Kommission: „Zu früh“ für Aussagen über wirtschaftliche Coronavirus-Auswirkungen

Der Vizepräsident der EU-Kommission Valdis Dombrovskis (l.) und Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni. [EPA-EFE/OLIVIER HOSLET]

Die Europäische Kommission wird die Auswirkungen des Coronavirus-Ausbruchs in ihrer aktualisierten Wachstumsprognose, die am heutigen Donnerstag vorgestellt wird, nicht berücksichtigen. Aus Sicht der Brüsseler Institution ist es „noch zu früh“, um die Effekte des Virus auf die Wirtschaftsleistung der Union abzuschätzen, teilten EU-Quellen gegenüber EURACTIV mit.

Die Ausbreitung des Virus hat China indes gezwungen, zahlreiche Fabriken vorübergehend zu schließen, was sich auch auf die globalen Lieferketten auswirkt. Außerdem wurden größere Veranstaltungen abgesagt, beispielsweise – entgegen vorheriger Beteuerungen – der Mobile World Congress in Barcelona.

Internationale Institutionen und EU-Beamte warnten in den vergangenen Wochen bereits, dass das Coronavirus nicht nur das Wachstum Chinas, sondern auch die weltweite Produktion beeinträchtigen werde. Schließlich hat das asiatische Land mit rund 16 Prozent des weltweiten BIP einen sehr großen Anteil an der Weltwirtschaft.

„Während die Gefahr eines Handelskrieges zwischen den USA und China zurückgegangen zu sein scheint, fügt das Coronavirus eine neue Ebene der Unsicherheit hinzu,“ kommentierte die Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, vergangene Woche.

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Ein internationales Team von Experten unter Leitung der Weltgesundheitsorganisation wird nach China reisen, um dort dem Coronavirus auf den Grund zu gehen. Kommende Woche werden zudem in Genf hunderte Experten bei einem Treffen der WHO beratschlagen.

Auch die EU-Kommission dürfte am heutigen Donnerstag den Coronavirus als potenzielles Risiko für die europäische Wirtschaft auflisten. Allerdings wird wohl auch mitgeteilt, dass es aktuell noch „zu früh ist, um die makroökonomischen Auswirkungen“ des Virus einzuschätzen. EU-Beamte verweisen in diesem Zusammenhang auf den Stichtag für die Erstellung der aktuellen Prognose (4. Februar). Man habe daher noch kein ausreichendes, gesichertes Wissen für das Ausmaß des ökonomischen Schadens aufgrund der Infektionen.

Vorgestellt wird die offizielle Wirtschaftsprognose, die aktualisierte Wachstums- und Inflationszahlen für die EU, die Eurozone und die einzelnen Mitgliedstaaten enthält, heute von EU-Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni.

Gentiloni selbst erklärte gegenüber der Brüsseler Presse am 5. Februar ebenfalls, das Coronavirus sei zusammen mit den laufenden Handels- sowie Post-Brexit-Gesprächen Teil der „Elemente, die wirtschaftliche Folgen haben könnten; die wir aber noch nicht seriös einschätzen können“.

Weniger Wachstum durch Coronavirus?

Die Rating-Agentur S&P teilte indes am Mittwoch mit, dass die Wirtschaft der Eurozone in diesem Jahr um 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte weniger wachsen könnte als bisher angenommen. Dies dürfte einerseits auf die Auswirkungen des Coronavirus auf die EU-Exporte nach China, andererseits aber auch auf die Unternehmensinvestitionen zurückzuführen sein.

Die Rating-Agentur erwartet, dass sich die Coronavirus-Effekte vor allem auf das erste Quartal konzentrieren werden. Einige Sektoren, darunter die Tourismusbranche, könnten allerdings mehr Zeit benötigen, um sich wieder zu erholen.

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Dunkle Wolken über der Eurozone? 2020 soll bestenfalls Einigungen bezüglich EDIS, ESM und den diversen Streitigkeiten bei internationalen Handelsbeziehungen bringen.

Die aktualisierte Prognose der Kommission wird am kommenden Montag von den FinanzministerInnen der Eurozone diskutiert. Sie soll neben der Hinweise auf die erwarteten Entwicklungen der Eurozone den Mitgliedstaaten auch eine Hilfestellung bei der Ausarbeitung der eigenen, nationalen Finanzpläne geben.

Das Coronavirus könnte die europäische Wirtschaft in einem ohnehin schwierigen Moment treffen: Die Kommission hatte das BIP-Wachstum für die Gesamt-EU und die Eurozone in ihrer letzten Prognose vom November 2019 bereits auf 1,4 bzw. 1,2 Prozent nach unten korrigiert.

Angesichts des fragilen Wachstums und der zahlreichen Risiken, einschließlich des Brexits und der globalen Handelsspannungen, forderte die EU-Exekutive damals, dass die Mitgliedsstaaten „auf alle Szenarien vorbereitet sein sollten„, obwohl man aktuell noch keine Rezession erwarte.

Auswirkungen aus China

Die durch den Coronavirus ausgelöste Krankheit – die von der Weltgesundheitsorganisation inzwischen als Covid-19 bezeichnet wird – hat bereits über tausend Todesfälle gefordert. Mehr als 43.000 Menschen weltweit sind infiziert. Damit hat die Erkrankung bereits die Auswirkungen des SARS-Virus‘ im Jahr 2003 übertroffen.

Die Abschottung Chinas in Folge des Ausbruchs könnte das chinesische BIP-Wachstum im ersten Quartal nun sogar nahe an die Null-Prozent-Marke drücken, erwartet die EU-Handelskammer in Peking.

Deutsche Wirtschaft womöglich durch Corona-Virus bedroht

Chinas Wirtschaft leidet am Coronavirus, und Deutschland leidet mit. Laut Berechnungen des IFO-Insituts könnte das deutsche Wachstum gedämpft werden. Besonders die Auto-Industrie ist gefährdet.

In Europa dürfte vor allem Deutschland betroffen sein, da die Bundesrepublik der größte Handelspartner Chinas sowie der wichtigste EU-Markt für chinesische Firmen ist.

Besonders hart treffen könnte die Pandemie dabei die Automobilindustrie: Die deutschen Automobilhersteller betreiben rund 30 Werke im Reich der Mitte, erinnert der Verband der deutschen Automobilindustrie (VDA). Darüber hinaus haben deutsche Automobilzulieferer 315 Standorte in China. Somit könnten auch die weiteren Lieferketten gefährdet werden.

Ein anderer Wirtschaftssektor, der spürbar in Mitleidenschaft gezogen werden dürfte, ist der europäische Fremdenverkehr. Allein Italien könnte in diesem Jahr bis zu 4,5 Milliarden Euro an geplanten Einnahmen aus dem Tourismus einbüßen, da die Angst vor Viren die BesucherInnen fernhält, so eine Schätzung der Umfrageagentur Demoskopika.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

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