Facebooks „Fauxpas“: Angestellte zensieren, Trump hofieren?

Am Mittwoch ist Zuckerberg zu einer Anhörung im US-Kongress geladen. [EPA-EFE/MICHAEL REYNOLDS]

Facebook wird beschuldigt, international anerkannte Arbeitnehmerrechte zu verletzen: Bei der Erprobung neuer Funktionen für seine „Facebook Workplace“-Software hatte das Unternehmen versucht, bestimmte Wörter im Zusammenhang mit der gewerkschaftlichen Organisierung auf eine „schwarze Liste“ zu setzen.

Am Freitagmorgen enthüllte das Online-Fachmagazin The Intercept, dass bei Facebook Workplace, einer Chat-Plattform für die Kommunikation zwischen Angestellten, auch technische Tools getestet wurden, mit denen Facebook-Administratoren die zwischen den Arbeitnehmenden kommunizierten Inhalte kontrollieren können.

Dabei habe man auch versucht, bestimmte Wörter, wie zum Beispiel den Begriff „gewerkschaftlich organisieren“ zu zensieren.

Mit der Datenschutzverordnung gegen Gewerkschaftsarbeit

Die DSGVO wird offenbar von Arbeitgebern in ganz Europa missbraucht: Unter Verweis auf die Datenschutzverordnung wird Gewerkschaften der Zugang zu Informationen verweigert, die für die Anwerbung und Mobilisierung von Arbeitnehmenden erforderlich sind.

Der Europäische Gewerkschaftsbund (EGB) schrieb am Freitag an Marisa Jimenez Martin, die für die Außendarstellung zuständige stellvertretende Leiterin für EU-Angelegenheiten bei Facebook, und kritisierte dabei, der US-amerikanische Tech-Gigant wolle offensichtlich Wörter, die in Zusammenhang mit der gewerkschaftlichen Organisation am Arbeitsplatz stehen, unterdrücken.

„Der EGB lehnt diese Praktiken entschieden ab und möchte Facebook daran erinnern, dass gewerkschaftsfeindliche und andere diskriminierende Aktivitäten gegenüber Gewerkschaften, ihren Vertreterinnen und Vertretern sowie Arbeitnehmenden in Europa durch internationale und europäische Menschenrechtsstandards, zu denen sich die europäischen Mitgliedsstaaten verpflichtet haben, strikt verboten sind,“ heißt es in dem Brief, den EURACTIV.com einsehen konnte.

Der Dachverband, dem 90 nationale Gewerkschaftsverbände in 38 europäischen Ländern angehören, drängte Facebook weiter, „solche Praktiken unverzüglich einzustellen und dem EGB zuzusichern, dass die politische Ausrichtung von Facebook in Zukunft das grundlegende Menschenrecht fördern wird, ohne Angst vor Repressalien in einer eigenen Gewerkschaft Mitglied sein und in dieser Hinsicht aktiv werden zu können.“

Facebook räumt Fehler ein

Facebook selbst schlug nach dem scheinbaren „Fauxpas“ einen versöhnlichen Ton an.

„Obwohl diese Art von Tools zur Moderation von Inhalten für Unternehmen nützlich sein können, wurde dieses konkrete Beispiel schlecht gewählt und hätte niemals verwendet werden dürfen,“ räumte ein Facebook-Sprecher gegenüber EURACTIV.com ein.

„Das Feature befand sich erst in einem frühen Entwicklungsstadium. Wir haben alle Pläne zu seiner Einführung auf Eis gelegt, während wir über die nächsten Schritte nachdenken,“ so der Sprecher weiter.

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Noch bevor Facebook den Fehler öffentlich zugab, äußerten sich mehrere Angestellte des Unternehmens – natürlich per Social Media – und kritisierten das Vorgehen der Firma.

Auch sie legten dabei nahe, dass Begriffe wie „gewerkschaftlich organisieren“ („unionise“) in Online-Chats zwischen Facebook-Angestellten blockiert werden konnten.

 

Facebook und Trump

Der Verdacht, dass intern bei Facebook zensiert werden könnte, kommt kurz nachdem das Unternehmen beschlossen hatte, eine Reihe von Beiträgen von US-Präsident Donald Trump nicht zu löschen. Kurz zuvor hatte der Social-Media-Rivale Twitter einige Tweets von Trump mit Labels versehen – mit der Warnung, dass diese Beiträge möglicherweise hassschürend sein könnten und auf Fakten überprüft werden sollten.

Facebook hat sich in der breiteren Debatte über die Regulierung von Online-Inhalten meist für strikte Meinungsfreiheit ausgesprochen.

Allerdings kritisieren Firmenchef Mark Zuckerberg und seine Frau Priscilla Chan die jüngsten Äußerungen von Präsident Trump nun auch. Das geht jedenfalls aus einer geleakten E-Mail an Angestellte der Chan-Zuckerberg-Initiative hervor.

„Wir sind zutiefst erschüttert und angewidert von Präsident Trumps spalterischer und hassschürender Rhetorik zu einer Zeit, in der unsere Nation so dringend Einigkeit und Eintracht braucht“, schrieben Zuckerberg und Chan in der E-Mail, die CNN vorliegt.

Ähnlich deutlich heißt es in der internen Mitteilung weiter: „Dies ist ein außerordentlich schmerzlicher Wendepunkt in der Geschichte unserer Nation, insbesondere für die farbige Community und unsere schwarzen Kolleginnen und Kollegen, die seit Generationen mit den Auswirkungen dieses systemischen Rassismus leben.“

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

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