PwC-Studie: Große soziale Unzufriedenheit, zuversichtliche Top-Manager

EU Europa Nachrichten

Die neue Internationale der Nationalisten – Trump, Orban, Putin, Erdogan, Le Pen, bis zur ÖVP/ FPÖ-Regierungen in Österreich –, prägt derzeit oft die Debatten internationaler Politik, meint Dirk Messner. [Durch Gumpanat/shutterstock]

Führende Wirtschaftsvertreter streiten über die Vorzüge der Globalisierung. Dennoch: Der Großteil von ihnen bleibt mit ihren Wachstumsprognosen „extrem positiv“, so das Ergebnis einer aktuellen PwC-Studie. EURACTIV Brüssel berichtet.

Pünktlich zur Eröffnung des Weltwirtschaftsforums in Davos veröffentlichte PricewaterhouseCoopers (PwC) die Ergebnisse seiner jüngsten Studie. Insgesamt 1.379 Top-Manager aus 79 Ländern hatte das Beratungsunternehmen im Rahmen seiner Untersuchungen befragt.

Die PwC-Studie folgt in den Fußstapfen des Global Risks Report des Weltwirtschaftsforums. Sie bestätigt: Die sinkenden Lebensstandards der mehrheitlichen Bevölkerung in den Industriestaaten sowie das wachsende Misstrauen gegenüber politischen und wirtschaftlichen Eliten gefährden den Status Quo in Politik und Wirtschaft.

Davos-Bericht: "Das kapitalistische Wirtschaftsmodell funktioniert nicht mehr"

Die Demokratie steckt in einer „tiefen Krise“, warnt eine Studie. Technologische Umbrüche verschärfen die Ungleichheiten weiter, darum müsse man sich auf „inklusives“ Wachstum konzentrieren. EURACTIV Brüssel berichtet.

Trotz der vorwiegend gedrückten Stimmung gibt die knappe Mehrheit der Manager  (51 Prozent) an, ihr Unternehmen habe langfristig „extrem positive“ Wachstumsperspektiven. Als die Studie vor zwanzig Jahren erstmals durchgeführt wurde, waren nur eine Drittel der Manager so optimistisch. 38 Prozent der führenden Wirtschaftsvertreter blicken mit Zuversicht auf die kommenden zwölf Monate für ihr Unternehmen. Letztes Jahr waren es noch 35 Prozent.

Anhand der Studie stellte man außerdem fest, dass sich die Firmenbosse weitreichend an die noch immer vorherrschende Unsicherheit in der Geschäftswelt angepasst haben. Sie mussten lernen, wie man jene Chancen ergreift, die sich in turbulenten Zeiten auftun.

Großbritanniens Brexit-Votum und der US-Wahlsieg Donald Trumps zeigen deutlich, wie unzufrieden die westliche Bevölkerung angesichts steigender Ungleichheiten und Stellenstreichungen in bestimmten Sektoren ist. Globalisierung und technologischer Fortschritt hätten diese Entwicklungen voran getrieben – ebenso wie das tiefgreifende Misstrauen gegenüber dem „Establishment“, so der Bericht.

„Von der Globalisierung hat vor allem eine kleine, zunehmend wohlhabendere Elite in den Industriestaaten und die aufstrebende asiatische Mittelschicht profitiert“, meint Branko Milanovic, Wirtschaftswissenschaftler und Professor des Graduiertenzentrums der City University of New York. „Die großen Verlierer hingegen sind Menschen mit niedrigem Einkommen in Entwicklungsländern.“

Vor diesem Hintergrund zeigen sich die Manager gespaltener Ansicht über die Vorzüge der Globalisierung. Positiv ist, dass sich der Handel in den letzten 20 Jahren vervierfachte und auch der Internetverkehr um den Faktor 17,5 Millionen zunahm. Dieses Zusammenspiel von Globalisierung und technologischem Fortschritt verringerte die Einkommensunterschiede zwischen den einzelnen Ländern und verhalf einer Milliarde Menschen aus der extremen Armut – vor allem in China.

