Steueroasen: EU verliert 20 Prozent Steuereinnahmen

Noch attraktiver als die Strände Bermudas sind für multinationale Firmen die erhobenen null Prozent Steuern auf Unternehmensgewinne. [EPA-EFE/CJ GUNTHER]

Ökonomen gehen – basierend auf Zahlen aus Steueroasen wie den Bermudas oder auch Irland – davon aus, dass 40 Prozent der Gewinne multinationaler Unternehmen der Besteuerung entzogen werden. Demnach würde die EU ein Fünftel ihrer potenziellen Einnahmen aus Steuern auf Unternehmensgewinne verlieren. EURACTIV Frankreich berichtet.

Der verstärkte Steuerwettbewerb zwischen Staaten seit den 1980er Jahren hat zu einem beispiellosen Rückgang der Unternehmenssteuersätze geführt: Von durchschnittlich 49 in den 1980ern auf 24 Prozent im Jahr 2018.

In einem diese Woche veröffentlichten Artikel mit dem Titel „The Missing Profits of Nations“ beleuchten mehrere Ökonomen, darunter der Franzose Gabriel Zucman, ein Spezialist für Steuerhinterziehung, die Gründe für diesen Rückgang.

Moscovici: Die Glaubwürdigkeit der schwarzen Steueroasen-Liste ist in Gefahr

Im Interview spricht EU-Wirtschaftskommissar Pierre Moscovici unter anderem über eine EU-Digitalsteuer und die schwarze Steueroasen-Liste.

Im Gegensatz zur Theorie des „perfekten Wettbewerbs“, die besagt, dass Wirtschaftsakteure ihre Aktivitäten in Ländern entwickeln, in denen Investitionen dank eines unternehmensfreundlichen Umfelds für sie vorteilhafter sind, gehen die Wirtschaftswissenschaftler davon aus, dass 40 Prozent der Gewinne der Unternehmen „künstlich“ in Steueroasen transferiert werden.

So entstehen auf dem Papier Gewinne in Gebieten, in denen die Firmen in Wirklichkeit keinerlei wirtschaftliche Aktivitäten haben. Dies war beispielsweise bei Alphabet, der Muttergesellschaft von Google, der Fall: Alphabet erwirtschaftete im Jahr 2017 auf den Bermudas angeblich einen stattlichen Umsatz von 19,2 Milliarden Euro, hatte aber tatsächlich keinerlei Geschäftstätigkeit auf den Inseln. Der Grund für den hohen Umsatz dürfte daher wohl nicht die Attraktivität der Bermudas sein, sondern der Steuersatz von null Prozent auf Unternehmensgewinne.

Steuervermeidung: Frankreich gegen luxemburgischen Eurogruppen-Vorsitz

Paris würde nächstes Jahr einen slowakischen Eurogruppen-Präsidenten präferieren. Luxemburg mache es Steuerhinterziehern und -vermeidern zu einfach.

Wer betrügt: Der Profitabilitäts-Index

Die sogenannte Profitabilität ausländischer Unternehmen ist das Hauptkriterium, das von Fachleuten bei der Betrachtung der jüngsten Statistiken herangezogen wird. In Ländern, die keine Steueroasen sind, haben ausländische Unternehmen eine geringere Ertragskraft als lokale Unternehmen.

Im Gegensatz dazu wollen ausländische Unternehmen in Steueroasen ihre Profitabilität gezielt steigern. In Irland sind die Gewinne solcher Unternehmen äußerst hoch. Sie machen im Durchschnitt 800 Prozent der gesamten ausgezahlten Lohnsumme an die Arbeiter aus; eine Quote von 30 bis 40 Prozent wäre unter „normalen“ Steuer-Umständen deutlich realistischer.

Der Studie zufolge landeten im Jahr 2015 rund 40 Prozent der Gewinne solcher multinationalen Unternehmen in Steueroasen.

Übersicht über die Profite von ausländischen und einheimischen Firmen in Prozent der Lohnsummen. (Quelle: „The Missing Profits of Nations“)

EU verliert 20 Prozent potenzielle Steuereinnahmen

Noch besorgniserregender für die Mitgliedstaaten der EU sowie für die Entwicklungsländer der Welt sollte sein, dass sie die Hauptopfer dieser Methode sind. Europa kann 20 Prozent seiner Unternehmenssteuern nicht eintreiben.

Die Schlussfolgerungen der Studie sind darüber hinaus alarmierend in Bezug auf die derzeitigen Bemühungen der OECD zur Bekämpfung der Steuerhinterziehung von Unternehmen: Es scheint, dass diese Bemühungen am Ende schlichtweg vergeblich sein könnten.

Nach Ansicht der Autoren der Studie wäre die Verhängung von Wirtschaftssanktionen gegen Länder mit niedrigem Steuersatz effektiver, als zu versuchen, das fließende Kapital, das die Geschäftsstatistiken derart verzerrt, zurückzugewinnen.

Die Analyse zeigt auch, dass die „Steueroptimierung“ von Unternehmen die globale Statistik für alle OECD-Länder hinsichtlich Bruttoinlandsprodukt, Unternehmensgewinne und Handelsbilanzen verzerrt. Ohne Steuervermeidung könnte der Kapitalanteil der Unternehmen in Europa sogar doppelt so hoch sein wie in den aktuellen volkswirtschaftlichen Daten und Statistiken angegeben.

Weitere Informationen

NGOs fordern: Die EIB muss verantwortungsvolle Steuerpraktiken fördern

Zum zweiten Jahrestag der Panama Papers hat der NGO-Zusammenschluss Counter Balance die Europäische Investitionsbank dazu aufgerufen, eine verantwortungsvolle Steuerpolitik zu entwickeln.

Paradise Papers: „Wir müssen Licht ins Dunkle bringen“

Nach LuxLeaks, Panama Papers und Football Leaks folgt die nächste große Enthüllung: die Paradise Papers. EURACTIV sprach mit Tobias Hauschild von Oxfam über deren Bedeutung.

Kleine, schwarze Steueroasenliste

Die EU-Finanzminister haben sich bei ihrer heutigen Sitzung auf eine schwarze Liste mit Steueroasen geeinigt. Diese ist allerdings recht kurz. Ernsthafte Sanktionen sind auch nicht vorgesehen - zumindest vorerst.

Subscribe to our newsletters

Subscribe