Fast Fashion: Das Problem mit der Wegwerfmode

Nach Angaben der EU nutzen die Europäerinnen und Europäer im Durchschnitt 26 Kilogramm Kleidung pro Person und Jahr. [StockSnap / Pixabay]

Die EU müsse strenge Maßnahmen einführen, um den übermäßigen Verbrauch in der „Fast-Fashion-Industrie“ zu bekämpfen und die Wiederverwertbarkeit von Textilien zu erhöhen, so ein neuer Bericht. Andernfalls werde das Ziel, bis 2050 eine emissions- und abfallfreie Wirtschaft zu erreichen, nicht erreicht.

Die Modeindustrie ist für ein Fünftel des weltweiten Abwassers verantwortlich und verbraucht mehr Energie als Schiff- und Luftfahrt zusammen. Im Jahr 2050 wird sie voraussichtlich für 25 Prozent des verbleibenden CO2-Budgets der Welt verantwortlich sein.

Billige synthetische Materialien, deren Nutzung sich in den vergangenen 50 Jahren verneunfacht hat, bilden das „Rückgrat“ der Wegwerfmode – und ihre Herstellung verschlingt jedes Jahr rund 350 Millionen Barrel Öl.

Das geht auch aus dem Bericht der NGO Changing Markets Foundation über die Abhängigkeit der „Fast Fashion“ von fossilen Brennstoffen hervor.

„Wenn die Modeindustrie nicht von ihrem aktuellen Weg abkehrt, jedes Jahr Milliarden von Kleidungsstücken aus billigen, minderwertigen Fasern zu produzieren, und ihre Abhängigkeit von synthetischen Fasern nicht beendet, werden wir die damit verbundene ökologische Katastrophe schlichtweg nicht bewältigen können,“ warnt Urška Trunk von der Changing Markets Foundation.

Weniger Kraftstoff, dafür mehr Plastik: Ölindustrie schöpft Hoffnung

Da der Kraftstoffverbrauch von Autos voraussichtlich Mitte der 2020er Jahre seinen Höhepunkt erreichen wird, sucht die Ölindustrie nun ihr Heil in Kunststoffen.

Der Bericht zeigt einen Zusammenhang zwischen dem Aufstieg von Polyester als „Liebling“ der Modeindustrie und der dramatischen Zunahme von billiger, qualitativ minderwertiger Kleidung: 2015 verbrauchte die Textilindustrie demnach 98 Millionen Tonnen nicht-erneuerbare Ressourcen, darunter Öl für synthetische Faserstoffe, Düngemittel beim Anbau von Baumwolle sowie Chemikalien. Nach aktuellem Stand sei zu erwarten, dass dieser Wert bis 2050 auf 300 Millionen Tonnen ansteigen wird.

„Diese Trends schaden nicht nur der Umwelt, sie schränken auch die Möglichkeiten der Modeindustrie ein, langfristig erfolgreich zu sein. Schon jetzt entgehen der Branche 560 Milliarden US-Dollar an Mehrwert dadurch, dass Kleidung weniger getragen und kaum recycelt wird,“ erklärt Laura Balmond von der Ellen MacArthur Foundation.

„Radikale Verlangsamung“

Seit 2000 hat sich die globale Kleidungsproduktion mehr als verdoppelt. Die Menschen kaufen heute mehr Kleidungsstücke und tragen sie für eine kürzere Zeit. Nach Angaben der EU-Umweltagentur nutzen die Europäerinnen und Europäer im Durchschnitt 26 Kilogramm Kleidung pro Person und Jahr – wobei jährlich elf Kilo pro Person weggeworfen werden.

„Die Lösung, die wir uns erhoffen, ist nicht das Ersetzen einer Faserart durch eine andere, sondern eine radikale Verlangsamung der Mode. Denn sie ist die Hauptursache für die unglaublichen Mengen an Kleidung, die wir heute sehen, sowie für die Freisetzung von Mikrofasern und die weit verbreitete Umweltverschmutzung,“ so Trunk.

„Fast Fashion“ treibe tatsächlich nicht nur den Überkonsum an, die Kleidung setze auch jedes Jahr eine halbe Million Tonnen Mikroplastikfasern in die Weltmeere frei – das entspricht mehr als 50 Milliarden Plastikflaschen. Hinzu kommt, dass die Recyclingraten bei derartigen Textilien sehr niedrig sind: 87 Prozent werden verbrannt oder landen auf Mülldeponien. Jede einzelne Sekunde wird weltweit etwa ein Müllwagen voll mit Kleidung auf die Deponie gefahren.

