Gegenverkehr auf der Seidenstraße

Startschuss für Chinas Railway Express nach Europa. [EPA-EFE/ALEKSANDAR PLAVEVSKI]

Was können Deutschland und Europa machen, um im US-Handelskrieg mit China nicht zerrieben zu werden? Strategischer werden und vehementer auftreten, fordert die Wirtschaft. EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle berichtet. 

Der deutsche Chemieriese BASF steht vor einer Herausforderung. Zehn Milliarden Euro will der Konzern in einen neuen Standort in China investieren. „Das ist die größte Entscheidung, die wir jemals getroffen haben und ein riesiges Risiko“, sagt der Vorstandsvorsitzende Martin Brudermüller. Die Welt befinde sich in einem wirtschaftlichen und technologischen Verteilungskampf, die globale Ordnung und viele gewohnte Kräfte lösten sich auf.

Die Wirtschaft treibt das in die Enge. Kosten und Technologien könne sie beeinflussen, so Brudermüller. Nicht aber Zölle und andere Marktzugangsbehinderungen, Währungsverschiebungen und das Auflösen von Regelwerken auf politischer und regulatorischer Ebene. „Wir brauchen einfach Rahmenbedingungen, damit wir wissen, dass das auch in zehn, zwanzig, dreißig Jahren noch funktioniert“, fordert der BASF-Vorstand nicht nur mit Blick auf das geplante Investment in China.

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Blick auf die „Trump-Liste“

Was es heißt, wenn sich Regeln ständig ändern, das weiß auch Natalie Mekelburger nur zu genau. Sie ist Geschäftsführerin des deutschen Automobilzulieferers Coroplast Fritz Müller. Das mittelständische Unternehmen stellt alle Arten von Kabelsträngen her, darunter auch Hochvoltleitungen für Elektroautos. 6000 Mitarbeiter arbeiten an zwölf Standorten weltweit, davon sind drei in China. Von dort werden auch Produkte in die USA geliefert.

„Der Handelskrieg ist das Kritischste, was einem Unternehmen passieren kann“, urteilt Mekelburger. „Wir müssen jeden Tag auf die Trump-Listen gucken, ob wir betroffen sind.“ Wenn nur ein Gewebematerial mit höheren Zöllen belastet würde, dann koste das die Firma bei zehn Prozent Aufschlag zwei Millionen Euro pro Jahr und bei 20 Prozent vier Millionen.

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Außenpolitik trifft Wirtschaft

Die Wirtschaft ist in Alarmstimmung. Das war auf der Botschafterkonferenz im Auswärtigen Amt, auf der Brudermüller und Mekelburger zu Gast waren, deutlich zu spüren. Einmal jährlich trifft sich das Leitungspersonal der deutschen Auslandsvertretungen in Berlin. Traditionell stoßen am zweiten Konferenztag mehr als 1000 Wirtschaftsvertreter zu den rund 230 Botschaftern und Botschafterinnen dazu. Die Top-Themen in diesem Jahr: Handelskrieg, Brexit, Industriepolitik und Klimaschutz, verbunden mit der Frage, was Politik und Wirtschaft unternehmen können.

Als vor ein paar Wochen China seine Landeswährung Yuan abwertete, erinnert sich Bundesaußenminister Heiko Maas, habe er die Meldung: „Deutschland könnte vom Yuan-Schock profitieren“ gelesen. „Das ist die Logik der Protektionisten! Das ist My country first at its best. Wer so denkt, hat nichts verstanden“, wetterte Maas auf der Botschafterkonferenz. „An immer mehr Orten der Welt sehen wir Abschottung, sehen wir den Versuch, anderen Regeln aufzuzwingen, sich die Rosinen herauszupicken, nur das zu befolgen, was gerade passt.“

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„Wo ist unsere Antwort?“

Maas wirbt für eine Allianz aus Ländern, die den anderen Weg gehen wollen. „Nicht pure Konkurrenz, sondern Kooperation auf Augenhöhe ist Voraussetzung dafür, dass ein System lebensfähig bleibt.“ Vor den Botschaftern und Unternehmern warb Maas für eine multilateral verknüpfte Weltwirtschaft mit freiem Handel und offenen Märkten. „Wenn wir nicht vernetzt und global die schwierigen Aufgaben der nächsten Jahre und Jahrzehnte angehen, werden am Ende alle verlieren.“ Dafür müsse aber auch die EU ihr weltweites Gewicht stärken und enger zusammenarbeiten.

