Rückblick auf Davos: Die selbstverschuldete Krise vermeiden

Wie ist die Aussicht? Der Pessimismus der Märkte spiegelt nicht die wirtschaftliche Realität wider, so die EZB. [WEF/ Christian Clavadetscher]

Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums in Davos warnten zum Ende des Treffens vergangene Woche vor der Gefahr, eine „selbstverschuldete Rezession“ auszulösen, sollte der gegenwärtige Pessimismus mit Blick auf wirtschaftliche und politische Probleme weiterhin zunehmen.

Nach fünf Tagen voller Konferenzen und einer Reihe von Interviews und Gesprächen ist aus Sicht von EURACTIV die wichtigste Botschaft des Weltwirtschaftsforums in Davos:Die Wirtschaft verliert an Tempo und politische Risiken nehmen zu. Da das Wirtschaftswachstum aktuell aber immer noch anhält, sollten die Entscheidungsträger nicht panisch werden und besonnen handeln. 

Doch gerade langfristig gesehen sind die Herausforderungen gewaltig: Der Klimawandel, die digitale Revolution und die alternde Bevölkerung stehen dabei ganz oben auf der Prioritätenliste.

Im Laufe der Zeit werden diese Herausforderungen die Ungleichheit zwischen Regionen, Ländern und auch Generationen weiter vergrößern. Dies dürfte auch die Schaffung eines „neuen Weges“, der auf einer grüneren und integrativeren Wirtschaft beruhen muss, weiter erschweren.

Davos: Die Welt wird immer ungerechter

Im Jahr 2018 besaßen die 26 reichsten Menschen genauso viel wie die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung. Das zeigt ein Oxfam-Berich der im Vorfeld des Weltwirtschaftsforums in Davos veröffentlicht wurde.

Die wachsenden Bürgerproteste (beispielsweise in Frankreich), populistisch-extremistische Politik und schwächere Volkswirtschaften schüren den Pessimismus, insbesondere bei Investoren und Unternehmen.

Pessimismus „spiegelt wirtschaftliche Realität nicht wider“

Im Vergleich zum Optimismus des vergangenen Jahres geht in diesem Jahr ein Drittel der vom britischen Beratungsunternehmen PwC befragten CEOs davon aus, dass sich die Weltwirtschaft verschlechtern wird.

PwC-Chef Bob Moritz relativierte im Interview mit EURACTIV allerdings das Ergebnis: „Was wir heute sehen, ist eine sich verlangsamende Wirtschaft, aber keine Situation, die katastrophal in die falsche Richtung oder per se in die Krise führt.“

Auch ein hochrangiger Beamter der Zentralbank der Eurozone warnte in dieser Hinsicht vor der Gefahr einer „selbstverschuldeten“ Rezession, denn faktisch spiegele der aktuelle Pessimismus der Märkte nicht die wirtschaftliche Realität wider. Aus diesem Grund betone die EZB immer wieder, die Wirtschaft sei nach wie vor solide – auch wenn die Risiken nach der letzten Sitzung des EZB-Rates tatsächlich gestiegen seien.

Die Chefökonomin der Citi Bank, Catherine Mann, sieht das gleiche Risiko: Sie sagte Reportern, „die Märkte“ sollten lieber auf historische Erfahrungen und Erkenntnisse statt auf kurzfristige Indikatoren achten.

PwC-Chef: Wirtschaftliche Spannungen werden anhalten

Chinas schwindendes Wachstum, der Brexit und das Risiko einer Eskalation des Handelskrieges belasten die globale Wertschöpfung.

Handelskrieg und Brexit: Entscheidender Monat März

Der März dürfte ein entscheidender Monat werden, um zu sehen, wie es bei den aktuellen politischen Unruhen weitergeht: Anfang des Monats will US-Präsident Donald Trump entscheiden, ob er mit den chinesischen Zugeständnissen zufrieden ist, um so zu vermeiden, dass der Handelskrieg auf die nächste Eskalationsstufe gehoben wird.

Darüber hinaus wird allerspätestens zum 29. März klar sein, unter welchen Bedingungen das Vereinigte Königreich aus der EU austritt bzw. ob ein „No-Deal“-Brexit abgewendet werden kann.

Viele waren sich in Davos einig, dass sich am Ende der „gesunde Menschenverstand“ durchsetzen werde und eine Brexit-Lösung für heikle Fragen einschließlich der irischen Grenze gefunden werden könne.

