Nach Google: Vestager nimmt Amazon ins Visier

Amazon nutzt möglicherweise Daten, die von Drittanbietern gesammelt werden, um seine eigenen Produkte besser zu platzieren.

Die Europäische Kommission vermutet, dass Amazon gesammelte Daten von Drittanbietern auf seinen Seiten nutzt, um Wettbewerbsvorteile zu erlangen. Ein Bericht von EURACTIVs Medienpartner La Tribune.

Amazon droht Ärger: Während der Onlinehändler als das GAFA-Unternehmen (Google, Apple, Facebook und Amazon) gilt, das bisher noch nicht sonderlich heftig von der Europäischen Union attackiert worden ist, steht Amazon nun im Fadenkreuz von EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager.

Auf einer Pressekonferenz in Brüssel erklärte Vestager, die Kommission habe eine Untersuchung eingeleitet, um festzustellen, ob Amazon seine Marktmacht missbraucht.

Die Kommissarin vermutet, dass der Online-Riese Daten, die er über Einzelhändler auf seiner E-Commerce-Plattform sammelt, dazu verwendet, seine eigenen Produkte zu bewerben und damit einen Wettbewerbsvorteil zu erlangen. Die Kommission ist der Meinung, Amazon könnte die gesammelten Daten „für eigene Berechnungen nutzen“ und dadurch herausfinden, „welche Art von Angeboten die Menschen wollen und warum sie ein bestimmtes Produkt kaufen“.

Vestager: "Wir haben Amazon und McDonald’s in der Pipeline"

EXKLUSIV / EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager erhielt viel Lob und Kritik für ihr Vorgehen im Fall Apple. Auch Amazon und McDonalds seien jetzt im Visier der Kommission, verrät sie in einem Interview mit EURACTIV Frankreich.

Vestager fügte hinzu: „Wir sammeln Informationen zu diesem Thema und haben zu diesem Zweck Fragebögen an die Marktteilnehmer geschickt. Dadurch wollen wir das Problem in seiner Gesamtheit verstehen.“

Langwierige Untersuchungen

Amazon hat die Ankündigung bisher nicht kommentiert. Die Untersuchung, die sich laut Vestager noch in einem frühen Stadium befindet, könnte mehrere Jahre dauern.

Somit könnte die Überprüfung auch ein Schuss in den Ofen werden, ähnlich wie kürzlich bei McDonald’s. Die „Steueroptimierungspraxis“ des Fast-Food-Unternehmens war am vergangenen Mittwoch (19. September) nach zwei Jahren Untersuchung für legal erklärt worden.

Andererseits könnte eine solche Untersuchung aber auch zu hohen Geldstrafen führen – wie bei Google, das im Juli wegen Missbrauchs seiner Marktstellung über das Mobiltelefonsystem Android zu einer Rekordstrafe von 4,34 Milliarden Euro verurteilt wurde.

Die Europäische Kommission ist nicht die einzige Regulierungsbehörde, die sich aktuell für Amazon interessiert: Auch US-Präsident Donald Trump hat Amazons „wettbewerbswidrige Praktiken“ mehrfach angeprangert und „Probleme“ für das von Jeff Bezos geführte Unternehmen angekündigt. Bezos gilt als prominenter Trump-Gegner und ist darüber hinaus Eigentümer der renommierten Washington Post – die der US-Präsident als Feindbild ausgemacht hat.

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Was zählt, sind Daten

Egal, welches Ergebnis die Untersuchung letztendlich haben wird: Klar ist, dass das Sammeln und die Nutzung von Daten im Mittelpunkt des Wirtschaftsmodells von Amazon stehen.

Amazon verkauft auch Produkte von Drittanbietern. Diese Anbieter müssen auf der Website registriert sein, um ein breites Publikum zu erreichen, und sie zahlen dafür eine Gebühr. Dieses „Marktplatz“-Geschäft machte 2017 bereits die Hälfte des Umsatzes aus.

Dies ist ein Zeichen dafür, dass das Unternehmen immer mehr Wert auf das Geschäft mit personenbezogenen Daten legt. Mit dem intelligenten Lautsprechersystem „Echo“ (dem aktuellen Weltmarktführer) will Amazon das Wissen über seine Kunden weiter verfeinern und sie in seinem Produkt- und Dienstleistungssystem, zu dem auch die Streaming-Plattformen Amazon Prime Video und Amazon Music gehören, halten.

Dementsprechend ist der Werbeumsatz der Firma im vergangenen Jahr stark angestiegen. Allein im zweiten Quartal 2018 stieg der Werbeumsatz um 132 Prozent auf 2,2 Milliarden US-Dollar – bei einem Gesamtumsatz von 52,9 Milliarden US-Dollar (+39 Prozent).

Da Amazon mehr Daten darüber sammelt, was die Menschen mögen und kaufen, kann es auch mehr Geld mit Werbung verdienen und seine Vorhersagen über Kundenverhalten sowie maßgeschneiderte Marketingmodelle weiter verfeinern. Dies gilt als Kernstück des E-Commerce der Zukunft.

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