Europäischer Wiederaufbau: Die Jugend bleibt außen vor

Alarmierende Zahlen: Fast 40 Prozent der jungen Spanierinnen und Spanier halten es für "wenig wahrscheinlich" oder "unwahrscheinlich", im kommenden Jahr einen Job zu finden. [luxorphoto/Shutterstock]

Während sie die am stärksten von der durch das Coronavirus ausgelösten Wirtschaftskrise betroffene Gruppe sind, fühlen sich junge Europäerinnen und Europäer in den Recovery-Plänen zunehmend übergangen. Fachleute fordern gezielte Maßnahmen, um die Jugend zu unterstützen und eine schnelle Umsetzung der EU-Jugendgarantie auf nationaler Ebene sicherzustellen.

Am 1. März 2017 stellte die Europäische Kommission ihr Weißbuch zur Zukunft Europas vor. Auf 32 Seiten wurde nüchtern, aber deutlich vor nicht weniger als dem drohenden Scheitern des EU-Projekts gewarnt.

„Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg besteht die Gefahr, dass es der heutigen Jugend schlechter gehen wird als ihren Eltern. Europa kann es sich nicht leisten, die am besten ausgebildete Altersgruppe, die es je hatte, zu verlieren und zuzulassen, dass Ungleichheit ihre Zukunftsaussichten ruiniert,“ heißt es in dem Dokument.

EWSA-Chefin: Krise verschärft die Jugendarbeitslosigkeit und andere Probleme

Die EU muss „die Wirtschaft in Schwung bringen“, um ihrer Jugend zu helfen, neue Chancen zu erschließen und die „Lücke“ zwischen Schule und Arbeit bestmöglich zu überbrücken, so Christa Schweng.

Die COVID-19-Pandemie hat die Aussichten für Millennials und folgende Generationen nun weiter verschlechtert: Sie sind weder in Bezug auf Gesundheitsrisiken sonderlich anfällig noch aus wirtschaftlicher Sicht eine Priorität. So werden junge Menschen in Europa inmitten der schlimmsten Krise seit fast einem Jahrhundert faktisch ins Abseits gestellt, kritisieren Verbände und Fachleute.

„Es ist natürlich richtig, dass wir aus gesundheitlicher Sicht gefährdeten Gruppen Priorität einräumen, aber in dieser Krise fehlt der Fokus auf junge Menschen,“ so beispielsweise Kira Peter-Hansen, die jüngste Europaabgeordnete im Europäischen Parlament. „Während großer Krisen konzentrieren wir uns vor allem auf die Mittelschicht und große Unternehmen. Dasselbe tun wir auch jetzt – und vernachlässigen somit junge Menschen,“ fügt sie hinzu.

Der Schaden könnte verheerend sein für eine Generation, die sich eigentlich erst noch von den Nachbeben der großen Wirtschaftskrise des vergangenen Jahrzehnts erholen muss. Die Direktorin des Spanischen Jugendinstituts, María Teresa Pérez, betont in dem in diesem Monat veröffentlichten Bericht Jugend in Spanien 2020: „Es gibt düstere Aussichten, deren Folgen in vielen Fällen noch unbekannt sind, sowohl in Umfang als auch in Tiefe.“

Der Bericht verweist ebenfalls auf einen „kumulierenden Effekt“ und ein „verlorenes Jahrzehnt“ für junge Menschen in Spanien. Das Land gehöre schließlich zu einem der am stärksten von den Wirtschafts- und Finanzkrisen der späten 2000er- und 2010er-Jahren sowie von der Pandemie betroffenen Staaten.

"Ich mache mir Sorgen, dass unsere Jugend eine verlorene Generation wird"

Wenn die Politik die gegenwärtige Krise nicht nutzt, um in junge Menschen zu investieren und eine gerechtere und nachhaltigere Gesellschaft zu schaffen, wird Europas Jugend zu einer „verlorenen Generation“, warnt Carina Autengruber.

Hinzu kommen jetzt die zusätzlichen Belastungen durch Pandemie und die daraus entstehende Unsicherheit: Jeder dritte junge Mensch leide psychisch unter COVID-19 und den Lockdown-Maßnahmen. Gleichzeitig werden die Bedingungen immer prekärer: Fast 40 Prozent der jungen Spanierinnen und Spanier halten es für „wenig wahrscheinlich“ oder „unwahrscheinlich“, im kommenden Jahr einen Job zu finden. Auch die Aussicht (oder Hoffnung), das Elternhaus verlassen zu können, ist um 15 Prozentpunkte gesunken.

Laut Alfred Kammer, Direktor der Europa-Abteilung des Internationalen Währungsfonds, werden junge Menschen in dieser Krise „größere wirtschaftliche Verluste“ erleiden, da es wahrscheinlicher ist, dass sie mit befristeten Verträgen und/oder in Sektoren angestellt sind, die am meisten von den Lockdowns betroffen sind. Hinzu kommt, dass sie meist keine oder geringe Ersparnisse und Vermögen haben, um die Krise gut zu überbrücken.

