Kurzarbeit sinkt in Deutschland: Starke Branchen-Unterschiede

Vor allem in der Gastronomie geht die Kurzarbeit zurück. [CLEMENS BILAN/EPA]

Vor allem in Gastronomie und Handel wird wieder mehr gearbeitet. In Teilen der Industrie stieg die Kurzarbeit jedoch, unter anderem, weil sie stark von der internationalen Nachfrage abhängig ist. Der Bund der Deutschen Industrie fordert neue Hilfen vom Staat.

Laut aktuellen Zahlen des ifo Instituts für Wirtschforschung entscheiden sich UnternehmerInnen vermehrt dafür, ihre MitarbeiterInnen wieder vollumfänglich zu beschäftigen. Die Zahl der KurzarbeiterInnen in Deutschland sank im Juli auf 5,6 Millionen, das waren 1,1 Millionen weniger als im Juni.

Ihr Anteil an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sank damit von 20 auf 17 Prozent.

Allerdings ist das Bild nicht einheitlich: „Der Rückgang hat sich zwar insgesamt beschleunigt, aber in einigen Branchen nimmt die Kurzarbeit sogar noch zu“, sagt ifo-Arbeitsmarkt-Experte Sebastian Link. So ist die Zahl in der Industrie insgesamt nur gering zurückgegangen, weil beispielsweise Maschinenbau und Elektrobranche einen Zuwachs verzeichnen.

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Die Geschäftserwartungen der wichtigen Branche legten im Juli bereits den zweiten Monat in Folge deutlich zu, und zwar auf 43,7 Punkte nach 26,9 Zählern im Juni, wie die Münchner Forscher am Dienstag zu ihrer Unternehmensumfrage mitteilten.

Im Gegensatz dazu kann der Dienstleistungssektor einen viel stärkeren Rückgang der Kurzarbeit vorweisen, etwa durch fallende Zahlen im Gastgewerbe, wo noch 465.000 Personen in Kurzarbeit sind, verglichen mit 672.000 im Juni. Ähnliches gilt für den Handel, wo die Zahl von 963.000 auf 637.000 fiel.

Das sei durchaus logisch, sagt Marc Tenbieg, Geschäftsführender Vorstand des Deutschen Mittelstands-Bunds (DMB) im Gespräch mit EURACTIV Deutschland. Die Industrie habe ganz eigene Schwierigkeiten, denn sie sei besonders stark vom internationalen Handel abhängig.

Das gelte speziell für die Sektoren Maschinenbau und Elektronik, da diese verstärkt sogenannte Investitionsgüter insbesondere auch für den internationalen Bedarf produzieren. Diese Güter sind Produkte, die andere Unternehmen für ihre eigene Produktion kaufen – wie beispielsweise für den Anlagenbau. Weil viele Firmen aber derzeit vorsichtig sind und auf Sparflamme produzieren, ordern sie auch weniger Investitionsgüter.

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Schönwetterlage

„Da ist es klar, dass in der Industrie andere Rückgänge zu verzeichnen sind als im Gastgewerbe“, so Tenbieg. Denn die Lokale konnten wieder aufmachen, bei schönem Wetter strömen die Leute nach draußen, und lassen sich gern im Gastgarten unter freiem Himmel verköstigen. „Allerdings kann sich die Lage im Gastgewerbe auch schnell wieder verschlechtern, wenn das Wetter im Herbst wieder schlechter wird und die Gäste nicht in den schlechter belüfteten und engeren Innenraum gehen wollen“, so Tenbieg.

Auch der Handel konnte seine Türen wieder öffnen, und er muss dringend seine Sommerware loswerden, speziell in der Modebranche. Dafür würden alle Hände gebraucht, es sei „klar, dass die eine gute Entwicklung bei der Kurzarbeit haben“, so Tenbieg.

Das bedeute aber nicht automatisch einen ebenso rosigen Ertrag. Denn der Handel habe seine Preise massiv runtersetzen müssen, um die immer noch zurückhaltenden KonsumentInnen mit Rabatten zu locken. Laut Tenbieg hoffen Einzelhändler vor allem ,,nicht wieder strengere Beschränkungen umsetzen zu müssen, damit sie sich gut bis zum Weihnachtsgeschäft retten können.“

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Industrie fordert neue Hilfen

In Sachen Umsatz steht die deutsch Industrie dafür momentan wieder besser da. Laut aktuellen Zahlen des Bundeswirtschaftsministerum stiegen die Bestellungen zwischen Mai und Juni um 27,9 Prozent. Damit steige das Auftragsvolumen auf 90,7 Prozent der Bestellungen im vierten Quartal 2019, so das Ministerium.

Allerdings zeige sich auch hier, dass die globale Wirtschaft weiter kriselt. Denn während die Aufträge aus Deutschland um 35,3 Prozent stiegen, waren es bei Bestellungen aus dem Ausland nur 22 Prozent.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) warnt vor voreilendem Optimismus. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa) sagte BDI-Präsident Dieter Kempf: „Es gibt Anzeichen für eine wirtschaftliche Erholung“, doch „die Grundstimmung in der Wirtschaft ist nach wie vor nicht gut“.

Daher fordert der BDI mehr staatliche Konjunkturmaßnahmen. „Die Liquidität muss verbessert werden, die Firmen brauchen Eigenkapital.“ Er fürchtet: „Ohne mehr und zielgerichtetere Hilfen befürchten wir einen deutlichen Anstieg der Insolvenzen ab Herbst.“

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