Gender Pay Gap in der EU bleibt bestehen

Krankenpflegerinnen demonstrieren im April 2020 in Turin, Italien. [Mike Dotta (shutterstock 1718390458)]

Obwohl Frauen in der EU im Durchschnitt besser ausgebildet sind als Männer, verdienen sie im Schnitt 14,1 Prozent weniger. Dabei gibt es große Unterschiede zwischen Sektoren, Positionen und Mitgliedstaaten, wie aus dem „European Jobs Monitor“ der EU-Kommission und von Eurofound hervorgeht.

Im Jahr 2010 lag der Verdienstunterschied bei 15,8 Prozent, 2019 ist er nur geringfügig auf 14,1 Prozent gesunken. Bei diesem Tempo würde es mehr als 70 Jahre dauern, bis der Gender Pay Gap ausgeglichen ist. Bei den Renten ist der Unterschied zwischen Frauen und Männern mit 29,5 Prozent noch größer.

Diese Zahlen stehen in starkem Kontrast zum durchschnittlichen Bildungsniveau, das bei weiblichen Arbeitnehmerinnen in fast allen EU-Mitgliedstaaten höher ist als bei männlichen Arbeitnehmern.

Unterschiede zwischen Ländern, Sektoren und der Hierarchie

In dem von der Europäischen Kommission und Eurofound veröffentlichten Bericht wurden erhebliche Unterschiede im Gender Pay Gap zwischen den Mitgliedstaaten festgestellt.

Am geringsten ist der Verdienstunterschied in Luxemburg, Rumänien und Italien, wo er unter 5 Prozent bleibt. Estland, Lettland, Österreich und Deutschland befinden sich am anderen Ende des Spektrums mit einem Verdienstunterschied von rund 20 Prozent.

Unter den Wirtschaftssektoren weisen die Finanzdienstleistungen mit fast 30 Prozent den bei weitem größten Verdienstunterschied auf. Generell ist das Problem in Hochlohnsektoren stärker ausgeprägt als in Niedriglohnsektoren.

Der Gender Pay Gap vergrößert sich auch, je höher man in der Hierarchie aufsteigt. Auf der Führungsebene verdienen Frauen etwa 23 Prozent weniger als Männer, während weibliche Angestellte „nur“ 9 Prozent weniger verdienen als männliche Angestellte.

In diesen Zahlen sind die Auswirkungen der Pandemie noch nicht berücksichtigt. Infolge der Schulschließungen übernahmen Eltern mehr unbezahlte Betreuungs- und Hausarbeit, wobei Frauen einen wesentlich größeren Teil der Arbeit übernahmen als Männer.

Ein Bericht des Weltwirtschaftsforums schätzt, dass die Gleichstellung der Geschlechter durch die Pandemie weltweit um eine ganze Generation zurückgeworfen wurde.

Transparenz

Mehr Gleichberechtigung am Arbeitsplatz ist eines der erklärten Ziele der Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen.

„Gleiche Arbeit verdient gleichen Lohn“, sagte sie, als sie im März 2021 den Vorschlag für eine EU-Richtlinie zur Förderung der Lohntransparenz vorstellte.

Im Falle der Verabschiedung der Richtlinie wären Arbeitgeber:innen gezwungen, öffentlich über den Gender Pay Gap im Unternehmen zu berichten. Außerdem müssten sie in der Stellenausschreibung Informationen über das anfängliche Lohnniveau angeben.

Am Mittwoch (15. Dezember) hat das Europäische Parlament mit großer Mehrheit einen nichtlegislativen Bericht angenommen, in dem mehr Maßnahmen in diesem Bereich gefordert werden. Der Bericht begrüßt die geplanten Transparenzmaßnahmen, betont aber, dass „Lohntransparenz allein die tief verwurzelten geschlechtsspezifischen Ungleichheiten nicht beseitigen wird“.

„Um Ungleichheiten zu bekämpfen, müssen wir die Löhne anheben und qualitativ hochwertige öffentliche Dienstleistungen wie den kostenlosen Zugang zu Gesundheit und Bildung, aber auch den Zugang zu Wohnraum und zur Justiz verteidigen und fördern“, so die Verfasserin des Berichts, die Europaabgeordnete Sandra Pereira von der Fraktion Die Linke im Europäischen Parlament, in einer Erklärung.

Mehr Frauen in Beschäftigung

Dennoch gibt es auch einige ermutigende Zeichen.

„Die Überwindung der geschlechtsspezifischen Diskrepanz stellt zwar nach wie vor eine große Herausforderung dar, aber es gibt auch positive Anzeichen, wie beispielsweise eine hohe Beschäftigung von Frauen in Sektoren, die in Zukunft wahrscheinlich weiter wachsen werden“, erklärte Stephen Quest, Generaldirektor der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission und Mitverfasser des „European Jobs Monitor“.

Dem Bericht zufolge sind zwei Drittel des Beschäftigungszuwachses in den letzten zwei Jahrzehnten auf den Eintritt von Frauen in das Berufsleben zurückzuführen.

Allerdings war der Anstieg der Frauenbeschäftigung unverhältnismäßig hoch in Niedriglohnjobs, so dass Frauen jetzt in Mindestlohnjobs überrepräsentiert sind.

Als Möglichkeit den Gender Pay Gap zu überwinden, schlägt der „European Jobs Monitor“ Maßnahmen vor, die es Frauen ermöglichen, mehr hoch bezahlte Tätigkeiten auszuüben.

Dazu gehören beispielsweise eine familienfreundlichere Arbeitskultur in hoch bezahlten Sektoren oder Anreize für Haushalte, die Last der unbezahlten Arbeit gleichmäßiger zu verteilen, durch Vaterschaftsurlaub oder Änderungen im Steuerrecht.

EZB-Chefin Lagarde plädiert für mehr Frauen in der Wirtschaft

Laut einer Studie sind nur 25% der Führungspositionen in den Wirtschaftswissenschaften an Universitäten und Wirtschaftshochschulen mit Frauen besetzt. Christine Lagarde, EZB-Chefin, setzt sich für mehr Frauen in der Wirtschaft ein und sagt: „Vielfalt ist der Schlüssel zur Schaffung von Wissen“.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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