Nach Jahr des Umbruchs gehen Veränderungen in der Arbeitswelt weiter

Die rasante Digitalisierung in Verbindung mit den wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie erzeugt ein erhöhtes Maß an Automatisierungsangst, findet der Oxford-Ökonom Carl Benedikt Frey. [Shutterstock | puhhha]

2020 erlebte die Arbeitswelt einen disruptiven Wandel. Eine noch nie dagewesene Anzahl von Menschen arbeitete im Homeoffice und Unternehmen mussten ihre Systeme komplett umstellen, um sich an die Coronaregeln anzupassen. Auch wenn das Ende der Pandemie in Sicht ist, werden bestimmte Veränderungen bestehen bleiben und sich 2021 sogar noch verschärfen.

Corona hat zu drastischen Veränderungen im Arbeitsalltag geführt, von Zoom-Meetings am Küchentisch über leere Büros bis hin zum Tragen von Masken und Abstandsregelung während dem Meeting.

Die Pandemie hat jedoch nicht nur vorübergehend den Arbeitsalltag der Menschen beeinträchtigt, sondern auch solche Veränderungen beschleunigt, die bereits im Gange waren.

„Am Ende des Tages wird COVID wahrscheinlich nichts [am digitalen und grünen Übergang] ändern, aber es wird alles beschleunigt haben“, sagte Isabelle Barthès, stellvertretende Generalsekretärin von IndustriAll Europe, gegenüber EURACTIV.

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Veränderte Arbeitsumgebung

Vor der Pandemie arbeiteten nur fünf Prozent der EuropäerInnen Vollzeit von zu Hause. Laut einem Bericht von EUROFOUND gehen erste Schätzungen davon aus, dass dieser Anteil infolge der Pandemie nun bei 40 Prozent liegt.

„Es ist eine sehr, sehr dramatische Verschiebung“, sagte der Ökonom Carl Benedikt Frey von der Universität Oxford. Allerdings wird dieses hohe Niveau der Homeoffice-ArbeiterInnen nicht bestehen bleiben. „Nach der Pandemie wird die Arbeit von zu Hause wieder zurückgehen. Die Frage ist nur, auf welches Niveau“, erklärte er.

Vor allem die Interaktion mit den KollegInnen, die zu innovativem Denken beiträgt, wird den Menschen fehlen, argumentiert Frey und fügt hinzu: „Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass ein Job, auch wenn er aus der Ferne erledigt werden kann, nicht bedeutet, dass er es auch sollte.“ Aller Voraussicht nach wird dies zu mehr Flexibilität zwischen der Arbeit im Büro und von zu Hause aus sorgen.

ArbeitnehmerInnen, die nicht die Möglichkeit hatten, im Homeoffice zu arbeiten, erlebten ebenfalls drastische Veränderungen durch überarbeitete Zeitpläne, um angemessenes Social Distancing zu gewährleisten. Dazu kamen verbesserte Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen in den Büros.

Bei vielen europäischen Firmen ist die Ausarbeitung und Umsetzung dieser Änderungen aus dem Dialog zwischen ArbeitnehmervertreterInnen und der Geschäftsführung entstanden, betont Barthès. „Die SozialpartnerInnen haben sich sehr aktiv an der Aushandlung von Vereinbarungen beteiligt, um sicherzustellen, dass die ArbeitnehmerInnen sicher sind und die Geschäfte weiterlaufen können“, erklärt sie.

Frey glaubt, dass der Arbeitsalltag für die Beschäftigten in diesen Berufen nach der Pandemie weitgehend bestehen bleibt. Barthès dagegen ist besorgt über die Zukunft des sozialen Dialogs in den Unternehmen. Aufgrund der Notfallmaßnahmen, die es den Firmen erlauben, während der Pandemie schneller Entscheidungen zu treffen, „ist die große Angst, dass [der soziale Dialog auf Unternehmensebene] nicht wieder dorthin zurückkehren wird, wo er war.“

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Corona als digitaler ‚Kipppunkt‘

