Kahlschlag bei Siemens

Siemens will gewaltig schrumpfen um Überkapazitäten abzubauen. [EPA/FELIPE TRUEBA]

Der Münchner Industriekonzern Siemens will in den nächsten Jahren weltweit 6.900 Arbeitsplätze im Geschäft mit Turbinen, Generatoren und großen Elektromotoren streichen, davon die Hälfte in Deutschland.

“Es brennt lichterloh auf dem Markt, wir müssen schnell reagieren”, sagte Personalchefin Janina Kugel am Donnerstag. Dabei könnte es zum ersten Mal seit zehn Jahren zu Entlassungen bei Siemens auf dem Heimatmarkt kommen. Die Gewerkschaft IG Metall will das verhindern. Mit Abstand am stärksten betroffen ist die Kraftwerks-Sparte, die unter der Energiewende leidet. Die Gasturbinen-Werke in Görlitz und Leipzig in Sachsen sollen komplett geschlossen werden, in Erfurt könnte nur ein Verkauf die Schließung noch verhindern.

Deutsche Wirtschaft boomt – gemessen am Rest der Eurozone

Die deutsche Wirtschaft bleibt durch ihre Exporterfolge die Konjunkturlok Europas. 0,8 Prozent Quartalswachstum reichen derzeit, um sich in der Währungsunion diesen Titel zu erwirtschaften.

“Die Überkapazitäten sind dramatisch”, sagte Kugel. Allein Siemens könnte in den Jahren ab 2020 mehr große Turbinen für Gas- und Dampfkraftwerke produzieren als dann weltweit bestellt werden. Dabei ist der Marktführer General Electrics sogar doppelt so groß. Er hatte Siemens einen jahrelangen Preiskampf geliefert, muss dem nun aber auch Tribut zollen. Der Trend geht zu Erneuerbaren Energien, aber auch zu dezentraler Stromproduktion, auf die Siemens nicht ausgerichtet ist.

Doch auch im Geschäft mit Windrädern hat Siemens Probleme. Die kürzlich fusionierte Tochter Siemens Gamesa, weltweit Nummer zwei, kündigte erst vor wenigen Wochen den Abbau von 6.000 ihrer 26.000 Arbeitsplätze an – viele davon ebenfalls in Deutschland.

Tillisch spricht von Bankrotterklärung

Bei der neuen Kürzungswelle will Siemens insgesamt 69.00 Stellen streichen, 6.100 davon entfallen auf die Kraftwerkssparte, die weltweit 47.000 Menschen beschäftigt. In Deutschland sollen 2.600 von 16.000 Arbeitsplätzen in der Sparte wegfallen. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) will Leipzig und Görlitz als Siemens-Standorte retten. “Das ist eine Bankrotterklärung eines Technologiekonzerns in und für Deutschland”, zitierte ihn die “Bild”-Zeitung. Er werde Siemens auffordern, Alternativen anzubieten.

Neben Görlitz (720 Arbeitsplätze) und Leipzig (200) sind Offenbach, Erlangen, Erfurt (gut 500) sowie die großen Werke in Berlin (300) und Mülheim an der Ruhr (640) betroffen. In den USA stehen 1.800 Arbeitsplätze zur Disposition. Bei Generatoren und großen Elektromotoren werden 760 Arbeitsplätze gestrichen, der Großteil davon in Berlin. Auch hier reichten die Aufträge auf Dauer nicht aus, um die Siemens-Werke auszulasten, sagte Kugel. Geschlossen werde das Dynamo-Werk in Berlin aber nicht.

EU-Arbeitslosigkeit sinkt auf hohem Niveau

Während die Arbeitslosigkeit im Vorjahresvergleich leicht zurückging, sind heute mehr Menschen von Armut betroffen, als noch 2010.

Kugel hatte die Pläne am Donnerstag den Arbeitnehmervertretern zusammen mit PG-Spartenchef Willi Meixner vorgestellt. “Das war eine Sitzung, wie sie Siemens schon lange nicht mehr erlebt hatte”, sagte sie anschließend. Die Stimmung sei bedrückt gewesen. Kugel will die Verhandlungen über den Abbau so rasch wie möglich abschließen. “Je schneller, desto besser” – das sei auch im Interesse der Mitarbeiter. Der Abbau selbst könne sich zum Teil auch bis 2023 hinziehen, sagte Meixner. Die meisten Stellen fielen aber bis 2020 weg. t.

Die Krise verschlafen?

Die Gewerkschaft kündigte Widerstand an: “Ein Stellenabbau in dieser Größenordnung ist angesichts der hervorragenden Gesamtsituation des Unternehmens völlig inakzeptabel”, sagte IG-Metall-Vorstandsmitglied Jürgen Kerner, der auch im Aufsichtsrat des Münchner Industriekonzerns sitzt. Der Gewerkschafter warf dem Vorstand vor, “trotz wiederholter Appelle” nicht rechtzeitig auf die Krise in der konventionellen Kraftwerkstechnik reagiert zu haben. “Für ein Unternehmen wie Siemens grenzt diese Mischung aus Tatenlosigkeit und Einfallsarmut an einen Offenbarungseid des Managements”, sagte Kerner.

Die IG Metall beharre auf dem Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen und Werksschließungen, der bei Siemens seit 2010 gilt. Ausnahmen könne es nur geben, wenn das Unternehmen als Ganzes gefährdet sei. Davon könne angesichts der Rekordzahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr 2017/18 aber keine Rede sein, sagte Kerner. Selbst die Kraftwerkssparte habe mehr als acht Prozent Umsatzrendite erwirtschaftet. Sie profitiert zurzeit noch von einem Großauftrag aus Ägypten, der aber fast abgearbeitet ist.