IAO warnt vor „verheerenden“ Coronavirus-Auswirkungen auf die Arbeitsmärkte

"Dies ist der größte Test für die internationale Zusammenarbeit seit mehr als 75 Jahren," fasste der Generaldirektor der IAO, Guy Ryder, zusammen. [Laurent Guillieron/EPA]

Die Lockdown-Maßnahmen zur Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie werden überall auf der Welt „verheerende“ Folgen für die Arbeitsmärkte haben. Dies betrifft bereits rund 81 Prozent der Beschäftigten weltweit, warnte die Internationale Arbeitsorganisation (IAO) am Dienstag.

„Dies ist der größte Test für die internationale Zusammenarbeit seit mehr als 75 Jahren,“ fasste der Generaldirektor der IAO, Guy Ryder, in einer Erklärung zusammen.

Die IAO beobachtet bereits seit einigen Wochen die Auswirkungen des Coronavirus-Ausbruchs auf die Arbeitsmärkte der Welt. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Krankheit betreffen nach Schätzungen der Organisation inzwischen rund 2,7 Milliarden Arbeitnehmende weltweit.

Die Grenzen von Wirtschaftsprognosen in der Corona-Pandemie

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„In den vergangenen zwei Wochen hat sich die COVID-19-Pandemie verschärft und in ihrer globalen Reichweite ausgeweitet – mit enormen Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit und mit beispiellosen Schocks für die Wirtschaft und die Arbeitsmärkte,“ heißt es im jüngsten IAO-Bericht. Es sei „die schlimmste globale Krise seit dem Zweiten Weltkrieg“.

„Arbeitnehmende und Unternehmen sind sowohl in den Industrie- als auch in den Entwicklungsländern mit einer Katastrophe konfrontiert,“ warnte der Vorsitzende Ryder. Die Krise bedrohe sowohl die Arbeitsabläufe als auch die Solvenz vieler Firmen, insbesondere kleiner und mittelständischer Unternehmen. Daher seien die Stellen von Millionen Arbeitnehmenden in Gefahr.

Die Beschäftigung sei bereits „in einem größeren Ausmaß betroffen, als zu Beginn der Pandemie vorhergesagt wurde“, stellt die IAO fest. Das endgültige Ausmaß dieser Arbeitsmarkt-Krise werde von der Entwicklung der Pandemie und den zu ihrer Eindämmung ergriffenen Maßnahmen abhängen.

Pläne zur Personalanpassung, vorübergehende Entlassungen oder Arbeitszeitverkürzungen seien auf dem Vormarsch, wird im Bericht festgehalten: „In vielen Ländern hat der Beschäftigungsrückgang bereits in großem – oft beispiellosem – Ausmaß begonnen.“

Coronavirus bringt neuen Schwung für EU-weite Arbeitslosenversicherung

Die Europäische Kommission will den FinanzministerInnen der Mitgliedstaaten kommende Woche einen Vorschlag für ihr EU-weites Arbeitslosenrückversicherungssystem vorlegen.

Der Europäische Gewerkschaftsbund (EGB) schätzt, dass die Zahl der Arbeitslosen seit Beginn der Krise EU-weit um mindestens vier Millionen gestiegen ist, während mehr als sieben Millionen Arbeitnehmende in Kurzarbeit sind.

Die Auswirkungen dürften jedoch vor allem in den Entwicklungsländern noch härter sein, in denen nicht versicherte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie Menschen in der informellen Wirtschaft einen wichtigen Anteil der Arbeitskräfte ausmachen.

Wieviele Arbeitsplätze letztendlich verlorengehen, wird „wesentlich davon abhängen, wie schnell sich die Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte erholt und wie wirksam die politischen Maßnahmen die Arbeitsnachfrage wieder ankurbeln werden,“ erwartet die IAO.

Rechte stärken, Reaktion vorbereiten

In ihrem Bericht betont die Arbeitsorganisation auch die notwendige Sicherung der Arbeitnehmerrechte und die Stärkung des Gesundheitsschutzes, aber auch die Notwendigkeit von steuerlichen und monetären Maßnahmen zur Unterstützung der am stärksten betroffenen Sektoren und gefährdeten Personen, einschließlich finanzieller Unterstützung für Unternehmen.

