Der Einbruch der deutschen Konjunktur ist kein kurzfristiges Phänomen, sondern zeige vielmehr, dass viele Grundlagen des deutschen Wirtschaftsmodells nicht mehr für die derzeitigen raschen wirtschaftlichen Veränderungen geeignet sind, sagen Experten.
In 2023 ging die deutsche Wirtschaft um 0,3 Prozent zurück und war damit die einzige große Volkswirtschaft der Welt, die im vergangenen Jahr schrumpfte. Für dieses Jahr rechnet der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) mit einem gesamtwirtschaftlichen Wachstum von 0,3 Prozent.
„Eine echte Erholung der deutschen Industrie nach den krisenbedingten Rückschlägen der vergangenen Jahre dürfte aber auch in 2024 ausbleiben“, sagte Siegfried Russwurm, Präsident des BDI am Dienstag (16. Januar) vor Journalisten. Das geringe Wachstum werde vor allem vom privaten Konsum getragen.
Dies sei nicht nur eine Konjunkturschwäche, sondern zeige grundsätzliche Probleme des deutschen und damit auch des europäischen Wirtschaftsmodells, argumentieren Ökonomen und Wirtschaftsvertreter.
„Das deutsche Modell ist in gewisser Weise der Inbegriff des europäischen Modells“, sagte Jan Mischke, Partner beim McKinsey Global Institute (MGI), gegenüber Euractiv.
„Europa ist auf Stabilität und ständige Optimierung ausgelegt“, sagte er und fügte hinzu, dass dies „in stabilen Zeiten eigentlich eine gute oder zumindest sinnvolle Wahl ist.“
In Deutschland gibt es etwa viele mittelständische Unternehmen, die auf Nischenmärkte spezialisiert sind und sich eher auf kleinteilige Innovationen als auf bahnbrechende Technologiedurchbrüche konzentrierten. Doch dies würde in der heutigen Zeit der großen Veränderungen nicht mehr zum Erfolg führen, so Mischke.
„Die stabilen Zeiten sind vorbei und sie werden wahrscheinlich noch eine ganze Weile vorbei sein“, sagte er.
Um auf neuen Märkten wie der digitalen Wirtschaft wettbewerbsfähig zu sein, müsse Europa beispielsweise mehr Risikokapital anziehen, anstatt sich überwiegend auf Bankkredite für die Investitionen der Unternehmen zu verlassen, so MGI in einer kürzlich erschienenen Analyse.
Auch die Energiepreise in Europa liegen weit über dem amerikanischen oder chinesischen Niveau und müssten halbiert werden, damit Europa wieder wettbewerbsfähig wird, schreiben die Verfasser.
Zudem war Europa stets viel offener für den internationalen Handel als die USA oder China, aber „geopolitische Turbulenzen wirken sich auf die Handelsbeziehungen aus, führen zu mehr Streitigkeiten und veranlassen die Unternehmen, ihre Lieferketten neu zu gestalten“, heißt es weiter.
Ein strukturelles Problem
Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos waren sich führende Wirtschaftsvertreter einig, dass die Probleme eher struktureller als temporärer Natur sind. Sie beklagten dabei etwa Überregulierung und zu wenig Raum für Innovationen.
„Ich glaube, Europa war viele Jahre lang sehr selbstgefällig“, sagte Belén Garijo, CEO von Merck, einem der größten deutschen Pharmaunternehmen. „Nach der Pandemie und vielen anderen Mehrfachkrisen ist der Druck gestiegen.“
„Überregulierung bremst uns aus“, sagte sie und fügte hinzu, dass „wir zu viel Zeit mit Debatten verbringen, und wahrscheinlich müssen wir wirklich mit einem viel größeren Bewusstsein für Dringlichkeit handeln.“
Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) stimmte in Davos zu, dass es ein Problem gebe. Er machte jedoch vor allem die zunehmenden geopolitischen Spannungen dafür verantwortlich, die den internationalen Handel erschwert hätten.
„Ich würde sagen, dass das eigentliche Problem, die Welt, in der wir leben, noch größer ist als verschiedene Aspekte wie Überregulierung und fehlende Investitionen, fehlende Innovationen und so weiter“, sagte Habeck.
Angesichts der Bedeutung des Exports für die Gesamtwirtschaft sei „gerade Deutschland […] auf diese offenen Märkte angewiesen“, sagte er.
Probleme wie der Krieg in der Ukraine und die Unterbrechung von Lieferketten während der Corona-Krise hätten gezeigt, dass „wir jetzt eine fragmentierte Welt haben“, sagte Habeck.
„Jetzt sehen wir, dass unsere eigenen Fehler, europäische Fehler oder Zögerlichkeiten, nicht wettbewerbsfähig genug zu sein, zu einem echten Problem werden, weil sich die Welt verändert hat.“
Verschärfung durch politische Entscheidungen
Doch anstatt die Probleme anzugehen, hätten politische Entscheidungen die Situation in den letzten Jahren möglicherweise sogar noch verschlimmert, so Mischke.
„Deutschland hat beschlossen, einen großen Teil der Energieversorgung abzuschalten, der vorhanden war und immer noch vorhanden ist“, sagte er und bezog sich damit auf die Entscheidung des letzten Jahres, die letzten drei Atomkraftwerke des Landes abzuschalten. „Das ist also sicherlich eine der Diskussionen, die wieder aufgenommen werden müssen.“
In ähnlicher Weise warf Russwurm vom BDI der deutschen Regierung vor, dass sie sich der Herausforderung, die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, noch nicht gestellt habe.
In der Politik werde „bei Sachproblemen unendlich lang und fast schon dogmatisch gestritten [.], statt gemeinsam im Diskurs der Sachargumente zu Lösungen zu kommen“, sagte Russwurm. Dies „kostet Vertrauen und führt zu Verunsicherung bei den Unternehmen genauso wie bei Bürgerinnen und Bürgern“, so der Industrievertreter.
Durchbrüche in der Energiepolitik, etwa bei der Schaffung ausreichender Reservekapazitäten für die schwankende Wind- und Sonnenenergie, seien „überfällig“, sagte er.
[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic/Kjeld Neubert]



