 hatte der Staatsbetrieb China Ocean Shipping Company (COSCO) eine Mehrheit an der Hafenverwaltung von Piräus übernommen. Die chinesische Regierung sieht Piräus als wichtigen Zugangspunkt für Exporte nach Europa sowie als Hauptumschlagplatz für Transporte im Mittelmeerraum.

Mit der Übernahme der Hafenverwaltung sei die chinesische Regierung nun in der Lage, die Handelsrouten zwischen China und der EU zu kontrollieren, so van der Putten. Essentiell dafür sei neben Piräus auch die mit chinesischen Geldern geförderte Erneuerung der Bahnlinie zwischen Belgrad und Budapest.

China, Serbien und Ungarn hatten im Dezember 2014 eine Absichtserklärung für den Neubau einer 370 Kilometer langen Hochgeschwindigkeitstrasse zwischen den beiden Städten geschlossen, die 3,2 Milliarden Euro kosten soll. Der Deal hatte zu Spannungen mit Brüssel geführt, da EU-Vergabevorschriften nicht eingehalten wurden.

“Chinesische Investitionen sind wichtig”

China konzentriere sich nicht nur auf Griechenland und Serbien, sondern auch auf andere Balkanländer, sagte van der Putten. Jelica Stefanović-Štambuk von der Politikwissenschaftlichen Fakultät der Universität Belgrad bestätigte, dass chinesische Investitionen für das größtenteils deindustrialisierte Serbien enorm wichtig seien. Sie zeigte mehrere Beispiele für chinesische Unterstützung in Infrastrukturprojekten auf, darunter der Umbau von Telekom Serbia durch Huawei und die Übernahme einer Stahlfabrik in Smederevo. „China wächst, und die EU nicht“, fasste Stefanović-Štambuk zusammen.

Auch Francois Lafond, Vorsitzender von Blue Networks and Opportunities, glaubt, dass der chinesische Einfluss eine Lücke auf dem Balkan füllt, wo immer mehr Staaten die Hoffnung auf einen EU-Beitritt verlieren: “Die Entscheidungsfindung der Chinesen ist sehr schnell. Das ist in der EU anders.”

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Die Ängste der großen Hafenstädte

Der chinesische Einfluss auf dem Westbalkan schüre „Befürchtungen in Nordeuropa, und besonders in Brüssels“, bemerkte Michael Christides, Generalsekretär der Schwarzmeer-Wirtschaftskooperation. Das sei eine “sehr logische Entwicklung”: während die Länder der Balkan-Region begierig seien, chinesische Investitionen zu sichern, um ihre Infrastruktur zu verbessern, sehe Nordeuropa, wo das Infrastruktursystem bereits sehr fortschrittlich ist, den chinesischen Einfluss als Bedrohung an.

Christides beobachtet “Ängste in den großen Hafenstädten im Norden, wie Rotterdam oder Hamburg, dass sie Handelsvolumen einbüßen könnten”. Er fürchte, dass „hier ein neues Reibungsfeld zwischen Nord- und Südeuropa entsteht.“

Ein Beispiel für mögliche zukünftige Entwicklungen ist Hewlett-Packard: dir Firma hat beschlossen, einen Großteil ihrer Vertriebsaktivitäten von Rotterdam nach Piräus zu verlegen. Die Endmontage der Computer und anderer Geräte von HP findet hauptsächlich in China statt.

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