Der Chef einer der größten Banken äußerte sich dementsprechend auch deutlich besorgter über den Handelskrieg zwischen den USA und China. Er hält es für „schwierig“, eine Eskalation zu vermeiden, obwohl er sowohl in Washington als auch in Peking eine gewisse Bereitschaft zur Vermeidung der „Katastrophe“ feststellen konnte.

China und USA loten weitere Handelsgespräche aus

Um den Zollkonflikt beizulegen, haben China und die USA weitere Gespräche , heißt es heute aus Peking.

Investor und Milliardär George Soros argumentierte gänzlich anders: Bei einem Abendessen in Davos empfahl er Trump, den Druck auf China zu verstärken. Seiner Ansicht nach ist Chinas Präsident Xi Jinping „der gefährlichste Feind“ für Demokratien.

Unsicherheitsfaktor China

Während Soros sich vor allem darüber sorgt, wie Xi neue Technologien einsetzt, um seine Bevölkerung totalitär zu kontrollieren, bereitet China anderen Davos-Teilnehmern vor allem angesichts seiner enormen Verschuldung und des Rückgangs seines Wirtschaftswachstums Kopfschmerzen.

Die chinesischen Behörden hingegen wiesen entsprechende pessimistische Prognosen zurück. Der stellvertretende Vorsitzende der chinesischen Marktregulierungsbehörde, Fang Xinghai, erklärte, Peking verfüge aufgrund der in Wirklichkeit schwindenden Staatsverschuldung über die Möglichkeiten und die Reaktionsfähigkeit, auf eine weitere Verschlechterung der Wirtschaftsdaten angemessen zu reagieren.

Experten wie Jin Keyu (London School of Economics) warnten jedoch, das Land müsse die Schwachstellen seines Finanzsystems korrigieren, bevor sich seine Instabilität auf das globale System überträgt. Dies sei besonders wichtig, da der Öffnungsprozess der chinesischen Wirtschaft die Beziehungen zu ausländischen Akteuren weiter intensivieren werde.

Klimawandel und Umweltkatastrophen

Während China also insgesamt eher ein unklarer Faktor für die Zukunft bleibt, herrschte in Davos kein Zweifel daran, dass die globale Erwärmung und Umweltkatastrophen ein ernsthaftes Risiko darstellen. Dies kommt auch im Bericht des Weltwirtschaftsforums zum Ausdruck, der im Vorfeld des Treffens veröffentlicht wurde.

Auch die digitale Revolution gebe Anlass zur Sorge. Entscheidungsträger und Wirtschaftsführer zeigten sich skeptisch, ob schnell genug neue Arbeitsplätze geschaffen werden können, wenn andere durch die zunehmende Digitalisierung zerstört werden sollten. Auch bei der entsprechenden Aus- und Weiterbildung der Bürger hake es.

Die fortschreitende Überalterung der Bevölkerung trage nur noch zu dieser langfristigen Instabilität bei: Regierungen und Gesellschaften seien nach wie vor nicht ausreichend auf die demografische Herausforderung vorbereitet.

OECD-Generalsekretär: "Hunderte Millionen Menschen sind unzufrieden"

Im Interview mit EURACTIV spricht OECD-Generalsekretär Ángel Gurría über den globalen Handelskrieg, Digitalsteuern, den Brexit, Populismus und Politikverdrossenheit.

Vor diesem Hintergrund würde eine neue Welt mit mehr Ausgaben, weniger öffentlichen Einnahmen und mehr Unsicherheit entstehen. Im Kampf gegen die globalen Probleme sei die internationale Zusammenarbeit daher ein Muss – obwohl sie aktuell an einem Tiefpunkt angekommen sei.

Der ehemalige finnische Premierminister Alex Stubb fasste zusammen: „Wir haben im letzten Jahrzehnt bewiesen, dass unser Modell der Marktwirtschaft, der liberalen Demokratie und der Globalisierung dazu beiträgt, den Kuchen zu vergrößern. Aber wir haben nicht bewiesen, dass der Nationalstaat oder die EU in der Lage sind, ihn gerecht zu verteilen.“

Als Lösung schlug er eine Ausweitung des nordischen Modells vor; nicht nur auf Europa sondern darüber hinaus. So könne man unseren Planeten, „der sich an zu vielen Fronten überhitzt“, wieder herunterkühlen.

[Bearbeitet von Samuel Stolton]

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