Kein Rock-Zwang mehr: Ein erster Sieg für die McDonald’s-Angestellten in Frankreich

Das Rechtskollektiv McDroits ist zumindest teilweise zufrieden: Die jüngste Entscheidung gegen den Rock-Zwang sei ein Beweis dafür, dass sich der Kampf lohnt. Und weitergeführt werden muss. [Ana Gayon Photographies]

Nach den Enthüllungen zu zahlreichen Fällen von Belästigung und Diskriminierung aller Art bei McDonald’s in Frankreich gewann das McDroits-Kollektiv vergangene Woche einen Prozess, mit dem ein Symbol des „systemischen Sexismus“ im Konzern abgeschafft werden dürfte: Obwohl in den Regeln von McDonald’s nicht ausdrücklich vorgeschrieben, war das Tragen eines Rocks für weibliche Angestellte in den Restaurants der Gruppe bisher obligatorisch. EURACTIV Frankreich berichtet.

Es mutet wie eine Geschichte aus dem 19. Jahrhundert an, als es Frauen in Paris gesetzlich verboten war, Hosen zu tragen: Unter dem von der Gruppe McDroits („McRechte“) ausgelösten Druck hat sich die Geschäftsführung von McDonald’s Frankreich nun dazu entschieden, das verpflichtende Tragen von Röcken in den Filialen zu verbieten – unabhängig, ob es sich um Franchisenehmer oder konzerneigene McDonald’s-Restaurants handelt.

Außerdem sollen neue Schulungen zur Verhinderung sexueller Belästigung entwickelt werden. Für das Rechtskollektiv ist es ein erster Sieg.

„Probleme wie sexuelle Belästigung, Gewalt am Arbeitsplatz und eine grundsätzliche sexistische Atmosphäre bei McDonald’s oder in Fast-Food-Unternehmen allgemein gibt es in vielen Ländern,“ fasst Nicholas Allen, ein US-amerikanischer Gewerkschafter sowie Direktor für internationale Angelegenheiten bei der Internationalen Gewerkschaft der Dienstleistungsbeschäftigten (SEIU), die die Maßnahmen gegen den Fast-Food-Riesen koordiniert, gegenüber EURACTIV Frankreich zusammen.

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Weltweiter Kampf

Die SEIU und die Internationale Föderation der Lebensmittel- und Landwirtschaftsgewerkschaften reichten im Mai beim OECD-Büro in den Niederlanden eine Beschwerde wegen Nichteinhaltung der OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen ein, zu denen dokumentierte Fälle sexueller Belästigung in sieben Ländern gehören. „Im Vereinigten Königreich, in Frankreich, Brasilien und den Vereinigten Staaten sind ebenfalls Gerichtsverfahren anhängig. Und die soziale Bewegung erwirkt unmittelbarere Resultate, weil das Unternehmen diese Themen nicht gerne in der Öffentlichkeit diskutieren möchte,“ sagt Allen.

In den Vereinigten Staaten sei auch eine #MeTooMcDonalds-Bewegung ins Leben gerufen worden.

Es wird jedoch einige Zeit dauern, bis Lösungen in großem Maßstab umgesetzt werden. In Frankreich hat die McDonald’s-Unternehmensleitung bisher lediglich ein internes Memo verschickt, um das verpflichtende Tragen eines Rocks in ihren Restaurants in der Region Paris und Ile de France – dem Hauptaktionsfeld des Kollektivs – abzuschaffen.

„Die Geschäftsleitung hat eine Empfehlung an alle Restaurants in der Region Ile de France geschickt, um darin zu erklären, dass das Tragen von Röcken den Angestellten nicht von ihren Vorgesetzten aufgezwungen werden darf,“ erklärt Maylis, eine Sprecherin von McDroits.

McDonald’s habe sich verpflichtet, dies künftig in ganz Frankreich und dann auch anderswo in Europa durchzusetzen.

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Während sich die junge Frau über diesen Schritt nach vorne freut, ist das Kollektiv insgesamt weniger zufrieden mit den Vorschlägen des Konzerns für neue Aus- und Weiterbildungskurse.

„Es ist ein halber Sieg,“ heißt es von Seiten McDroits. Die fraglichen Ausbildungen würden zwar zertifiziert, seien faktisch aber ein Taschenspielertrick: „In Wirklichkeit bescheinigen sie lediglich, dass der oder die Managerin des Restaurants geschult wurde. Außerdem ist es nicht unbedingt so, dass die Schulung selbst von einer auf Themen wie sexuelle Belästigung oder sexistisches Verhalten spezialisierten Stelle zertifiziert werden.“

Das Kollektiv fordere daher, „dass Maßnahmen gemeinsam mit den Angestellten und mit Fachverbänden gestaltet werden. Wir wollen nicht, dass die Schulungen darauf beschränkt sind, ein PDF mit einigen Multiple-Choice-Fragen in 30 Minuten abzuarbeiten, wie es derzeit der Fall ist.“

