Die europäische Staatsschuldenkrise hängt wie ein Damoklesschwert über den Finanzmärkten und der Wirtschaft. In seiner Konjunkturprognose erwartet der Bundesverband deutscher Banken indes, dass sich die Staatschuldenkrise in den kommenden Monaten sowie im nächsten Jahr etwas beruhigt.
Der Euro-Raum rutschte Anfang dieses Jahres in eine neuerliche Rezession. Nicht nur die Staatsschuldenkrise, auch das verhaltene Wirtschaftswachstum der USA und der Emerging Markets dämpfen derzeit die Nachfrage nach Produkten aus dem Euro Währungsraum. Zudem hat die negative Konjunkturentwicklung im Euro-Raum eine gewisse Eigendynamik angenommen. Folglich ist ein Ende der Rezession in diesem Jahr nicht mehr zu erwarten.
Wegen der fortlaufenden Konsolidierungsmaßnahmen sowie der naturgemäß noch ungelösten Strukturprobleme wird ein Erholungsprozess auch erst sehr schleppend und verhalten einsetzen. Wichtige Voraussetzung für eine konjunkturelle Wiederbelebung im nächsten Jahr ist zudem, dass die von der Staatsschuldenkrise ausgehenden Unsicherheiten spürbar nachlassen. Bei einem Austritt Griechenlands aus der Währungsunion oder neuen Hiobsbotschaften aus anderen Peripherieländern würde die Rezession deshalb deutlich länger dauern.
Zweifel an Sonderwirtschaftszone
Wie wichtig ein Abbau der Unsicherheiten für die wirtschaftliche Entwicklung ist, wird deutlich, wenn man sich in die Lage eines potenziellen Investors versetzt: Solange zum Beispiel im Falle Griechenlands fraglich ist, welche Währung in drei, sechs oder zwölf Monaten in diesem Land überhaupt gilt, wird es kaum neue private Investitionen geben. Aus diesem Grund hält der Bankenverband auch Überlegungen bezüglich einer Sonderwirtschaftszone für Griechenland im aktuellen Umfeld für wenig erfolgversprechend.
Doch selbst wenn sich bei der Bewältigung der Staatsschuldenkrise Fortschritte ergeben sollten, werden die hohe Arbeitslosigkeit sowie der weitere Abbau von Leistungsbilanzdefiziten die wirtschaftliche Entwicklung vor allem in den Peripheriestaaten auch im nächsten Jahr noch merklich beeinträchtigen. Die Chefvolkswirte der privaten Banken prognostizieren deshalb im Jahr 2013 nur einen geringfügigen Zuwachs beim Bruttoinlandsprodukt für den Euro-Raum von 0,3 Prozent nach einem Minus von 0,5 Prozent im laufenden Jahr.
Inflation geht nur langsam zurück
Die Inflationsrate im Euro-Raum geht nur langsam zurück. Zwar dämpfen die schwache Konjunktur und die hohe Arbeitslosigkeit den Preisauftrieb. Dem stehen aber höhere Verbrauchssteuern in zahlreichen Euro-Staaten sowie der jüngste Schub bei den Rohölpreisen gegenüber. Hinzu kommt der bereits erwähnte Preisauftrieb bei Nahrungsmitteln. Im Durchschnitt des laufenden Jahres rechnet der Bankenverband im Euro-Raum mit einer Inflationsrate von 2,4 Prozent.
Im Laufe des kommenden Jahres sollte die Teuerungsrate aus heutiger Sicht leicht nachgeben. Vor allem die schwache Konjunktur und die hohe Arbeitslosigkeit dürften die Inflation zügeln. Im Jahresdurchschnitt prognostizieren wir eine Inflationsrate, die mit 1,9 Prozent auf dem mittelfristigen EZB-Ziel liegt.
Zinssenkungszyklus endet bei Leitzins von 0,5 Prozent
Angesichts der schwierigen Wirtschaftslage und der äußerst bescheidenen konjunkturellen Perspektiven wird die Europäische Zentralbank (EZB) nach Ansicht des Bankenverbandes den Zins für das Hauptrefinanzierungsgeschäft in diesem Jahr noch einmal reduzieren.