Tatsächlich liegt die Jugendarbeitslosigkeit in der EU bei über 17 Prozent und damit mehr als doppelt so hoch wie die allgemeine Arbeitslosenquote. Darüber hinaus werden die Probleme, mit denen die Jugend jetzt konfrontiert ist, einen längerfristigen Einfluss auf ihre Gehälter und Karrieren haben: Viele werden letztendlich schlechter bezahlte Jobs annehmen (müssen), warnt Kammer.

Maria Demertzis, stellvertretende Direktorin des Think-Tanks Bruegel, fordert deshalb ihrerseits: „Wenn sich die epidemiologischen Faktoren verbessern und […] gezieltere wirtschaftliche Maßnahmen ergriffen werden, sollte die Jugendbeschäftigung oberste Priorität haben“. Schließlich seien Jugendliche „die am stärksten gefährdete Gruppe“.

Warnungen über die unverhältnismäßigen Auswirkungen auf die Jugend in Bezug auf Bildung, Beschäftigung, psychische Gesundheit oder Einkommen kommen ebenso von der Weltgesundheitsorganisation und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Kommission bekräftigt: Keine Troika-Austerität beim Wiederaufbau

Die EU-Kommission bemüht sich, deutlich zu machen, dass gewisse Fehler nach der Finanzkrise 2008/9 in der nun aufkommenden „Lockdown-Krise“ nicht wiederholt werden sollten.

Die Krisen-Reaktion der EU konzentrierte sich im vergangenen Juli vor allem auf die Stärkung der Jugendgarantie. Dieses Instrument soll sicherstellen, dass alle jungen Menschen unter 30 Jahren innerhalb von vier Monaten nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes oder dem Ende ihrer Ausbildung ein Angebot für eine Beschäftigung, eine Weiterbildung, eine Lehrstelle oder ein Praktikum erhalten.

Die Kommission bot den Mitgliedsstaaten 22 Milliarden Euro an, um diese zwischen 2021 und 2027 in junge Menschen zu investieren – immerhin rund 116 Millionen Euro pro Land und Jahr.

Der ehemalige EU-Kommissar für Beschäftigung, Laszlo Andor, der die Jugendgarantie 2013 nach der letzten Krise ins Leben gerufen hatte, begrüßt die Stärkung der Garantie sowie den Start des SURE-Mechanismus zur Unterstützung von Arbeitnehmenden in Europa, stellt aber ebenfalls eine „Generationen-Ungleichheit“ bezüglich der COVID-Reaktion fest.

Ein Grund dafür: Die Kommission könne zwar Ressourcen und Beratung zur Verfügung stellen, aber letztendlich sind die Mitgliedsstaaten dafür verantwortlich, Lösungen für ihre nationalen Arbeitsmärkte zu finden: „Die EU kann Geld anbieten, aber wenn die nationalen Arbeitsämter und -verwaltungen nicht gut vorbereitet sind, werden wir keine schnelle Wirkung der Jugendgarantie beobachten können. Und es gibt gute Gründe, sich um die Kapazitäten auf lokaler Ebene zu sorgen,“ erklärt Andor.

Obwohl der Recovery Fund als „Generationenpakt“ konzipiert wurde – mit Reformen und Investitionen, die denen zugutekommen sollen, die in Zukunft die Rechnung zahlen müssen – fehle auch in der breiteren politischen Debatte die „Generationenperspektive“.

EU-Sozialgipfel in Porto mit Fokus auf die Jugend

Die Europäische Kommission will auf dem Mai-Gipfel in Porto eine „starke soziale Dimension“ vorantreiben und spricht sich für einen Fokus auf junge Menschen aus, die aufgrund der COVID-19-Krise besonders „schwierige Zeiten“ durchleben.

EU-Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni sagte kürzlich diesbezüglich, dass es zum aktuellen Zeitpunkt noch „schwierig“ sei zu beurteilen, „ob die Mitgliedsstaaten genug tun“.

An der „Front“ ist das Urteil hingegen klar: „Glauben Sie etwa wirklich, dass wir junge Leute in Zukunft sagen können, wir würden besser leben als unsere Eltern?,“ fragt Marta Santiago, Chirurgin sowie Forscherin am Krankenhaus Ramón y Cajal in Madrid und Mitglied der „Global Shapers“-Gemeinschaft des Weltwirtschaftsforums.

Die Antwort liefert sie freilich umgehend: „Nein. Wir haben das Gefühl, dass wir völlig vergessen werden.“

Sie fordert daher eine sektorübergreifende Politik, die Bildungs-, Arbeitsmarkt- und Gesundheitsinitiativen miteinander verbindet. Dabei verweist sie ebenfalls darauf, dass „Erkrankungen wie Angstzustände und Depression exponentiell zugenommen haben.“

Dass sich Brüssel nun darauf vorbereitet, im Mai seine „Konferenz über die Zukunft Europas“ zu starten, könnte grundsätzlich als gutes Zeichen angesehen werden.

Santiago warnt dennoch: „Die Saat der politischen Unzufriedenheit wird gesät und der Aufstieg von Extremismus begünstigt, wenn eine ganze Generation das Gefühl hat, keine Zukunft zu haben.“

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

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