Senkt die EZB die Zinsen noch in diesem Jahr?

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Auch die Gesamtinflation ist zurückgegangen. Sie fiel von Januar auf Februar von 2,8 Prozent auf 2,6 Prozent. Sie liegt damit deutlich unter dem im Oktober 2022 erreichten Höchststand von 10,6 Prozent und nur geringfügig über der von der EZB angestrebten Rate von zwei Prozent. [EPA-EFE/OLIVIER HOSLET]

Die Kerninflationsrate in der Eurozone ist im Februar auf den niedrigsten Stand seit fast zwei Jahren gesunken. Dies nährt die Hoffnung, auf ein Ende der Inflationskrise in Europa und eine mögliche Zinssenkung durch die Europäische Zentralbank (EZB).

Eine am Freitag (1. März) von Eurostat, dem offiziellen Statistikamt der EU, veröffentlichte Vorabschätzung ergab, dass die Kerninflation, bei der die schwankungsanfälligen Lebensmittel- und Energiepreise herausgerechnet werden, im Februar auf 3,1 Prozent gesunken ist. Im Januar hatte sie noch bei 3,3 Prozent gelegen. Damit erreichte sie den niedrigsten Stand seit März 2022.

Auch die Gesamtinflation ist zurückgegangen. Sie fiel von Januar auf Februar von 2,8 Prozent auf 2,6 Prozent. Sie liegt damit deutlich unter dem im Oktober 2022 erreichten Höchststand von 10,6 Prozent und nur geringfügig über der von der EZB angestrebten Rate von zwei Prozent.

Nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine im Februar 2022 stiegen die Preise in ganz Europa sprunghaft an. Als Reaktion darauf erhöhte die EZB zwischen Juli 2022 und September 2023 zehnmal in Folge die Zinssätze. Dadurch stieg ihr Leitzins für Einlagen von einem negativen Niveau auf ein Rekordhoch von vier Prozent.

Die Bank hat die Zinssätze auf ihren letzten drei Sitzungen konstant gehalten und es wird allgemein erwartet, dass sie dies auch auf ihrer nächsten Sitzung am 7. März tun wird. Eine kürzlich von Reuters durchgeführte Umfrage unter 73 Wirtschaftswissenschaftlern ergab, dass zwei Drittel der Befragten mit der ersten Zinssenkung der Bank im Juni rechnen. Nur 17 sagen eine Zinssenkung im April voraus, und keiner rechnet mit einer Senkung noch in diesem Monat.

Die Erwartung einer Zinssenkung im Sommer wurde durch Äußerungen von Mitgliedern des EZB-Rates, des wichtigsten Entscheidungsgremiums der Bank, in der vergangenen Woche weiter gestärkt.

„Es gibt keinen Grund, eine Zinssenkung zu überstürzen“, erklärte Peter Kažimír, der Chef der slowakischen Zentralbank, gegenüber Reuters. „Juni wäre mein bevorzugtes Datum, April würde mich überraschen und März ist ein No-Go.“

„Lagarde hat ihren Schwerpunkt leicht verlagert“

Die Erwartungen der Analysten hinsichtlich einer Zinssenkung noch in diesem Jahr wurden in letzter Zeit auch durch die deutlich weniger strenge Haltung von EZB-Präsidentin Christine Lagarde in Bezug auf die möglichen Auswirkungen steigender Löhne auf die Preise bekräftigt.

Im vergangenen Jahr hatte Lagarde wiederholt vor der Gefahr gewarnt, dass Lohnerhöhungen eine Lohn-Preis-Spirale auslösen könnten. Dabei würden steigende Löhne einen Preisanstieg bewirken, der wiederum zu weiteren Lohnsteigerungen führt.

In einer Rede vor dem Europäischen Parlament in Straßburg am Montag (26. Februar) sagte Lagarde jedoch, dass die steigenden Arbeitskosten nicht „vollständig an die Verbraucher weitergegeben werden.“ Stattdessen würden sie nun „teilweise durch Gewinne aufgefangen.“

„Lagarde hat ihren Schwerpunkt leicht verlagert, indem sie nicht mehr vor Lohn-Preis-Spiralen warnt, sondern betont, dass die Löhne den Kaufkraftverlust teilweise ausgleichen können, ohne inflationär zu werden“, erklärte Sander Tordoir, ein leitender Wirtschaftswissenschaftler am Centre for European Reform, gegenüber Euractiv.

„Sie bereitet den Boden für Zinssenkungen der EZB später in diesem Jahr, ohne sich dabei zu übernehmen“, fügte er hinzu.

Tordoirs Analyse wurde von Philipp Lausberg, einem Analysten des European Policy Centre, aufgegriffen. „Mit einer solchen Rhetorik bereitet Lagarde die Menschen auf eine Zinssenkung im Juni vor“, sagte er gegenüber Euractiv.

Sowohl die Gewerkschaften als auch einige Experten haben die straffe Geldpolitik der EZB in den vergangenen zwei Jahren stark kritisiert. Sie vertraten die Ansicht, dass sie bestenfalls eine marginale Auswirkung auf die Dämpfung der Preise hatte und schlimmstenfalls die wirtschaftliche Schwäche Europas noch verschlimmert haben könnte.

„Zinserhöhungen waren nicht das beste Mittel, um den derzeitigen Inflationsdruck zu bekämpfen“, teilte Sebastian Mang, ein leitender Policy Officer bei der New Economics Foundation (NEF), Euractiv mit.

„Die EZB und die nationalen Regierungen sollten sich um die Beseitigung der grundlegenden Schwächen kümmern, die die EU solchen Inflationsschocks aussetzen. Dazu gehört auch die Förderung von Investitionen in saubere Energie und die Gebäudesanierung, um unsere Abhängigkeit von schwankenden fossilen Brennstoffen zu verringern“, fügte er hinzu.

Der jüngsten Prognose des Internationalen Währungsfonds (IWF) zufolge wird für die Eurozone in diesem Jahr ein Wachstum von nur 0,9 Prozent erwartet. Das sind 0,3 Prozentpunkte weniger als im Oktober prognostiziert.

Der IWF führt die schwache Wirtschaftsleistung der Eurozone auf die „anhaltenden Auswirkungen der hohen Energiepreise und die Schwäche der zinsempfindlichen Fertigungsindustrie und des Geschäftsklimas“ zurück.

Auch Deutschland, die größte Volkswirtschaft der Eurozone und führendes Produktionsland, senkte kürzlich seine eigene Wachstumsprognose für 2024 von 1,3 Prozent auf 0,2 Prozent.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck bezeichnete die deutsche Wirtschaftsleistung letzte Woche als „dramatisch schlecht.“

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic/Anna Brunetti]

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