Die internationalen Buchhaltungsstandards (IFRS) sollen für europäische Unternehmen und Banken offenbar auf den Prüfstand gestellt werden. Das wollen die EU-Abgeordneten durchsetzen, wie EURACTIV Brüssel erfuhr.
Die EU-Abgeordneten wollen die EU-Kommission Ende des Monats auffordern, die Buchhaltungsstandards für europäische Unternehmen und Banken auf den Prüfstand zu stellen, berichtet EURACTIV Brüssel.
Konkret geht es um die Standards, die Rechnungsprüfer anwenden, wenn sie die "finanzielle Gesundheit" europäischer Banken und Unternehmen prüfen. Die Europäer hatten 2005 die internationalen Buchhaltungsstandards übernommen, die sogenannten International Financial Reporting Standards (IFRS). Diese IFRS waren als internationaler Standard für die Finanzwelt gedacht, um die Buchhaltung über Landesgrenzen hinweg vergleichbar zu gestalten.
Die Europaabgeordneten sind allerdings unzufrieden, dass die IFRS den Wirtschaftsprüfern offenbar keine Hilfe waren, um die Zusammenbrüche von Banken und Firmen vorherzusagen, die letztlich in die Finanzkrise 2008 führten.
Das internationale Gremium, das die IFRS-Standards festlegt – das sogenannte International Accounting Standards Board (IASB) – steht nach Ansicht der Parlamentarier zu sehr unter dem Einfluss von Wirtschaftsprüfern. Zudem seien die IFRS-Standards inzwischen zu kompliziert und undurchsichtig geworden.
Europas ungehörte Stimme
Die Europaabgeordneten bezweifeln zudem, dass die europäischen Anliegen angemessen in die Standard-Setzung einfließen. Zu diesem Zweck wurde bereits 2001 die European Financial Reporting Advisory Group (EFRAG) eingerichtet. Sie soll den europäischen Input in die IFRS-Standardssetzung einfließen lassen und die Europäische Kommission in Fragen zu Rechnungslegungsstandards beraten. Allerdings bezweifeln die Abgeordneten den Einfluss der europäischen EFRAG auf die Vorgänge im internationalen IASB. Verärgert sind die Parlamentarier zudem, dass die USA, die weiterhin einen starken Einfluss auf die Arbeit im IASB haben, die IFRS-Standards selbst nicht übernommen haben. "Es scheint lächerlich, dass die USA einen Standard einführen lassen und unterstützen, den sie selbst nicht nutzen", hieß es aus dem Europäischen Parlament gegenüber EURACTIV.
Geplante Änderungen
Bei einem Meinungsaustausch im Parlament hat der britische Abgeordnete Syed Kamall (Europäische Konservative und Reformisten) am 2. Mai einen Änderungsvorschlag zu einem Bericht eingereicht, in dem die Finanzierung von IASB und EFRAG aus dem EU-Haushalt 2014 bis 2020 geregelt wird.
Beide Gremien sollen insgesamt 60 Millionen Euro erhalten, wobei Kamalls Änderungsvorschlag vorsieht, dass die EU-Kommission die Arbeit von IASB und EFRAG grundlegend überprüfen soll. Die Kommission hätte damit den Auftrag, auch die Standards an sich zu überprüfen und gegebenfalls Änderungen vorzuschlagen.
Kamalls Änderungsvorschlag wird offenbar parteiübergreifend unterstützt, wie EURACTIV erfuhr. Demnach ist es sehr wahrscheinlich, dass die Änderung Ende des Monats im Plenum angenommen wird.
Mögliche Konsequenzen
Falls das Parlament Kamalls Vorschlag tatsächlich annimmt, könnte das die Arbeit der Wirtschaftsprüfer beeinflussen und – falls auch die Standards geändert werden – die Buchhaltung in europäischen Unternehmen und Banken.
Es ist auch nicht auszuschließen, dass eine von der EU forcierte Revision der Buchhaltungsstandards die laufenden Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU beeinflussen wird.
Jeremy Fleming, EURACTIV Brüssel
EURACTIV Brüssel: Parliament to challenge international accounting standards (8. Mai 2013)
Links
Parlament: Entwurf eines Berichts zur Auflegung eines Unionsprogramms im Bereich Rechnungslegung und Abschlussprüfung für den Zeitraum 2014-2020 (26. März 2013)
OEIL: Financial reporting and auditing: Union programme 2014-2020 to support specific activities
Kommission: Website zu IAS/IFRS-Standards und Auslegungen
