Deutscher Mittelstand: gute Lage, schlechte Stimmung

Die besondere deutsche Stärke, der Mittelstand, die hidden champions, müsse offenbar gegenüber nationalen Champions im Industriemaßstab zurückstehen. [shutterstock]

Deutschlands Mittelständler machen derzeit hervorragende Geschäfte. Dennoch macht sich einer Umfrage zufolge zunehmend Skepsis breit.

56 Prozent der deutschen Mittelständler sind mit der Geschäftslage rundum zufrieden – zu Jahresbeginn lag der Anteil bei 53 Prozent. Weitere 32 Prozent bezeichnen die eigene Lage immerhin noch als „eher positiv“ (Januar: 38 Prozent). Das sind Ergebnisse des aktuellen Mittelstandsbarometers der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY). Die Studie wird halbjährlich durchgeführt. Ihr liegt eine Umfrage unter 700 mittelständischen Unternehmen in Deutschland zugrunde, die in der zweiten Julihälfte 2014 durchgeführt wurde.

Trotz der zunehmenden geopolitischen Spannungen und Rückgänge im Russlandgeschäft hat die Geschäftslage damit ein Rekordniveau erreicht: In keinem EY-Mittelstandsbarometer wurde je ein höherer Zufriedenheitswert gemessen. Die Studie wird seit elf Jahren durchgeführt.

Allerdings könnte der konjunkturelle Höhepunkt bereits überschritten sein, zumindest hat sich der Ausblick der Mittelständler deutlich eingetrübt: So rechnen nur noch 31 Prozent der Unternehmen mit einer Verbesserung ihrer Geschäftslage – zu Jahresbeginn waren es noch 42 Prozent. Und der Anteil der Mittelständler, die ihre Gesamtinvestitionen erhöhen wollen, sinkt von 29 Prozent zu Jahresbeginn auf aktuell 21 Prozent. Zudem lässt die Dynamik auf dem Arbeitsmarkt nach: Die Zahl der Unternehmen, die zusätzliche Mitarbeiter einstellen wollen, sinkt im Vergleich zum Jahresbeginn von 28 auf 26 Prozent. Aktuell wollen 13 Prozent der Unternehmen ihre Belegschaft reduzieren – zu Jahresbeginn waren es nur 9 Prozent.

Angesichts der unsicheren Konjunkturaussichten haben die Unternehmen ihre Umsatzprognosen für 2014 leicht nach unten korrigiert: von durchschnittlich 1,5 Prozent zu Jahresbeginn auf aktuell 1,3 Prozent. Jeder neunte Mittelständler rechnet für das laufende Jahr mit sinkenden Umsätzen – zu Jahresbeginn waren es nur 7 Prozent.

„Die Lage im deutschen Mittelstand ist noch immer gut – die Stimmung aber längst nicht mehr“, fasst Peter Englisch, Partner bei EY, die Ergebnisse zusammen. „Es herrscht große Unsicherheit, vor allem in Bezug auf die weitere Entwicklung des Konflikts mit Russland. Das kostet Vertrauen und bremst Investitionen. Der Gegenwind nimmt eindeutig zu.“

Tatsächlich hat die Ukraine-Krise bereits Spuren in den Bilanzen vieler mittelständischer Unternehmen hinterlassen: 22 Prozent der Industrieunternehmen und 19 Prozent der Handelsunternehmen geben an, negative Auswirkungen der aktuellen Spannungen mit Russland auf das eigene Geschäft zu spüren. Deutlich weniger stark sind Dienstleister betroffen, von denen nur 9 Prozent negative Auswirkungen sehen.

Für jedes sechste mittelständische Unternehmen in Deutschland stellen die aktuellen geopolitischen Spannungen nach eigenen Angaben eine große Gefahr für die eigene Geschäftsentwicklung dar. Die große Betroffenheit deutscher Mittelständler erklärt sich aus dem hohen Internationalisierungsgrad der Unternehmen und ihrer starken Präsenz im Osten Europas: So ist jeder sechste Mittelständler in Russland tätig, jeder zehnte ist in der Ukraine aktiv. Besonders Industrieunternehmen haben sich in den vergangenen Jahren diesen beiden Ländern zugewandt: Von ihnen machen sogar 27 Prozent Geschäfte in Russland, 17 Prozent sind in der Ukraine tätig.

Die in Russland und der Ukraine engagierten Unternehmen berichten teilweise von deutlichen Einbußen in der Geschäftsentwicklung vor Ort: So wird die Lage im Russlandgeschäft von 23 Prozent der Unternehmen negativ bewertet – 5 Prozent bezeichnen sie sogar als sehr negativ. Dem stehen insgesamt 22 Prozent der dort tätigen Unternehmen gegenüber, die mit der Geschäftslage überwiegend zufrieden sind. Deutlich negativer fällt die Bewertung der Situation in der Ukraine aus: Nur 8 Prozent der dort tätigen Mittelständler sind mit der Geschäftsentwicklung vor Ort zufrieden, 43 Prozent hingegen bezeichnen sie als schlecht.

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