Industrie 4.0: Deutschland und China üben Schulterschluss

Chinas Vize-Ministerpräsident Ma Kai und Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Comuptermesse Cebit in Hannover. ©dpa

Die Regierungen Deutschlands und Chinas wollen sich bei der digitalen Revolution enger abstimmen. Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnete bei der Eröffnung der Computermesse Cebit China als wichtigen Partner auf dem Weg zur Industrie 4.0.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat deutsche Unternehmen zur Zusammenarbeit mit chinesischen Firmen ermuntert. „Gerade im Bereich der digitalen Wirtschaft verfügen deutsche und chinesische Unternehmen jeweils über eigene Stärken. Und daher bieten sich Kooperationen geradezu an“, sagte Merkel am Sonntagabend bei der Eröffnungsfeier der Computermesse Cebit in Hannover.

„Die deutsche Wirtschaft schätzt China nicht nur als wichtigsten Handelspartner außerhalb Europas, sondern eben auch als Partner bei der Entwicklung anspruchsvoller Technologien.“ Im Bereich der Digitalisierung hätten viele deutsche Firmen „Erstaunliches zu bieten“, urteilte Merkel. Allerdings sei die Konkurrenz etwa im Bereich der sogenannten Industrie 4.0, der vernetzten Produktion, „groß“ und „global“. Viele starke Wettbewerber für deutsche Unternehmen kämen inzwischen auch aus China, betonte die Kanzlerin.

China ist in diesem Jahr mit mehr als 600 Ausstellern Partnerland auf der CeBIT, die das Motto „d!conomy“ hat, also die zunehmende Digitalisierung der Wirtschaft und aller Lebensbereiche in den Mittelpunkt stellt. Sowohl Deutschland als auch China fühlen sich als produzierende Industrienationen von der Vernetzung durch digitalen Technologien besonders herausgefordert, weil etwa amerikanische IT-Firmen zunehmend in andere Wirtschaftszweigen wie der Autobranche aktiv werden.

Zehn-Punkte-Plan für Digitalisierung

Merkel kündigte an, dass die Bundesregierung mit einem Zehn-Punkte-Programm die Digitalisierung der deutschen Wirtschaft vorantreiben wolle. Dabei sei es sehr wichtig, dass die EU mit ihrem Markt von mehr als 500 Millionen Menschen gemeinsame rechtliche Rahmenbedingungen für IT-Sicherheit, Datenschutz oder die Unterstützung von Start-Up-Firmen aufstelle.

Die deutsche Industrie versucht derzeit ebenso wie die Amerikaner, technologische Standards für die Kommunikation zwischen Maschinen zu entwickeln, die in Fabriken oder bei der Logistik immer wichtiger werden. Chinas Vizeministerpräsident Ma Kai warnte jedoch in seiner Rede vor einer Abschottung und bot die Zusammenarbeit seines Landes bei der Entwicklung von weltweiten Standards an. Hintergrund ist, dass die Entwicklung von Standards bei dem Thema „Industrie 4.0“ als erheblicher Wettbewerbsvorteil gilt.

„China ist bereit, zusammen mit allen Ländern der Welt den Austausch zu verstärken“, betonte Ma deshalb. Deutsche Firmen plädieren aber auch etwa bei der Zusammenarbeit mit dem Hochtechnologieland Japan dafür, zunächst in Deutschland und der EU gemeinsame Standards zu entwickeln.

Ministerpräsident Li Keqiang verwies in seiner Videobotschaft darauf, dass die deutsche und chinesische Regierung bereits im vergangenen Jahr eine Technologiepartnerschaft zu „Industrie 4.0“ vereinbart hätten. 2015 sei das gemeinsame Jahr der Innovationen. China preist sich dabei zunehmend auch als Partner für Internetdienste an, weil es große Konzerne in den Bereichen Software, soziale Dienste und Kommunikation aufgebaut hat wie Huawei, ZTE oder Alibaba.

Merkel forderte in ihrer Rede allerdings auch einen raschen Abschluss des geplanten Investitionsschutzabkommens zwischen der EU und China, den Schutz geistigen Eigentums und eine Gleichbehandlung von Unternehmen in Europa und China.

Chinesische Technologie-Konzerne können nach Ansicht des chinesischen Internet-Milliardärs Jack Ma von deutschen Traditionsunternehmen lernen. „Es gibt kaum Internet-Unternehmen, die länger als drei Jahre existieren“, sagte Ma, Gründer des chinesischen Internet-Handelshauses Alibaba. „Wir brauchen eine Lösung, wie man so lange überleben kann wie Mercedes und Siemens.“ Ansonsten liefen innovative Unternehmen Gefahr, einen Trend zu setzen und dann in Vergessenheit zu geraten. Alibaba ist eine Art Amazon für China und dominiert den Onlinehandel auf dem riesigen Markt.

Amnesty-Proteste vor Cebit

Die Wahl Chinas als Cebit-Partnerland hat auch Kritik ausgelöst. Vor dem Hannover Congress Centrum, in dem die Eröffnungsfeier stattfand, demonstrierte am Abend ein gutes Dutzend Mitglieder der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, zudem gab es eine Kundgebung der Gesellschaft für bedrohte Völker.

Amnesty-Mitglied Pamela Klages sagte der Nachrichtenagentur AFP, ihre Organisation halte es für „dramatisch“, dass die Wirtschaftsbeziehungen zu China so weit in den Vordergrund gerückt seien. Die Einhaltung der Menschenrechte in China trete dadurch in den Hintergrund und werde „nicht wirklich eingefordert“. Dabei könnten Wirtschaftsbeziehungen in diesem Zusammenhang ein „wirksamer Hebel“ sein.

Die Bundesregierung müsse das Thema „permanent auf die Agenda“ bringen und immer wieder die Einhaltung der Menschenrechte fordern, sagte Klages. Für Montagmorgen, wenn die Cebit ihre Türen öffnet, hat Amnesty eine Protestkundgebung vor dem Eingang zum Messegelände angekündigt. Die Branchenschau der IT-Wirtschaft läuft bis einschließlich Freitag.

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