Die Krise zwang die Unternehmen auch dazu, ihre digitalen Strategien zu beschleunigen, um mit der wachsenden Menge an Arbeit und Kommunikation, die online stattfindet, fertig zu werden. Eine im Oktober von McKinsey & Company durchgeführte Umfrage zeigte, dass „die COVID-19-Krise ein Wendepunkt von historischem Ausmaß [für die Technologieeinführung] ist.“

Die TeilnehmerInnen der Umfrage gaben an, dass „die Finanzierung für digitale Initiativen mehr als alles andere zugenommen hat – mehr als der Anstieg der Kosten, der Anzahl der MitarbeiterInnen in Technologiefunktionen und der Anzahl der Kunden.“

Die digitale Transformation umfasst auch den Einsatz von Tools mit künstlicher Intelligenz (KI) für eine Vielzahl von Aufgaben – von der verbesserten Nutzbarkeit von Plattformen wie Zoom bis hin zur Automatisierung sich wiederholender Arbeitsprozesse. Arbeitgeber setzen KI-Tools auch für komplexere Themen wie die Überwachung des Wohlbefindens der MitarbeiterInnen ein.

Diese Änderungen haben Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes geweckt. „Sie werden Überwachung vor 2020 und nach 2020 haben“, erklärte Barthès. „Die anfängliche Idee war es zu sagen, ‚hier geht es um Produktionsverbesserung‘, aber dann bewegt sich das Schritt für Schritt zur Überwachung von Menschen und zu Maßnahmen, die extrem aufdringlich werden und ein direkter Angriff auf die Privatsphäre der Menschen sind.“

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Kampf gegen die Verdrängung

Frey betont, dass diese beschleunigten Übergänge in Verbindung mit der Krise bei vielen Menschen Angst vor der Automatisierung und deren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt hervorgerufen haben.

„Nach der Großen Rezession hatten wir viele Bedenken, dass uns autonome Fahrzeuge und künstliche Intelligenz die Arbeitsplätze wegnehmen. Ich denke, das wird sich durch die Pandemie nur noch verschlimmern“, sagte er und fügte hinzu, dass ihr Ausmaß von der Geschwindigkeit der wirtschaftlichen Erholung abhängen werde.

Eine Lösung, um die Verdrängung von ArbeitnehmerInnen in Zukunft zu bekämpfen, sei die Schaffung eines Grundeinkommens, sagt Frey. Anders als das bedingungslose Grundeinkommen (Universal Basic Income, UBI), das jedem unabhängig von seinem Verdienst gezahlt wird, legt ein Grundeinkommen eine Lohnuntergrenze fest. Wer weniger verdient, dessen Lohn wird vom Staat aufgestockt.

Angesichts der Ungewissheit, wie die Arbeitsplätze in der Zukunft aussehen werden, und der daraus resultierenden Schwierigkeiten bei der Umschulung, „halte ich ein Grundeinkommen für eine gute Idee…um den Abschwung zu glätten“, argumentierte Frey.

Beim Gipfeltreffen in Porto will die EU im Mai unter der Leitung der portugiesischen Ratspräsidentschaft auch die Verdrängung von Arbeitsplätzen durch den grünen und digitalen Wandel angehen, „um Chancengleichheit für alle zu gewährleisten und dafür zu sorgen, dass niemand zurückgelassen wird“.

Der Gipfel wird sich an dem in Kürze erscheinenden Aktionsplan zur Umsetzung der Europäischen Säule sozialer Rechte orientieren. Themen wie die Förderung der Umschulung und die Gewährleistung fairer Arbeitsbedingungen sind in dieser Säule von zentraler Bedeutung.

Barthès glaubt, dass die Ziele des Gipfels „hilfreich“ seien, aber „es ist nicht die einzige Lösung für den gerechten Übergang.“ Darüber hinaus argumentiert sie, dass sich die EU-Kommission auf die „Reindustrialisierung von Regionen konzentrieren, dorthin gehen und schauen sollte, was die Vermögenswerte, Projekte und lokalen Initiativen sind, die entwickelt werden und wachsen können“.

[Bearbeitet von Benjamin Fox]

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