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24/01/2017

IWF und BlackRock: Falsche Propheten

Finanzen und Wirtschaft

IWF und BlackRock: Falsche Propheten

Ein Zusammenbruch der Deutschen Bank könnte die Finanzsysteme weltweit erschüttern, so der IWF.

[Nessluop / Shutterstock.com]

Der Weltwährungsfonds IWF und der Vermögensverwalter BlackRock fordern Bankfusionen in Europa. Doch Zusammenschlüsse würden die Probleme der Finanzwelt nur vergrößern. Eine Analyse von EurActivs Medienpartner „WirtschaftsWoche“

In Deutschland und Europa gibt es angeblich zu viele Banken. Das jedenfalls sagen der Internationale Währungsfonds IWF und der Vermögensverwalter BlackRock. Das sagen auch die Bankenaufseher der Bundesbank und der Europäischen Zentralbank. Sie äußern sich nicht so deutlich, aber sie lassen zumindest erkennen, dass sie Zusammenschlüsse zwischen Banken begrüßen würden. Dank Fusionen könnten die angeschlagenen Institute erstens Kosten sparen und zweitens wieder mehr Geld verdienen, lauten die Hauptargumente.

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Gegen den ersten Punkt der steigenden Effizienz ist nichts zu sagen. Auch in guten Zeiten sollten Unternehmen immer daran arbeiten, überflüssige Aktivitäten einzusparen. Dafür sind übrigens nicht unbedingt Fusionen nötig. Banken können auch Geschäftsbereiche abspalten oder an Dienstleister ausgliedern. So schließt die Commerzbank gerade ihre ETF-Abteilung mit synthetischen Aktienfonds. Auch die Deutsche Bank trennt sich von Beteiligungen im Ausland.

Bedenklicher dagegen ist das zweite Argument der Fonds und Aufseher für Fusionen: Die steigenden Einnahmen. Übersetzt für Sparer und Verbraucher heißt das nichts anderes als sinkender Wettbewerb. Wo Anbieter vom Markt verschwinden, können die Überlebenden höhere Preise verlangen. Dann zahlen wir plötzlich wieder Gebühren selbst für Onlinekonten und müssen für Kredite höhere Zinsen zahlen, trotz niedriger Kapitalmarktzinsen. Soll die Sanierung der maroden Banken wirklich durch gedrosselten Wettbewerb erfolgen? Dann würden wir alle dafür zahlen. Für Bankkunden wäre das ein schlechter Weg.

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Einem großen Vermögensverwalter wie BlackRock kann das egal sein. Das Unternehmen ist an fast allen bedeutenden Unternehmen der Welt beteiligt, weil es bei seinem Investitionsverhalten die Aktienindizes der wichtigen Börsen nachbildet. Das gilt auch für Beteiligungen an großen Banken. Intensiver Wettbewerb zwischen seinen Portfoliounternehmen liegt nicht unbedingt im Interesse eines solchen Großinvestors. Der Gewinn der einen Beteiligung käme durch Verluste bei einer anderen Beteiligung zu Stande – ein Nullsummenspiel aus Sicht desjenigen, der in mehreren Unternehmen einer Brache gleichzeitig investiert ist. Zu den wettbewerbshemmenden Auswirkungen dieser sogenannten Common-Ownership-Strukturen gibt es aktuelle Forschung aus den USA.

Deshalb verwundert es, wenn ausgerechnet der marktwirtschaftlich orientierte Weltwährungsfonds in die gleiche Kerbe haut. Laut IWF gebe es in Deutschland zu viele Banken mit zu vielen Filialen. Der IWF fordert zu Recht, dass sich bei Deutschlands Banken, insbesondere den Großbanken Deutsche Bank und Commerzbank, etwas ändern muss. Doch es sind nicht die Filialen, die für die milliardenteuren Strafzahlungen und Vergleiche bei der Deutschen Bank verantwortlich sind. So wird der anstehende Verkauf der Postbank mit ihren zahlreichen Filialen nichts an den Geschäftspraktiken ändern, für die die Deutsche Bank seit Jahren in die Zange von Regulierern und Finanzaufsehern genommen wird.

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Und die Commerzbank schließlich hat mit erschreckender Deutlichkeit vorgeführt, was bei dem Versuch passieren kann, die Filialdichte auf dem deutschen Markt per Fusion zu reduzieren. Sie musste sich nach der Übernahme der Dresdner Bank 2008 vom Steuerzahler retten lassen. Das ist sicherlich keine Perspektive, die dem IWF vorschwebt.

Mag sein, dass tatsächlich ein Drittel der europäischen Banken nicht überlebensfähig sind, wie der Weltwährungsfonds es erklärt hat. Doch der Grund dafür liegt weniger in der Marktstruktur und mehr in den Banken selbst. Verantwortlich für die Schieflage sind die Geschäftspraktiken wie der Kauf von Staatsanleihen überschuldeter Länder, das Anhäufen maroder Schiffskredite oder die Marktmanipulationen, die zu teuren Strafen führen. Diese Probleme lassen sich nicht durch Fusionen lösen. Zusammenschlüsse maroder Banken würden die Probleme sogar vergrößern. Und der Rettungsdruck auf den Steuerzahler würde noch steigen, wenn sich immer mehr Geschäfts- und Bilanzrisiken auf immer weniger Adressen verteilen.

Wahrscheinlich hat Europa nicht zu viele Banken, sondern zu viele zu Große. Statt die Großen durch Fusionen noch größer zu machen, sollten die Geschäfte aufgespalten werden. So verteilen sich die Risiken auf mehr Schultern.

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