„Wir müssen schnell, entschlossen und gemeinsam handeln. Richtige und unmittelbar gestartete Maßnahmen könnten den Unterschied zwischen Überleben und Zusammenbruch ausmachen,“ betonte Guy Ryder.

Deutsche Gewerkschafterin: Stärkere Arbeitnehmerbeteiligung hilft in Krisenzeiten

Im Interview mit EURACTIV beschreibt die Gewerkschafterin Karin Erhard, wie Unternehmen in diesen unsicheren Zeiten vorgehen sollten und wie ein starkes System der Mitbestimmung den Weg weisen kann.

(Begrenzte) EU-Maßnahmen

In Europa machen sich die Gewerkschaften Sorgen: „Millionen europäischer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer werden zum zweiten Mal in etwas mehr als einem Jahrzehnt ohne eigenes Verschulden arbeitslos und leiden unter Geldsorgen,“ erklärte Luca Visentini, Generalsekretär des Europäischen Gewerkschaftsbundes (EGB). Die europäischen Staats- und Regierungschefs sollten daher „die Lehren aus dem Jahr 2008 ziehen und alles tun, um zu verhindern, dass diese Gesundheitskrise in eine langfristige Massenarbeitslosigkeit und eine weitere verheerende Wirtschaftskrise umschlägt“.

Der alarmierende IAO-Report war gestern, kurz vor einem Sondertreffen der FinanzministerInnen der Eurogruppe in Brüssel veröffentlicht worden. Dort sollte eine wirtschaftspolitische Antwort auf die Coronavirus-Krise gefunden werden. Das Treffen endete aber nach stundenlangen Verhandlungen ohne Ergebnis.

Eurogruppe weiterhin ohne Einigung bei Krisen-Reaktion

Die Finanzministerien der Eurozone konnten sich auch in einer 16-stündigen Telefonkonferenz nicht auf das geplante Finanzpaket zur Bewältigung der Auswirkungen des Coronavirus einigen.

Die EU hat die Haushaltsregeln bereits ausgesetzt, so dass die Mitgliedsstaaten ihre Haushaltsdefizite jetzt über die im Stabilitäts- und Wachstumspakt festgelegte Obergrenze von drei Prozent des BIP hinaus steigern dürfen, um den Ausbruch zu bekämpfen. Die Europäische Kommission hat auch die Regeln für staatliche Beihilfen vorübergehend gelockert, damit die Länder von der Krise betroffene Unternehmen unterstützen können. Außerdem sollen die im Strukturfonds für den Zeitraum 2014-2020 verbleibenden Mittel zur Unterstützung von Investitionen in „strategischen Bereichen“ umgeleitet werden.

Um die Auswirkungen auf die Beschäftigung abzuschwächen, schlug die EU-Exekutive in der vergangenen Woche außerdem ein neues Instrument namens SURE (Support to migating Unemployment Risks in an Emergency / Unterstützung und Minderung von Arbeitslosigkeitsrisiken im Notfall) vor. Mit der Initiative sollen 100 Milliarden Euro auf der Grundlage von Garantien der Mitgliedsstaaten eingesetzt und Kredite zu günstigen Bedingungen vergeben werden. Ziel ist die (teilweise) Finanzierung zusätzlicher Ausgaben für temporäre Arbeitslosenunterstützung, die Länder wie insbesondere Italien und Spanien einführen, um das Risiko von Entlassungen oder weiteren Einkommensverlusten zu verringern.

In finanzpolitischer Hinsicht sprang auch die Europäische Zentralbank in die Bresche und legte ein neues Programm zum Ankauf von Anleihen im Wert von 750 Milliarden Euro vor, um öffentliche und private Schulden aufzukaufen.

Nun wird erwartet, dass die EU-FinanzministerInnen weitere Optionen wie die Nutzung des Europäischen Stabilitätsmechanismus, ein Investitionspaket durch die Europäische Investitionsbank oder eben auch die Möglichkeit der gegenseitigen Übernahme von Coronavirus-bezogenen Schulden in Form von sogenannten „Coronabonds“ eruieren.

[Bearbeitet von Frédéric Simon und Tim Steins]

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Kommission schlägt 100-Milliarden-Fonds für Arbeitnehmer vor

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