Dennoch blieben zu viele Menschen in den Industriestaaten auf der Strecke. Sie waren die ersten, die sich die Globalisierung zunutze machten und nun mit sozialen Unruhen in der westlichen Welt zu kämpfen haben. Ganze 44 Prozent der CEOs sind der Ansicht, die Globalisierung habe die Kluft zwischen arm und reich nicht überbrücken können.

„Das ganze [kapitalistische] System wird von der arbeitenden Bevölkerung unter Druck gesetzt, die die aktuellen Vermögensunterschiede nicht länger hinnehmen will“, warnt der Studienteilnehmer eines britischen Unternehmens.

Weg mit dem BIP?

Das Weltwirtschaftsforum zeigte in einem separaten Bericht, dass das Durchschnittseinkommen in mehr als 50 Ländern um 2,4 Prozent zurückging. Das entspricht einem Verlust von etwa 2.500 Dollar pro Haushalt. „Genau deshalb ist die Gesellschaft unzufrieden“, betont Gemma Corrigan, Wissenschaftlerin des Forums.

Obwohl man aus allen Richtungen inklusives Wachstum preise, müssten sich Politiker und Wirtschaftsvertreter endlich auf einen „politischen Konsens“ einigen, findet Richard Samans, Vorstandsmitglied des Weltwirtschaftsforums.

Bob Moritz, Vorstandsvorsitzender von PwC gibt sich etwas optimistischer. Reportern gegenüber verkündete er, 2017 könne das Jahr sein, in dem auf Worte Taten folgen. Führende Wirtschaftsvertreter und Entscheidungsträger würden den Sorgen der Bürger jetzt „tatsächlich zuhören“. Die sozialen Medien sorgen ihm zufolge für ein wachsendes Bewusstsein, wie es so noch nie existiert habe.

Das Weltwirtschaftsforum schlägt in einem ersten Schritt vor, einen neuen „Inclusive Development Index“ (inklusiven Entwicklungsindex) als alternative Messgröße für das Bruttoinlandsprodukt einzuführen. Der Indikator soll auf zwölf Parametern beruhen, insbesondere dem Durchschnittseinkommen, erklärt Samans. Ein solcher Index würde die wirtschaftliche Entwicklung ihm zufolge akkurater abbilden.

„Öffentliche Unzufriedenheit gefährdet nicht nur das Wachstum; auch soziales Wohlbefinden und Gleichheit bestimmen die langfristige Wirtschaftsleistung eines Landes“, heißt es in der PwC-Studie. Viele Top-Manager halten unsicheres Wirtschaftswachstum in diesem Zusammenhang für das aktuell größte Risiko – sogar noch vor der Überregulierung.

USA überholen China

Trotz des schwierigen politischen Umfeldes und der Unsicherheit bezüglich der neuen Trump-Regierung ist es den USA gelungen, China als womöglich wichtigster Wachstumstreiber im kommenden Jahr zu überholen. So zumindest sehen es die Wirtschaftsbosse in der Studie.

Trumps besorgniserregende Äußerungen über die großen Handelspartner der USA gingen Hand in Hand mit dem Versprechen auf ein neues Konjunkturprogramm. In diesem will er Infrastrukturausgaben erhöhen und Steuern kürzen. Diese Beteuerungen waren für die Manager offensichtlich Anlass zu neuer Zuversicht, Geschäfte mit den USA zu betreiben.

Die PwC-Studie erschien an eben jenem Abend, an dem auch der chinesische Präsident Xi Jinping in Davos eintraf. Allen Erwartungen nach wird er sein Land in seiner heutigen Ansprache als Hüter der Globalisierung präsentieren.

Abgesehen von China und den USA scheint auch Großbritannien bei den Geschäftsleuten dieses Jahr beliebter zu sein als noch 2016 – und das trotz der unsicheren Brexit-Verhandlungen.

  • 17.-20. Januar: Weltwirtschaftsforum in Davos (Schweiz)

Subscribe to our newsletters

Subscribe

Wissen was in Europas Hauptstädten passiert - abonnieren Sie jetzt unseren neuen 10 Uhr Newsletter.