Auch der US-Gewerkschafter Allen geht von langwierigen Prozessen aus. „McDonald’s ist nach wie vor ein Unternehmen, das ziemlich allergisch auf die Idee reagiert, gewisse Macht mit den Angestellten zu teilen.“ Er wünsche sich ein System im Fast-Food-Business, „das es den Beschäftigten ermöglicht, einer Gewerkschaft beizutreten, wobei die kollektive Organisation am Arbeitsplatz selbst das geeignetste Instrument ist.“

Im Gespräch mit dem RSE Magazine vom 5. November betonte Salime Hassam, Personaldirektor von McDonald’s Frankreich, seinerseits: „Sobald unangemessenes Verhalten festgestellt wird oder Gegenstand einer Meldung ist, soll die Restaurantleitung nach aktueller Regelung interne Untersuchungen einleitet.“

Er räumte jedoch ein: „In diesem Bereich sind wir entschlossen, mehr zu tun und besser zu werden, um alle Arbeitnehmenden zu schützen.“

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Zahlreiche Probleme

Hinzu kommen die offenbar zahlreichen Fälle von Diskriminierung aller Art, insbesondere Rassismus (EURACTIV berichtete). Die Diskussion scheint nur schleppend voranzukommen: „Es gibt viele Themen, für die bisher einfach keine Zeit war, weil die Geschäftsführung gestresst war. Und einige Themen sind von der Gruppe noch nicht bekannt gemacht worden,“ erklärt Maylis.

Das Unternehmen scheint in der Tat noch viel aufarbeiten zu müssen. „Die Probleme sind in der Branche sehr weit verbreitet, und das ist nicht überraschend,“ erläutert Allen. Der Sektor sei „gekennzeichnet durch ziemlich schlechte Arbeitsbedingungen, einen geringen gewerkschaftlichen Organisationsgrad und junge, prekär bis schlecht bezahlte Beschäftigte, die anfälliger für Ausbeutung sind.“

Er ist überzeugt: „Wo Respekt für die Arbeitnehmenden besteht, können diese Probleme besser angegangen und beseitigt werden.“

Zuvor war McDonald’s unter anderem auch „Steueroptimierung“ in Luxemburg vorgeworfen worden. Im September 2018 hatte die EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager nach dreijährigen Untersuchungen entschieden, die Steuermodelle seien wohl rechtmäßig. Es habe sich ergeben, dass die sogenannte „doppelte Nichtbesteuerung“ in Einklang mit dem luxemburgischen Steuerrecht gestanden habe, sagte Vestager. De facto handelte es sich um eine Gesetzeslücke: Der Umstand gehe auf eine „Unvereinbarkeit zwischen dem luxemburgischen und dem US-Steuerrecht“ zurück.

Die Tatsache, dass McDonald’s in Luxemburg keine Steuern auf diese Gewinne gezahlt hatte, bleibe natürlich bestehen, fügte Vestager hinzu. „Und so sollte es aus Sicht der Steuergerechtigkeit nicht sein.“

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McDonald’s muss wegen seiner Steuertricks in Luxemburg keine Abgaben nachzahlen. Laut EU-Kommission habe Luxemburg dem US-Unternehmen keine unzulässigen Vorteile gewährt habe. Fair sei es trotzdem nicht zugegangen.

„So etwas ist schon heuchlerisch – vor allem angesichts der Gesundheitskrise, die wir gerade durchmachen,“ kritisiert Allen: „Weniger Steuern bedeuten weniger Pflegepersonal, weniger Geld für Krankenhäuser… Deshalb versuchen wir, eine globale Kritik an dem Konzern aufrechtzuerhalten.“

Er betont: „Es ist nicht nur dieses oder jenes einzelne Problem; es ist ein regelrechtes Modell, das hier gefahren wird.“

Die gute Nachricht sei aber, dass Veränderungen nicht unmöglich erscheinen, so Allen: „In Dänemark konnten die Gewerkschaften im Laufe der Jahre kämpfen und wirklich etwas erreichen. Heute operiert McDonald’s dort als ein ziemlich verantwortungsbewusstes Unternehmen, mit gut etablierten Gewerkschaften, in Dänemark gezahlten Steuern – und immer noch mit Gewinnen.“

Für das McDroits-Kollektiv in Frankreich steht nun die nächste Etappe in seinem Kampf an: ein weiteres Treffen mit dem McDonald’s-Management.

Die Angestellten müssen noch ein genaues Datum aushandeln. Wenn sie keine Antwort erhalten sollten, bleibe das Kollektiv aber unerbittlich, kündigt McDroits-Sprecherin Maylis an: „Wir werden weitere Aktionen planen. Nur so verändern sich die Dinge. Wenn wir anfangen, [McDonalds‘] Image anzugreifen, fangen sie an, sich für uns zu interessieren.“

Die jüngste Entscheidung gegen den Rock-Zwang sei ein Beweis dafür, dass sich der Kampf lohnt. Und weitergeführt werden muss.

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