Mit der Einführung des Einheitlichen Euro-Zahlungsverkehrsraums (SEPA) sind deutsche Unternehmen spät dran: Knapp 100 Arbeitstage vor Ablauf der Frist haben nur rund 20 Prozent auf das neue Verfahren für Überweisungen und Lastschriften umgestellt. Der Mittelstand gibt der deutschen Politik die Schuld. FDP-Bundestagsabgeordneter Frank Schäffler schimpft auf die EU.
Die Zeit wird knapp: Am 1. Februar 2014 stellen die europäischen Staaten ihre nationalen Verfahren für Überweisungen und Lastschriften auf die gemeinsamen Standards des einheitlichen Europäischen Zahlungsraums (SEPA, Single Euro Payments Area) um. Allerdings scheint vielen Unternehmen der Ernst der Lage nicht bewusst: "Ich bin täglich überrascht über die Unwissenheit vieler Unternehmen", sagte Cornelia Gärtner gegenüber EURACTIV.de, Verbandsbeauftragte des Bundesverbandes der mittelständischen Wirtschaft (BVMW) FrankfurtRheinMain und Sprecherin der Arbeitsgruppe SEPA des BVMW. "Viele wissen gar nicht, was SEPA eigentlich bedeutet oder wie aufwendig die Umstellung eigentlich ist."
Deutschland deutlich hinter EU-Schnitt
Laut einer Studie des ibi-Forschungsinstituts an der Universität Regensburg nutzt erst ein Drittel der Unternehmen in Deutschland die Überweisung mit IBAN-Kontonummern und das neue SEPA-Lastschriftverfahren. Europaweit liegt der Anteil dagegen schon bei über 50 Prozent. Etwa 30 Prozent der deutschen Firmen und Vereine wollen erst auf dem letzten Drücker zum 1. Februar 2014 auf SEPA umstellen und elf Prozent geben an, erst nach Ablauf der Frist das neue Verfahren benutzen zu können. Umfragen und Verbandsvertreter prognostizieren finanzielle Engpässe, weil Banken überfordert und Unternehmen zahlungsunfähig sein könnten.
Mit SEPA müssen alle Unternehmen in der EU die bereits bei Auslandsüberweisungen verwendete 22-stellige Kontonummer IBAN verwenden. Dazu kommt die internationale Bankleitzahl BIC, die aber mittelfristig entfallen wird. Überweisungen mit den alten Kontonummern und Lastschriften nach altem Verfahren werden von den Banken dann nicht mehr angenommen. Etliche Deutsche Unternehmen müssen ihre Software kostenintensiv umprogrammieren.
Mittelstandsverband BVMW: "Wir brauchen eine Bewusstseinskampagne"
Gärtner sieht die Politik in der Pflicht: "Wir brauchen eine Bewusstseinskampagne." Zu lange habe die Politik den Aufwand für die Umstellungen auf SEPA kleingeredet. Unternehmen müssten endlich transparent darüber aufgeklärt werden, dass ab dem 1. Februar endgültig Schluss ist mit dem alten System und was konkret auf sie zukommt.
Frank Schäffler, FDP-Bundestagsabgeordneter, war von Anfang an gegen SEPA. Die EU-Verordnung sei eine "getriebene Vereinheitlichung, die über’s Knie gebrochen wurde", so Schäffler zu EURACTIV.de. Ein gemeinsamer Zahlungsverkehrsraum wäre mit mehr Geduld und geringeren Kosten auch ohne politische Einwirkung zustande gekommen. Stattdessen hätte Brüssel bewährte Strukturen mit dem "Verordnungs-Hammer" vereinheitlicht, sagt Schäffler. "Wir können nur noch auf die Kooperationsbereitschaft von Kreditwirtschaft und ihren Kunden appellieren und auf’s Beste hoffen", sagt Schäffler.
Martin Gerster (SPD), sieht die Bundesregierung in der Pflicht, die beteiligten Akteure, z.B. über den deutschen SEPA-Rat, "zur Eile anzutreiben". Zugleich gibt Gerster gegenüber EURACTIV.de zu Bedenken, dass die SEPA-Umstellung ursprünglich einen Wunsch der europäischen Kreditwirtschaft gewesen sei, die im Zuge eines marktgetriebenen Prozesses vollzogen werden sollte. Weil es am Markt aber offenbar zu wenig Interesse gab, hätte die Politik nachhelfen müssen. Laut Gerster ist ein falscher Eindruck entstanden: "Die Politik steht öffentlich am Pranger, während sich die eigentlichen Initiatoren vornehm zurück halten."
Dario Sarmadi
Links
ibi-Forschungsinstitut: Studienreihe zur SEPA-Umsetzung in Deutschland (Aktuelle Studie vom August)
Deutscher Bundestag: SEPA-Begleitgesetz (Drucksache 17/10038, Inkraft getreten am 9. April 2013)
Mehr zum Thema auf EURACTIV.de
LinkDossier: PSD und SEPA: Die neue Richtlinie über Zahlungsdienste (aktualisiert 10. September 2013)
