Die Folgen des „dirty Brexit“

Durch Zollkontrollen könnte es zu verzögerten Lieferketten kommen. [shutterstock/Grigvovan]

Fünf Monate vor dem Brexit-Stichtag stecken die Verhandlungen fest. Während laut Chefunterhändler Michel Barnier „bei 90 Prozent Einigkeit erreicht“ sei, stellt vor allem die irische Grenzfrage die Verhandler vor schier unlösbare Aufgaben.

Doch trotz fehlende Fortschritte war die Botschaft des EU-Gipfels (einschließlich der britischen Seite) klar: Wir wollen unbedingt einen Deal. Die gegenseitigen Beteuerungen, wie gut man auf einen Brexit ohne Deal vorbereitet sei, wichen Beteuerungen, wie sehr man die Zusammenarbeit schätzt und dass es mit gemeinsamen Anstrengungen schon irgendwie zu schaffen sein wird.

Zu groß ist allseitig die Angst vor einem „dirty Brexit“, einem Ausscheiden Großbritanniens aus der EU ohne Abkommen. Längst haben die Wirtschaftsverbände Alarm geschlagen und eindringliche Appelle an die Regierungen gerichtet mit der Aufforderung, irgendwie zu einem Deal zu kommen. Doch was steht auf dem Spiel? Ein Überblick über mögliche wirtschaftliche Folgen eines „dirty Brexit“:

Mehr Personal für Zollkontrollen

Scheitern die Austrittsverhandlungen, scheidet Großbritannien im März 2019 von einem Tag auf den anderen aus dem europäischen Binnenmarkt und der Zollunion aus. Auch die geplante Übergangsphase ist dann hinfällig. Alle Waren und Personen müssen dann vor dem Überschreiten der EU-Grenzen kontrolliert werden.

Einig beim Brexit, alarmiert bei Italien

Die EU-Staatschefs beenden die Brexit-Beratungen ergebnislos – und warnen Italien vor einer weiteren Überschuldung.

Der deutsche Zoll will deshalb 900 zusätzliche Beamte neu einstellen. Sie sollen beispielsweise in der Zollabfertigung der Häfen von Hamburg und Bremen, am DHL-Luftfrachtzentrum in Leipzig sowie an den großen Flughäfen wie Frankfurt am Main und Köln/Bonn eingesetzt werden.

Auch andere Länder treffen hier Vorkehrungen. So braucht beispielsweise Irland nach Regierungsangaben in jedem Fall etwa 600 bis 700 zusätzliche Zollbeamte für Kontrollen an Häfen und Flughäfen, 200 Experten für Ein- und Ausfuhrkontrollen bei Tieren und Pflanzen sowie weitere 120, um die dafür nötigen Zertifikate auszustellen.

Lange LKW-Schlangen an den Häfen

Die nach dem Austritt aus der EU nötige Abfertigung von Warenlieferungen aus oder in die EU stellt Häfen vor große Probleme. Die Grenzformalitäten könnten für lange Warteschlangen von Lastwagen sorgen, beispielsweise in Frankreich und den Niederlanden.

Am Hafen im französischen Le Havre fehlt es nach Angaben des Betreibers ganz praktisch an Parkmöglichkeiten für Lastwagen. Nötig sind dort auch Räumlichkeiten für die Arbeit von Gesundheits- und Veterinärbehörden, wie örtliche Politiker kürzlich beklagten.

Gefahr für Geschäftsmodell der Autoindustrie

Die Autoindustrie arbeitet quasi ohne Lagerzeiten. Zulieferer stellen Teile bereit, die direkt weiterverarbeitet werden. Mit Wartezeiten wegen der Zollabfertigung wird dies kaum noch möglich sein, wie der europäische Autoherstellerverband Acea warnt. Unternehmen arbeiten deshalb bereits an Notfallplänen oder suchen nach Flächen, um Autoteile zwischenzulagern.

Beim Brexit nichts Neues

Erwartungsgemäß brachten die Beratungen des EU-Gipfels am Mittwoch in Brüssel keinen Durchbruch. Man will aber weiterhin an einer Verhandlungslösung arbeiten.

Zudem fehlt es insbesondere bei kleineren Zulieferern an Erfahrung bei der Zollabwicklung. Sie müssen sich darum bisher nicht scheren. Generell warnt der Acea: Allein die Kosten, die womöglich für Zollabgaben fällig würden, würden voraussichtlich die Gewinnmargen der Hersteller übersteigen.

Suche nach neuen Lieferanten

Insbesondere in stark importabhängigen Branchen dürften sich aufgrund der schwieriger werdenden Handelsbeziehungen britische Unternehmen nach lokalen Lieferanten umsehen – europäische Unternehmen versuchen vermehrt, britische gegen europäische Lieferanten auszutauschen, wie der Kreditversicherer Euler Hermes erklärt. Britische Unternehmen „horten“ zudem bereits Importware, die sie für ihre Produktion dringend benötigen. Laut Euler Hermes gibt es „Hamsterkäufe wie nach einer Sturmwarnung“. Unternehmen wollten so ihre Margen und Produktion absichern, gingen damit aber auch bilanzielle Risiken ein.

Exporte brechen ein

Die deutsche Exportwirtschaft erwartet bei einem harten Brexit ohne Freihandelsabkommen Kosten in Milliardenhöhe. Euler Hermes sieht bei den deutschen Exporteuren im ersten Jahr nach einem Chaos-Brexit Exporte auf die Insel in Höhe von acht Milliarden Euro in Gefahr. Unternehmen mit viel Geschäft in Großbritannien müssten deshalb „starke Nerven haben oder
sukzessive auf andere Absatzmärkte umschwenken“.

Die Briten wären aber die größten Verlierer: Für sie stehen laut Euler Hermes Exporte in Höhe von 30 Milliarden Pfund pro Jahr auf der Kippe. Beim harten Ausstieg würden die Niederländer laut Euler Hermes voraussichtlich vier Milliarden Euro an Exporten einbüßen, Frankreich und Belgien jeweils drei Milliarden.

Nach dem Brexit: Die neue britische Entwicklungszusammenarbeit

Das Vereinigte Königreich will nach dem Brexit an seinen entwicklungspolitischen Zusagen festhalten, zugleich aber den Anteil privater Investitionen erhöhen.

Fluggesellschaften bangen um Routen

Der Brexit wirbelt auch die Luftfahrtbranche durcheinander. Die britische Billigfluggesellschaft Easyjet gründete bereits 2017 eine Tochtergesellschaft in Österreich, um sich auch nach dem EU-Austritt Großbritanniens Zugang zum EU-Luftraum zu sichern. Der irische Billigflieger Ryanair beantragte wiederum Ende 2017 eine Betriebslizenz bei der britischen Luftfahrtbehörde CAA – für drei Routen innerhalb des Vereinigten Königreichs. Auch andere Fluggesellschaften müssen sich wappnen.

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