„Nachhaltigkeit muss in den Mainstream des Kapitalmarkts“

OECD, Weltbankgruppe und UN-Umweltprogram haben gemeinsam die Initiative „Financing Climate Futures: Rethinking Infrastructure“ gestartet. Sie präsentieren Lösungsvorschläge, wie der Umstieg zu einer nachhaltigen Finanzwirtschaft gelingen kann. [ukanivivek / shutterstock]

Einen Neustart des Finanzsystems, ein Umdenken alter Strukturen. Das fordern die OECD, die Weltbankgruppe und das UN-Umweltprogramm in ihrem neuen Report. Sustainable Finance soll zum Mainstream werden, der Markt ist weit davon entfernt.

„Wir brauchen nachhaltige Listungskriterien für DAX-Firmen“, so Kristina Jeromin, Leiterin der Abteilung Nachhaltigkeit bei der Deutschen Börse im Rahmen der Konferenz am Rande des Petersberger Klimadialogs. Seit sie die Stelle vor drei Jahren übernommen hat, ist sie in Deutschland zu einer der führenden Stimmen für die Umgestaltung der Finanzwirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit geworden. Der Markt nachhaltiger Produkte wächst um über 8 Prozent jährlich. Doch bislang ist das eine Nische.

Der Versuch, Nachhaltigkeitskriterien für DAX-Firmen einzuführen, wird heftige Debatten in der Wirtschaft auslösen, vermutet Jeromin. „Aber es ist unumgänglich, dem Mainstream klarzumachen, dass sich die Zeiten tatsächlich ändern“, sagt sie. Greenwashing, das war gestern, heute braucht es echte Transparenz

Die Idee dabei: Für Investoren muss ganz klar sein, welche Langzeitstrategie eine Firma in Bezug auf den Klimaschutz verfolgt. Um das auf EU-Ebene zu erreichen, könnte etwa die geltende Richtline über nichtfinanzielle Berichterstattung erweitert werden.

Merkel signalisiert erstmals Bereitschaft zur Klimaneutralität 2050

Angela Merkel signalisiert zum ersten Mal die Bereitschaft, über die deutsche Klimaneutralität bis 2050 verhandeln zu wollen. Letzte Woche hatte Deutschland sich einer entsprechenden Initiative mehrerer EU-Staaten enthalten.

Die Einbeziehung von Investoren werde in den nächsten Jahren immer wichtiger – sie müssten stärker in die Transformation der Unternehmen eingebunden werden. Aktionäre dürften neuen Ansätzen und nachhaltiger Innovation nicht im Weg stehen, sondern müssten Verantwortung übernehmen und den Prozess unterstützen, so Jeromin weiter: „Finanzierung ist nicht nur Geld, sondern auch Verantwortung. Und Unternehmen, auf der anderen Seite, müssen völlig transparent damit sein, ob der Transformationsprozess gut läuft oder eben nicht.“

Seitens der EU wünscht sie sich ein starkes Netzwerks für den Aktionsplan für nachhaltige Finanzwirtschaft. Diese wurde im März 2018 von der Kommission vorgestellt. Derzeit beobachte sie jedoch, dass sich die Aktivitäten verlangsamen. „Es gibt ein Leben nach den Wahlen. Deutschland sollte hier eine Vorreiterrolle einnehmen und die Entwicklung eines nachhaltigen Finanzwesens vorantreiben“, so Jeromin.

Nur 10 Prozent nachhaltiger Technologien auf dem Weg zur Marktreife

Einer OECD-Schätzung zufolge braucht es jährlich 6,9 Billionen US-Dollar bis 2030 um die Klima- und Entwicklungsziele zu erreichen. Derzeit wird nicht einmal die Hälfte davon investiert.

Wie also soll der Übergang zu einer emissionsarmen Wirtschaft gelingen?

Vor diesem Hintergrund arbeiten die OECD, die Weltbankgruppe und das UN-Umweltprogramm derzeit gemeinsam an einer Agenda für Regierungen weltweit, wie sie Finanzflüsse nach den globalen Klima- und Entwicklungszielen ausrichten können – darauf haben sich die Unterzeichner des Pariser Abkommens geeinigt. Um das zu erreichen, haben die drei Organisationen die gemeinsam die Initiative „Financing Climate Futures: Rethinking Infrastructure“ gestartet.

Einer der Hauptforderungen: Innovationen im Bereich grüner Technologie brauchen einen kräftigen Schub. Derzeit sind nur rund 10 Prozent der Technologien, die derzeit entwickelt werden, auf dem Weg, sich am Markt behaupten zu können. „Wir müssen vor allem daran arbeiten, diese Technologien leistbar zu machen“, so der stellvertretende OECD-Generalsekretär Masamichi Kono in seiner Eröffnungsrede der Konferenz. Der wohl schwierigste Punkt dabei: einen fairen Übergang zu schaffen.

Thinktanks legen Eckpunkteplan für Klimakabinett vor

Der Plan der beiden Thinktanks soll Vorschläge für das Klimakabinett liefern, das sich bis zum Sommer auf ein Klimaschutzgesetz einigen soll.

Ein weiterer Vorschlag des Panels kam aus Costa Rica, das in den vergangenen Jahren – trotz einiger weiter bestehender Probleme, nicht zuletzt weitreichender Korruption – zu so etwas wie dem Aushängeschild für nachhaltigen Wandel geworden ist. Für Carlos Manuel Rodríguez, Minister für Nachhaltigkeit und Energie, ist das nicht weniger als das Erfolgsrezept seines Landes.

„Ich habe so oft gesehen, dass die Ministerien Nachhaltig und Energie in Konkurrenz stehen und der Minister für Energie hauptsächlich an die Interessen an Landwirtschaft oder Bergbaus denkt“, so Rodríguez. Daher brauche es eine Neustrukturierung des Staatsapparates in Richtung Nachhaltigkeit.

Alle Staaten müssten detaillierte Strategien entwickeln, wie die Entkarbonisierung gelingen kann, so Kono. Weitere Eckpunkte in der OECD-Weltbankgruppe-UN-Initiative: Die Planung einer emissionsarmen Infrastruktur, die Entkopplung des öffentlichen Budgets von fossilen Brennstoffen, ein Neustart des Finanzsystems mit Einbeziehung von Klimarisiken und Chancen, ein Umdenken von Entwicklungsfinanzierung für den Klimaschutz und eine Stadtplanung für widerstandsfähige und emissionsarme Gesellschaften.

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