Die Grenzen von Wirtschaftsprognosen in der Corona-Pandemie

Niemand kann genau vorhersagen, wie lange die Geschäfte geschlossen bleiben müssen. [ALEXANDER BECHER/EPA]

Deutschlands Wirtschaft liegt im künstlichen Tiefschlaf, um die Corona-Ausbreitung zu stoppen. Das wird teuer, sagen die ersten Prognosen, doch gehen die Meinungen über das Ausmaß stark auseinander. Die Regierung kommuniziert lieber die optimistischeren Zahlen. Im Interview mit EURACTIV Deutschland erklärt DIW-Chef Marcel Fratzscher, was Wirtschaftsprognosen jetzt leisten können – und was nicht.

Wenn man irgendwas mit Sicherheit über die Corona-Pandemie sagen kann, dann, dass man vieles nicht mit Sicherheit sagen kann. Aus Sicht der Wirtschaft ist das fatal: UnternehmerInnen wissen momentan nicht, wie lange sie ihre Betriebe geschlossen halten und daher ohne Einkommen überleben müssen.

Der Staats versucht, Firmen durch Unterstützungen über Wasser zu halten, bis der Konsum wieder anspringen kann. Doch der Zeithorizont, der wichtigste Faktor, ist eine Unbekannte. Daher richten sich momentan viele Augen auf Wirtschaftsinstitute, die vorhersagen sollen, was uns das Coronavirus kosten soll. Leider wurde bald klar: Das können sie nicht.

Besonders deutlich wurde diese Ungewissheit, als die beiden bisher prominentesten deutschen Prognosen zur wirtschaftlichen Auswirkung der Pandemie öffentlich wurden: Die des Münchner Wirtschaftsinstituts Ifo und die des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, im Volksmund „Wirtschaftsweisenrat“ genannt. Deren Zahlen gingen weit auseinander.

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Ist das Glas halb voll oder halb leer?

Das Ifo errechnete einen Einsturz des Wachstums um bis zu 20,6 Prozentpunkte, während der Sachverständigenrat selbst im Worst Case-Szenario an einen einstelligen Einbruch glaubt. Beide Veröffentlichungen wiesen explizit darauf hin, dass die Berechnungen nur auf Annahmen beruhen, und präsentierten ihre Ergebnisse daher in Form von Szenarien. Trotzdem erregte die Diskrepanz Aufsehen.

Ifo-Chef Clemens Fuest sagte in einem Interview der „Welt“, er halte die Annahmen des Sachverständigenrats für „zu optimistisch“. Dafür sagte Lars Feld, oberster „Wirtschaftsweiser“, dass seine Leute die „ganz pessimistischen Szenarien, die in zweistellige Bereiche gehen“, gegenwärtig ausschließen. Die deutsche Regierung orientiert sich jetzt an den optimistischeren Zahlen des „Weisenrats“, für viele Andere herrscht Unklarheit.

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„Das sind keine Vorhersagen“

„Prognosen werden immer mißverstanden“, kommentiert Marcel Fratzscher, Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, die jetzige Situation im Gespräch mit EURACTIV. „Das sind keine Vorhersagen, wie es sein wird, sondern nur Szenarien und wenn-dann-Analysen.“

Niemand könne die Kernfragen beantworten, etwa wann die Wirtschaft wieder anlaufen kann, wie viele Unternehmen bis dahin pleite und wie viele ArbeitnehmerInnen bis dahin gefeuert sind, und ob es zu weiteren Infektionswellen kommen wird. Daher bekräftigte Fratzscher im Gespräch, was er bereits in einem Kommentar im Tagesspiegel letzte Woche geschrieben hatte: „Eine verlässliche Wirtschaftsprognose ist zu diesem Zeitpunkt völlig unmöglich.“

Wer die jetzt erschienen Prognosen liest, soll sich „bitte nicht zu sehr auf die Zahlen fokussieren, sondern auf die Muster dahinter“, um zu verstehen, wie die Krise verlaufen könnte. Das sei der eigentliche Mehrwert der Berechnungen: Szenarien zu erstellen, anhand derer sich EntscheidungsträgerInnen ein ungefähres Bild der möglichen Zukunft machen können. Sie sollen aber nicht als Vorhersagen missverstanden werden.

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Bloß keine Panik

Dass die Regierung sich bislang in ihrer Kommunikation eher auf die optimistischeren Zahlen des „Weisenrats“ stützt, hält Fratzscher aber für richtig. Sie wolle zeigen, dass sie die Lage im Griff hat, zu dramatische Prognosen würden Angst schüren – „und genau das will man im Augenblick nicht.“

Allerdings könnte sich hier bald etwas ändern. Nächste Woche erscheint die sogenannte „Gemeinschaftsdiagnose“ von fünf deutschen Wirtschaftsinstituten, unter anderem dem ifo und Fratzschers DIW. Das DIW werde in den Ergebnissen voraussichtlich näher an den pessimistischeren Szenarien des ifo liegen als am Sachverständigenrat, sagt Fratzscher. Beispielsweise erwarte er, dass ArbeitnehmerInnen trotz Kurzarbeit entlassen werden, weil Unternehmen noch andere Fixkosten haben. Wenn sich eine Schieflage ankündigt, „macht es Sinn für Unternehmen, Kolleginnen und Kollegen früher frei zu setzen, um unsere Chancen für das Überleben zu verbessern.“

Auf dieser Gemeinschaftsdiagnose sei die Grundlage für die endgültige, offizielle Wirtschaftsprognose der Regierung. Sollten also die restlichen drei Institute ebenfalls pessimistischer sein als der „Weisenrat“, könnte die Regierung ihre noch sehr optimistische Kommunikation bald ändern.

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