BASF-Vorstand Martin Brudermüller geht noch einen Schritt weiter. Er fordert strategische Allianzen aus Politik und Wirtschaft, um anderen Ländern vehementer entgegentreten zu können. „Wenn man sieht, wie Länder wie Korea, Japan, die USA aber auch China ihre Kräfte orchestrieren und Angebote in der Welt draußen machen, dann frage ich mich manchmal, wo ist unsere Antwort darauf?“

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Moderne Kolonialpolitik

Beispiel Seidenstraße: In einem ASEAN-Staat habe er einen Regierungsvertreter gefragt, was er gegen den „Klammergriff“ der Chinesen mache, die beim Bau von Infrastrukturprojekten auf eine Vergabe an chinesische Konsortien drängten, so Brudermüller auf der Botschafterkonferenz. Die Antwort sei gewesen: „Ich habe doch keine Alternative, ihr Europäer könntet das zwar, aber ihr bietet doch nichts an.“

Deutsche und Europäer müssten sich viel mehr engagieren, fordert der Industrieboss. „Pfunde und Tugenden“ gebe es genug, man müsse sie nur richtig sortieren. „Was mich ärgert ist, dass wir unter unseren Möglichkeiten bleiben“, so Brudermüller. Statt über die Seidenstraße zu schimpfen und darüber, was die Chinesen für eine „moderne Kolonialpolitik“ machten, sollten sich europäische Industrie-Konsortien bilden, abgesichert durch staatliche Bürgschaften, um das finanzielle Risiko zu schultern. „Wir haben wahrlich genug Instrumente.“

Die Seidenstraße habe zwei Richtungen. „Man kann von Ost nach West gehen und von West nach Ost“, so der BASF-Vorstand. „Wir sollten uns stärker mit uns selbst beschäftigen als uns darüber zu echauffieren, dass uns die Chinesen unsere Zukunft nehmen.“

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Und was macht der Mittelstand?

Ganz so furchtlos ist die Mittelständlerin Natalie Mekelburger nicht. Doch sie fühlt sich mit ihren Problemen von der deutschen Politik oft allein gelassen. Vor zwei Jahren forderte ein Kunde, ein staatlicher chinesischer Automobilbauer, sie zu einem Joint Venture auf. „Es war aber keine freundliche Ansprache, sondern eine klare Ansage.“ Zum Verhandeln erschien eine Delegation in Deutschland, die alle drei Standorte von Coroplast in China im Blick hatte. „In allen Unternehmen gibt es Produkte für die Elektromobilität, auf die man scharf war“, so Mekelburger.

Die Deutschen blieben standhaft und lehnten nach langem Bedenken ab. „Ganz entmündigen wollen wir uns in China nicht.“ Jetzt warten sie darauf, welche Konsequenzen ihre Entscheidung haben wird. „Im schlimmsten Fall hätte es sein können, dass wir aus dem Geschäft in China ganz hätten aussteigen müssen“, so Mekelburger. Doch so schlimm sei es bis jetzt nicht gekommen.

BASF-Vorstand Martin Brudermüller überrascht das nicht. „Wir müssen immer etwas haben, was die Chinesen auch haben wollen. Dann ist man im Gespräch und hat auch die Möglichkeit, Dinge zu gestalten.“

Deswegen finde er es auch gut, wenn chinesische Unternehmen in Deutschland und Europa weiter investieren würden. „Wer im Ausland etwas hat, der kann auch etwas verlieren und der ist auch etwas umsichtiger im Umgang.“

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