Lebenslanges Lernen: Große Diskrepanzen in den Mitgliedstaaten

Arbeitnehmer:innen mit niedrigem Bildungsniveau haben weniger Zugang zu Lernmöglichkeiten als hochqualifizierte Arbeitnehmer:innen, was eine Herausforderung für das Ziel des lebenslangen Lernens darstellt. [Nenov Brothers Images (shutterstock 121516270)]

Um die Arbeitsmärkte an die Anforderungen der Zukunft anzupassen, will die Europäische Union das lebenslange Lernen der Arbeitskräfte in Europa fördern. Der Anteil der Erwachsenen, die Lernangebote wahrnehmen, ist jedoch in den Mitgliedstaaten sehr unterschiedlich.

„Ohne qualifizierte Arbeitskräfte werden wir nicht in der Lage sein, die Veränderungen zu vollziehen, die der ökologische und der digitale Wandel von uns verlangen“, sagte Manuela Geleng, Direktorin für Arbeitsplätze und Qualifikationen bei der Europäischen Kommission, kürzlich auf einer Podiumsdiskussion.

Diese Ansicht wird in ganz Europa geteilt, weshalb Schlagworte wie lebenslanges Lernen, Höherqualifizierung und Umschulung im öffentlichen Diskurs die Runde machen.

Anfang dieses Jahres haben die Staats- und Regierungschefs der EU einen von der Europäischen Kommission vorgeschlagenen Aktionsplan gebilligt, der vorsieht, dass bis zum Jahr 2030 mindestens 60% der Europäer:innen in den letzten 12 Monaten an irgendeiner Form des Lernens teilgenommen haben sollten.

In einem ersten Schritt will die EU-Kommission bis 2025 eine Quote von 50% erreichen.

Dies ist jedoch für viele Länder eine große Herausforderung, da das Niveau des lebenslangen Lernens in den einzelnen EU-Mitgliedstaaten sehr unterschiedlich ist, wie aus Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hervorgeht.

Während in Dänemark im Jahr 2019 bereits 56,7% der 25- bis 65-Jährigen an mindestens einer Form der Erwachsenenbildung teilgenommen haben, liegt der entsprechende Anteil in Italien bei nur 22,9%. Der EU-Durchschnitt liegt bei 38%.

Neben Dänemark führen auch andere nordische Länder die Liste an. Finnland, Schweden und die Niederlande können ebenfalls Zahlen von über 50% vorweisen.

Am anderen Ende des Spektrums gehören Griechenland, die Slowakische Republik, Ungarn und Litauen zusammen mit Italien zur Gruppe der Nachzügler, in der weniger als 30% der Beschäftigten in den letzten 12 Monaten an einer Art von Weiterbildung teilgenommen haben.

Die Kommission forderte daher die Mitgliedstaaten auf, ihre eigenen nationalen Ziele zu definieren, die ihre Ausgangsposition berücksichtigen. Ein Teil der Mittel für die Förderung des lebenslangen Lernens wird aus dem Europäischen Sozialfonds Plus kommen, einem Fonds, der für den Zeitraum 2021-2027 mit 99 Milliarden Euro ausgestattet ist.

„Die EU-Finanzierung, insbesondere der Europäische Sozialfonds Plus, wird den Mitgliedsstaaten auf der Grundlage ihrer individuellen Situation zugewiesen, wie etwa dem Entwicklungsstand der Regionen oder der Arbeitslosenquote“, so ein:e EU-Beamte:r gegenüber EURACTIV.

Geleng von der Kommission warnte jedoch, dass „die EU-Ebene es nicht alleine schaffen kann“ und sagte, dass die EU-Finanzierung nur ergänzend zu den Maßnahmen der Mitgliedsstaaten sei.

„Ich möchte darauf hinweisen, wie wichtig mehr öffentliche und private Mittel sind, wenn wir das ehrgeizige Ziel von 60% erreichen wollen“, sagte sie im Online-Panel.

Die Diskrepanzen beim lebenslangen Lernen sind nicht nur zwischen den Mitgliedstaaten zu beobachten, sondern auch zwischen Arbeitnehmer:innen mit unterschiedlichem Bildungsniveau, so der OECD Skills Outlook 2021. Sechs von zehn hochgebildeten Erwachsenen nehmen am Lernen teil, während nur zwei von zehn Erwachsenen mit geringerer Bildung an Erwachsenenbildungsangeboten teilnehmen.

Außerdem haben Angestellte in großen Unternehmen tendenziell mehr Zugang zu Bildungsangeboten als Selbstständige, was angesichts der zunehmenden Bedeutung der Plattformökonomie ein Problem darstellt.

Die EU-Qualifikationsagenda wird sich also mit einer Reihe von Gerechtigkeitsüberlegungen auseinandersetzen müssen. Die meisten Antworten auf dieses Problem werden von den Mitgliedstaaten kommen müssen, da Bildung ein Politikbereich ist, der immer noch fest in der Hand der Mitgliedstaaten liegt. Dennoch gibt es einige Impulse und Koordinierungsbemühungen, die von Brüssel ausgehen.

Eine der politischen Antworten, die von der EU-Kommission erwartet werden, sind „individuelle Lernkonten“ (ILA). Diese sollen dazu beitragen, das Recht auf Weiterbildung unabhängig von Arbeitgeber:in oder vom beruflichen Status an Einzelne zu binden.

Eines der am schwierigsten zu lösenden Probleme besteht darin, die Menschen überhaupt zu einer Ausbildung zu motivieren. Zahlen der OECD zeigen, dass 80% der Menschen, die sich nicht weiterbilden, dies tun, weil sie es nicht wollen und keine Notwendigkeit dafür sehen.

Die Aufgabe, lebenslanges Lernen umzusetzen und die ehrgeizigen Ziele der Kommission zu erreichen, bleibt also gewaltig.

Ein:e EU-Beamte:r erklärte jedoch gegenüber EURACTIV: „Die EU-Mitgliedstaaten haben jetzt nie dagewesene Möglichkeiten der EU-Unterstützung für Investitionen in die Menschen, insbesondere in die Höher- und Umschulung, die die Widerstandsfähigkeit gegen wirtschaftliche Krisen stärkt und sozial gerechte und integrative Übergänge unterstützt“.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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