Krise und Vertrauen: Recovery Fund als „Rettungsring“ für die EU-Wirtschaft

Wie die jüngsten Eurostat-Zahlen zeigen, hat sich das Vertrauen in eine erfolgreiche EU-Wirtschaft trotz der Gesundheitskrise mehr oder weniger gehalten. [EPA-EFE/MOURAD BALTI TOUATI]

Wie die jüngsten Eurostat-Zahlen zeigen, hat sich das Vertrauen in eine erfolgreiche EU-Wirtschaft trotz der Gesundheitskrise mehr oder weniger gehalten.

Die COVID-19-Krise hat nicht nur für Angst um die Gesundheit, sondern auch um die Wirtschaftsentwicklung gesorgt. Das Vertrauen der Wirtschaftsakteure – Verbraucher, Einzelhandel, Industrie und Bauwirtschaft – ist dabei ein Barometer für dieses Gefühl der Unsicherheit.

Im Zeitraum Dezember 2019-Dezember 2020 ist dabei tatsächlich zu erkennen, dass dieses Vertrauen deutlich gesunken war, als die ersten Lockdowns in Europa verhängt wurden. „Der April [2020] war der Tiefpunkt; das war katastrophal,“ kommentiert André Sapir, Senior Fellow beim Think-Tank Bruegel und Professor an der Solvay Brussels School of Economics and Management.

„Der Sommer war bei den Verbrauchern hingegen recht stabil, wenn auch auf einem niedrigen Niveau. Wir haben uns nicht so stark erholt wie erhofft. Das Vertrauen bleibt schwächer als zu Beginn des Jahres; wir haben erst ein Drittel des Vertrauens zurückgewonnen,“ fährt er fort.

Der Vertrauensrückgang im Zeitraum Oktober-November sei hingegen geringer ausgefallen als im Frühling, da die zweite Lockdown-Phase meist weniger streng verlief und auch die Zahl der Todesfälle geringer war. Somit spiegele  die Wirtschafsvertrauenskurve die Gesundheitssituation wider.

Monatlicher Vertrauensindikator der europäischen Verbraucher zwischen Dezember 2019 und Januar 2021. Quelle: EDJnet

Obwohl die Verbraucher in Bezug auf die Zukunft weiterhin misstrauisch sind, konsumieren sie: Dies zeigt sich auch in dem Vertrauensanstieg, den die Einzelhändler von Juni bis Oktober erlebten.

Die Kundinnen und Kunden kauften dabei vor allem Einrichtungsgegenstände wie Möbel und Dekoartikel. „Es werden tatsächlich sogar mehr Käufe getätigt, als das Verbrauchervertrauen vermuten ließe,“ fasst Sapir zusammen.

Die Industrie hingegen war 2019 bereits am Boden und konnte wenig bis gar keine Investitionen aufweisen. Der Ökonom erinnert daran, dass 2019 wirtschaftlich kein gutes Jahr war, unter anderem wegen der Handelsstreitigkeiten mit China und dem damaligen US-Präsidenten Donald Trump.

Im Herbst kehrte die Zuversicht in der Industrie aber zurück, so Sapir. Der Grund dafür sei erneut, dass die zweite Welle weniger harsch ausfiel und die nun verfügbaren Impfstoffe neue Perspektiven und Hoffnung für den Konsum bieten – ebenso wie für die Beschäftigung und die Gesundheit der Angestellten in der Industrie.

Monatlicher Vertrauensindikator der europäischen Industrie zwischen Dezember 2019 und Januar 2021. Quelle: EDJnet

Das Vertrauen in den Bausektor ist ebenfalls ein wichtiger Indikator für die Wirtschaftsaktivität. Diesbezüglich zeigt sich jedoch Zurückhaltung: Der Aufschwung, der im Mai begann, bleibt deutlich niedriger als vor der Krise.

Im Jahr 2019 war die Zuversicht in der Branche bereits gering, vor allem in Deutschland, wo die Einkünfte rückläufig waren. Auch die US-Wahlen mit dem Sieg Joe Bidens dürften ein Unsicherheitsfaktor gewesen sein.

In Bezug auf Impfstoffe als wichtigen Schritt zur Auflösung der Krise stellt Sapir fest, dass es sowohl auf der Konsum- als auch auf der Produktionsseite zwei gegensätzliche Stimmungen gibt: Einerseits die Sorge um COVID-Mutationen und andererseits die Hoffnung angesichts der Impfstoffe.

„Es gibt einen veritablen Wettlauf zwischen den beiden. Wir werden sehen, wer schneller ist. Leider sind viele jüngere Nachrichten über den Impfstoff schlecht. Mit der Verzögerung der Impfprogramme sinkt auch die Hoffnung, dass alle geimpft werden,“ warnt der Ökonom. Auch der zwischenzeitlich Stopp der Impfung mit dem Astrazeneca-Stoff gebe in der Öffentlichkeit Anlass zur Sorge.

Erwartungshaltung 

In gewisser Weise steht auch das Vertrauen in den Staat auf dem Spiel, denn die Erwartungen an die Behörden sind sehr hoch. Dies führt allerdings auch zu Widersprüchen: So erwartet der Großteil der Menschen von den Behörden Sicherheitsmaßnahmen wie eben Lockdowns, andererseits will man aber die Freiheit sichern und fürchtet den wirtschaftlichen Abschwung.

Weiter erwarten die Bürgerinnen und Bürger, dass die Behörden den durch die Gesundheitslage bedingten Einkommensverlust ausgleichen, insbesondere durch Gehaltsunterstützung, aber auch durch sozialen, wirtschaftlichen und gesundheitlichen Schutz.

Dieser Schutz findet auf nationaler Ebene statt, mit Gesundheitssystemen, Arbeitslosenunterstützung, usw. Aber es gibt auch Erwartungen an die Europäische Union, die auf zwei Ebenen reagiert hat: durch die Bereitstellung der Impfstoffe, die gemeinsam organisiert wurde; und das Konjunkturprogramm zur Eindämmung der Wirtschaftskrise.

EU-Ratspräsidentschaft: Aktuelles Wirtschaftsmodell hat "keine Zukunft"

Das derzeitige Wirtschaftsmodell der EU habe „keine Zukunft“ und reagiere nicht angemessen auf „große ökologische Herausforderungen“, so Portugals Ministerpräsident António Costa am vergangenen Freitag. Er forderte die Einführung „neuer Modelle“ wie Kreislaufwirtschaft und nachhaltige Bioökonomie.

Im Vergleich von Rating-Agenturen erhält die Europäische Kommission daher auch bessere Noten als einige EU-Staaten. „Italien zum Beispiel, das inmitten einer wirtschaftlichen und politischen Krise in die COVID-Krise geriet, war fragil,“ erinnert Sapir. Ohne das Eingreifen der EU hätte die Gesundheitskrise dort noch schlimmer ausfallen und eine „neue ‚Griechenlandkrise'“ verursachen können, meint er.

Insbesondere die Einigung auf den Recovery Fund habe einer großen Krise in der Eurozone entgegengewirkt: „Trotz des Rücktritts von Giuseppe Conte blieben die wirtschaftlichen und politischen Akteure in Europa ruhig. Damit verhinderten wir, dass die Krise auf andere Länder übergreift, und wir schützten uns selbst vor einer größeren Krise,“ so der Ökonom abschließend.

Dieser Artikel erscheint im Rahmen des europäischen Projekts EDJNet.

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