Die Mehrheit der Chefvolkswirte der privaten Banken geht allerdings davon aus, dass der aktuelle Zinssenkungszyklus bei einem Hauptrefinanzierungssatz von 0,5 Prozent beendet sein wird. Legt man unsere Prognosen zum Wirtschaftswachstum und der Preisentwicklung zugrunde, dann dürfte der Leitzins bis zum Ende des Prognosezeitraums auf diesem Niveau verharren.
Anleihekaufprogramm der EZB heikle Gratwanderung
Das neue Aufkaufprogramm der EZB für Staatsanleihen wird vom Bankenverband mit gemischten Gefühlen gesehen: Ordnungspolitisch ist es abzulehnen, da die Geldpolitik zu nah an die Fiskalpolitik heranrückt. Dies könnte nicht nur das Ziel der Preisniveaustabilität gefährden, sondern auch die politische Unabhängigkeit der EZB schwächen. Auf Dauer könnte sogar die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik im Euro-Raum Schaden nehmen.
Kurzfristig wirkt allerdings bereits die Ankündigung des Programms an den Märkten. Ob dieser Effekt nachhaltig ist, hängt jedoch einzig und allein davon ab, wie die Politik in den einzelnen Euro-Staaten auf das EZB-Programm reagiert: Nutzen die Regierungen die von der EZB gekaufte Zeit, um die wirtschaftlichen Strukturreformen konsequent umzusetzen, dann gehen die mit dem Programm verbundenen Erwartungen auf. Lassen die Reformanstrengungen in den Euro-Staaten wegen des geringeren Renditedrucks jedoch nach, "dann haben wir mit Zitronen gehandelt".
Wenn die betroffenen Euro-Staaten nicht ihre schwachen Wirtschaftsstrukturen umbauen und ihr Wachstumspotenzial stärken, werden sich die Probleme in der Europäischen Währungsunion nur weiter aufstauen und früher oder später noch verheerender aufbrechen.
Staatsschuldenkrise mit starkem Einfluss auf Euro-Kurs
Beim Wechselkurs des Euro waren in den letzten Monaten deutliche Ausschläge zu sehen. Sie sind stark von der Entwicklung der europäischen Staatsschuldenkrise geprägt. So hat der Euro von April bis Ende Juni dieses Jahres gegenüber dem US-Dollar erneut deutlich nachgegeben.
Mit der Ankündigung des neuen Anleihekaufprogramms der EZB hat allerdings eine kräftige Erholung eingesetzt, die durch das letzte Woche angekündigte Wertpapierkaufprogramm der US-Notenbank einen weiteren Schub bekam.
Der Bankenverband geht davon aus, dass die Wechselkursvolatilität in einem schwierigen konjunkturellen und politischen Umfeld auch in den nächsten Monaten verhältnismäßig hoch bleibt. Mittelfristig, also bis Ende nächsten Jahres, sei damit zu rechnen, dass das etwas höhere Wirtschaftswachstum in den USA im Vergleich zum Euro-Raum die europäische Gemeinschaftswährung etwas belasten wird. Die Prognose für den Euro-Dollar-Kurs liegt daher Ende 2013 in einer Spanne von 1,20 bis 1,30 US-Dollar und damit in der Nähe seiner fairen Bewertung.
Auszüge aus den Ausführungen von Stefan Schilbe, dem Vorsitzenden des Ausschusses für Wirtschafts- und Währungspolitik des Bundesverbandes deutscher Banken, anlässlich der Vorstellung der Konjunkturprognose.
Morgen: Dr. Hans-Joachim Massenberg, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Bankenverbandes, zur europäischen Staatsschuldenkrise: "Auseinanderbrechen hätte gravierende Folgen".
Links
Anhaltende Schuldenkrise dämpft deutsche Wirtschaft: Prognoseübersicht mit Tabellen
Homepage des Bundesverbandes deutscher Banken
