Handelskrieg fußt auf falschen Zahlen – die kommen ausgerechnet von der EU

Um die Welthandelsströme wird weiter gepokert. [Alexander Stielau/Flickr]

US-Präsident Trump will die EU wegen „unfairer Handelspraktiken“ in einen Handelskrieg ziehen. Zahlen der EU belegen tatsächlich einen deutlichen Überschuss. Doch eine neue Studie offenbart: Die Zahlen stimmen nicht.

Als Deutscher ist man an Leistungsüberschüsse gewöhnt. Die Bundesrepublik exportiert mehr, als sie importiert, und das mit großer Regelmäßigkeit. Allein im Jahr 2017 lag der deutsche Überschuss bei 287 Milliarden Dollar. Auch die Europäische Union als Ganzes brüstet sich gerne mit ihrer hohen Exportquote. Offiziellen Zahlen zufolge lag der EU-Leistungsbilanzüberschuss voriges Jahr bei 170 Milliarden Euro.

Doch zumindest der europäische Stolz auf den Überschuss steht offenbar auf tönernen Füßen: Wie das Münchner Ifo-Institut herausgefunden hat, stimmen die offiziellen Zahlen der EU offenbar nicht. Oder, wie Gabriel Felbermayr, Leiter des Ifo-Zentrums für Außenwirtschaft, es formuliert: „Die Daten sind widersprüchlich und unvollständig.“

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Im Rahmen einer Studie hat Felbermayr die Leistungsbilanz des Handels zwischen Europa und den USA untersucht. Dabei stieß er auf einen großen Widerspruch: Sowohl die USA als auch die EU weisen für 2017 einen Überschuss aus, die EU von besagten 170 Milliarden Dollar, die USA immerhin von 14 Milliarden Dollar. Tatsächlich müsste jedoch des einen Überschuss des anderen Defizit sein. Eine der Zahlen ist also falsch – und Felbermayr glaubt zu wissen, welche: „Da kann etwas nicht stimmen, und zwar wahrscheinlich auf europäischer Seite.“ Der Grund: Die USA verfügten über einen verlässlichen, einheitlichen statistischen Erhebungsrahmen, während in der EU Daten aus 28 teils unvollständigen Quellen zusammengetragen werden müssten.

Das ist gleich in mehrfacher Hinsicht überraschend. Zum einen ist es diesmal nicht die viel gescholtene Trump-Regierung, die unsauber mit Fakten arbeitet. Zum anderen – und das ist der deutliche gewichtigere Aspekt – gibt es offenbar keine verlässliche Datengrundlage für den drohenden Handelskonflikt. Schon ab dem 1. Juni könnten Strafzölle der USA gegen europäische Produkte in Kraft treten, weil dann die verlängerte Schonfrist von einem Monat abläuft. Die EU wiederum erwägt bereits Gegenmaßnahmen. Dann hätte der Handelskrieg begonnen.

Die Implikationen des Zahlenchaos sind somit nicht zu überschätzen. Das Ifo-Institut geht davon aus, dass die amerikanischen Zahlen der Realität entsprechen. Demnach exportieren die USA mehr in die EU als umgekehrt – und das schon seit 2009. Trumps Grund für die Strafzölle – die „unfairen Handelspraktiken“ – wäre damit hinfällig. Felbermayr rät der EU deshalb, sich in kommenden Gesprächen mit den USA auf deren eigene Zahlen zu berufen. „Die EU hat sehr gute Karten bei Verhandlungen mit den USA, sie kann und soll daher selbstbewusst auftreten.“

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Möglicher Hebel für die EU

Zudem geben die US-Zahlen der EU einen Hebel an die Hand. Demnach verzeichnet die EU gegenüber den USA einen deutlichen Überschuss im Bereich der Waren, während die USA in allen anderen Bereichen Überschüsse erzielen. Vor allem Dienstleistungen kommen deutlich häufiger von den USA nach Europa als andersherum. Hier könnte die EU ansetzen, sollten die USA tatsächlich ernst machen mit den angedrohten Strafzöllen, sagt Felbermayr: „Die EU könnte die amerikanischen Überschüsse im Dienstleistungshandel ins Visier etwaiger Vergeltungsmaßnahmen nehmen.“ Das werde jedoch hoffentlich nicht nötig sein.

Für den bilateralen Handel zwischen Deutschland und den USA stimmen die Daten übrigens weitestgehend überein – und zeigen einen Überschuss Deutschlands von 64 Milliarden Dollar. Deutschland brüstet sich also zurecht seiner Exportstärke und wird – zumindest aus Trumps Warte – zurecht dafür kritisiert. Direkte Strafzölle nur gegen Deutschland können die USA freilich trotzdem nicht verhängen, da Deutschland Mitglied einer Zollunion ist.

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