Warenvernichtungsmaschine Amazon

Dem E-Commerce-Riesen Amazon wird vorgeworfen, im vergangenen Jahr bis zu drei Millionen unverkaufte Produkte aus französischen Lagern zerstört zu haben.

Rund drei Prozent der Kleidung von Marken wie Nike, H&M und Louis Vuitton werden darüber hinaus nie verkauft und landen direkt auf der Mülldeponie oder in der Verbrennung. Bei letzterer treten Schwermetalle, saure Gase, Feinstaub und Dioxine aus, die für die menschliche Gesundheit schädlich sein können.

Selbst die Textilien, die recycelt werden, werden meist lediglich zu Lappen und Dämmstoffen weiterverarbeitet und landen schließlich ebenfalls im Abfall. Nur 0,1 bis 1 Prozent werden zu wiederverwendbaren Fasern recycelt.

„Wenn wir uns nicht vom fossilen Modeproduktionsmodell verabschieden, riskieren wir, beim Streben nach billiger Mode an die Grenzen des Planeten zu stoßen. Wir werden völlig unfähig sein, die Berge von Bekleidungsabfällen zu bewältigen, die das System produziert. Und die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen wird zu einem katastrophalen Ausmaß des Klimawandels beitragen,“ heißt es im heute veröffentlichten Bericht.

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Damit die EU ihre Ziele von Netto-Null-Emissionen und Null-Verschmutzung bis 2050 erreichen kann, muss sie die Industrie mit konkreten Gesetzen angehen, wird weiter gefordert.

Im Rahmen ihres Aktionsplans für die Kreislaufwirtschaft versucht die EU-Kommission bereits, aktiv die Abfallproduktion der Textilindustrie zu reduzieren und die Wiederverwendung zu fördern.

„Politische Entscheidungsträger in der EU und darüber hinaus können eine Schlüsselrolle dabei spielen, die Modeindustrie bei der Umstellung weg von diesem verschwenderischen und umweltschädlichen Ansatz und hin zu einer Kreislaufwirtschaft zu unterstützen. Das können sie tun, indem sie die Entwicklung von Geschäftsmodellen fördern und Anreize schaffen, die Kleidung länger im Gebrauch halten, sowie das Design hochwertiger, langlebiger und recycelbarer Kleidung durch ambitionierte Mindestkriterien für Produkte anregen,“ meint Balmond.

Im Januar hatte die Kommission einen „Fahrplan“ für die Zukunft nachhaltiger Textilien in der EU vorgestellt. Dieser soll sicherstellen, dass sich die Industrie nach der Pandemie verstärkt auf Kreislaufwirtschaft konzentriert und sich so erholen kann. Dies beinhaltet unter anderem die Festlegung von Förderungszielen für Wiederverwendung und Recycling.

„Die Initiative wird Maßnahmen vorschlagen, um die Textilwirtschaft fit für die Kreislaufwirtschaft zu machen, und dabei Schwachstellen in Bezug auf nachhaltige Produktion, nachhaltige Lebensstile, das Vorhandensein bedenklicher Stoffe, die Verbesserung der Sammlung und des Recyclings von Textilabfällen in den Mitgliedsstaaten sowie den Aufbau von Kapazitäten anzugehen,“ so die Kommission.

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Im NGO-Bericht wird indes empfohlen, die EU sollte Maßnahmen zur Verlangsamung des „inhärent nicht-nachhaltigen“ Verbrauchs ergreifen und die Kleidungsqualität durch verpflichtendes „Ökodesign“ erhöhen.

„Das Hauptproblem ist die fehlende Gesetzgebung und die Tatsache, dass der Sektor massiv unterreguliert ist,“ fasst Trunk zusammen. Beispielsweise würden Unternehmen oft und gerne Greenwashing mit Werbekampagnen über die Reduzierung von Plastik in Kleiderbügeln und Einkaufstüten betreiben. Das Hauptproblem des Verbrauchs fossiler Brennstoffe bei der Kleidungsherstellung werde hingegen lieber totgeschwiegen.

Im Bericht heißt es abschließend dazu: „Ohne sofortige und radikale Gesetzesmaßnahmen und eine deutliche Verlangsamung wird das Streben der Fast Fashion nach billiger Kleidung unhaltbare Mengen an Abfall und giftigen Mikroplastikfasern erzeugen sowie mehr CO2 ausstoßen, als der Planet verkraften kann.“

[Bearbeitet von Frederic Simon und Tim Steins]

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