Frankreich steht bei Air France vor einem Scherbenhaufen

Maschine der Air France. [Lukas Rebec/Shutterstock]

Der Chef ist von Bord, das Betriebsklima vergiftet, der Aktienkurs im Sturzflug: Bei der staatseigenen Air France ist die Lage verfahren.

Ein Absturz der Aktie um dreizehn Prozent: Das war die Reaktion der Börse am Montagmorgen auf die Krise, in die der Luftfahrtkonzern Air France-KLM mit dem Rücktritt von Vorstandschef Jean-Marc Janaillac rutscht.

Der erst seit 22 Monaten amtierende Chef hatte seinen Rückzug bekanntgegeben, nachdem eine deutliche Mehrheit der Mitarbeiter in einem Referendum am Freitag seinen Kompromissvorschlag einer Lohnerhöhung um sieben Prozent in vier Jahren abgelehnt hatte. Seit Wochen wird bei Air France immer wieder gestreikt, am Montag war es der 14. Tag mit Ausständen.

Eine Nachfolgelösung gibt es noch nicht. Der Verwaltungsrat hat Janaillac gebeten, bis Mitte Mai im Amt zu bleiben, damit Zeit ist, um zumindest einen Übergangschef zu finden. Das könnte Anne-Marie Idrac sein, die früher bei der staatlichen Bahngesellschaft SNCF in leitender Position war. Vielleicht nicht unbedingt ein gutes Signal an die Air-France-Beschäftigten, sieht man sich die aktuellen Probleme bei der SNCF an.

Die Regierung hat damit begonnen, den Druck auf die Streikenden zu erhöhen. Der französische Staat hält noch 14 Prozent der Aktien und ein Viertel der Stimmrechte. Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire sagte im Fernsehen: „Der Staat wird nicht die Probleme bei Air France lösen und für die Schulden der Fluggesellschaft aufkommen.“ Wenn Air France seine Wettbewerbsfähigkeit nicht anpasse und auf einen vergleichbaren Stand wie Lufthansa und British Airways komme, „dann könnte das Unternehmen vom Markt verschwinden.“

Premierminister Édouard Philipp, der am Montag die Gewerkschaften der SNCF empfängt, um Kompromissmöglichkeiten auszuloten, zeigte sich Air France gegenüber ebenso unversöhnlich. „Die Streikenden müssen sich darüber im Klaren sein, dass die Zeiten vorbei sind, in denen der Staat jedem Air-France-Mitarbeiter einen persönlichen Rettungsfallschirm aushändigte.“

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Am Dienstag tritt ein Teil des Personals der Airline erneut in den Ausstand. Die Beteiligung ist allerdings auf etwas über zehn Prozent gesunken, die Fluggesellschaft erwartet, dass sie am Montag und Dienstag rund 85 Prozent der Flüge durchführen kann. Dennoch bleibt der Arbeitskampf eine gewaltige finanzielle Belastung. Janaillac sprach bei seiner Erklärung anlässlich seines Rücktritts von Kosten über 300 Millionen Euro. Der fortgesetzte Streik könne „zum Selbstmord von Air France“ führen.

Sogar andere Gewerkschaftsführer wie Laurent Berger von der reformorientierten CFDT drücken ihr Unverständnis aus. „Die Leute müssen zur Vernunft kommen“, sagte Berger am Wochenende.

Als Antreiber der Auseinandersetzung gilt die Pilotengewerkschaft SNPL, die in den vergangenen Jahren mehrfach zu Arbeitskämpfen aufgerufen hatte. Aktueller Anlass sind Forderungen nach einem Nachschlag wegen des ausgezeichneten Abschlusses in 2017, als Air France-KLM einen Rekordgewinn einfuhr. Allerdings ist die Rentabilität beim französischen Teil des Verbundes nach wie vor deutlich schlechter als beim niederländischen (KLM).

Dennoch verdienen beispielsweise die Air-France-Piloten im Jahr bis zu 20.000 Euro mehr als ihre holländischen Kollegen. Das sorgt in den Niederlanden zunehmend für Unverständnis.

Zur Verschärfung der Lage hat allerdings auch das Management selber beigetragen. Während dem Personal anfangs eine Lohnerhöhung verweigert wurde, verbesserten die Top-Manager ihre eigenen Bezüge um 41 Prozent. Später hieß es, das sei eine falsche Berechnung gewesen, in Wirklichkeit stiegen die Einkommen „nur“ um 17 Prozent. Janaillac selber hatte in Gesprächen mit den Arbeitnehmervertretern eingeräumt, das Management habe ungeschickt agiert und er habe Verständnis für manche Forderung der Streikenden.

Die Beziehungen zwischen einem großen Teil des Personals und dem Management sind zerrüttet. Einige Arbeitnehmervertreter halten das Air-France-Management für völlig inkompetent. Außerdem mangele es am Fingerspitzengefühl für den notwendigen sozialen Dialog.

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Fünf Jahre lang seien die Löhne bei Air France eingefroren worden, da könnte man nach einem Rekordgewinn nicht mit einem Angebot für eine Erhöhung von weniger als einem Prozent kommen. „Janaillac ist ein anständiger Mann, aber er wurde von Zwergen beraten“, sagte ein Pilotenvertreter.

Der Ex-Chef hatte das Angebot für eine Lohnerhöhung nachgebessert auf sieben Prozent innerhalb von vier Jahren, davon sollten zwei Prozent sofort gezahlt werden. Die Stimmung innerhalb der Belegschaft war allerdings bereits soweit ruiniert, dass er damit das Ruder nicht mehr herumreißen konnte: Die Mitarbeiter nutzten das Referendum, um Dampf abzulassen.

Angeblich sind manche Top-Manager sogar froh darüber, dass Janaillac gehen muss: Der Chef soll ihnen sein Vertrauen entzogen haben, weil sie sich als inkompetent erwiesen und den Dialog mit der Belegschaft erschwerten.

Die Regierung, die immer noch großen Einfluss bei Air France hat, muss sich nun sehr genau überlegen, wen der Verwaltungsrat an die Spitze berufen soll. Ein weiterer Absolvent oder eine Absolventin der Eliteschulen, wie sie gerne eingesetzt werden, wird die verfahrene Lage bei der blau-weiß-roten Airline nicht unbedingt entschärfen können.

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