Deutsche Wirtschaft womöglich durch Corona-Virus bedroht

Leere Regale in der 11-Millionen-Metropole Wuhan, wo der Coronavirus erstmals ausbrach. [JEROME FAVRE]

Die chinesische Wirtschaft leidet schon jetzt unter dem Ausbruch des Coronavirus. Deutschland leidet mit, denn China ist der wichtigste Handelspartner. Vor allem die Auto-Industrie steht vor einer Herausforderung. 

Der Ausbruch des Corona-Virus in China könnte das deutsche Wachstum abschwächen. Das ergaben aktuelle Berechnungen des deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung IFO. Grund dafür sei nicht nur die schwächere Nachfrage aus China, sondern auch die Abhängigkeit deutscher Unternehmen von chinesischen Arbeitskräften und Zulieferern. Sollte die chinesische Wirtschaft um ein Prozent schrumpfen, würde das deutsche Wachstum um 0,06 Prozent sinken, errechneten die ForscherInnen basierend auf dem SARS-Ausbruch von 2002 und 2003. Es könnte aber auch schlimmer kommen.

Laut Informationen auf der Website des Auswärtigen Amts sind die wirtschaftlichen Beziehungen der beiden Ländern heute so intensiv wie nie zuvor. China ist global Deutschlands größter Handelspartner, und Deutschland ist Chinas wichtigster Handelspartner in Europa. Das bilaterale Handelsvolumen betrug 2018 etwa 200 Milliarden Euro, das ist ein Drittel des gesamt-europäischen Handelsvolumens mit dem „Reich der Mitte“.

So enge wirtschaftliche Beziehungen bergen immer das Risiko gegenseitiger Abhängigkeit. Frei nach Metternich könnte man sagen: Wenn China niest, holt sich Deutschland eine Erkältung. Und momentan niesen über 28.000 ChinesInnen, die am Corona-Virus erkrankt sind.

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Fabriken stehen still

Das schadet zuallererst der chinesischen Wirtschaft. Am 3. Februar schloss die Börse in Shanghai mit einem Minus von 8 Prozent – besonders hart traf es die herstellende Industrie, Materialwirtschaft und Konsumgüter. Außerdem brach der Tourismus zusammen, da zahlreiche Airlines nicht mehr nach China fliegen.

Die 11-Millionen-Stadt Wuhan, Zentrum des Ausbruchs, ist ein wichtiger industrieller Standort. Nun bleiben dort viele Fabriken geschlossen, genauso wie Kinos und andere Geschäfte. Aus Quarantänegründen ist die Ein- und Ausfuhr von Gütern und Personen stark eingeschränkt, was bedeutet, dass Wuhan von Lieferketten abgeschnitten ist. Nach Informationen des US-amerikanischen Nachrichtensenders CNN sollen mindestens 10 weitere chinesische Städte unter Reisebeschränkungen stehen. Das gefährdet die Konjunktur, da Millionnestädte wichtige Wirtschaftsmotoren sind.

Zwar hat die chinesische Zentralbank bereits mit einer Zinssenkung gegengesteuert, um mit billigem Geld die Wirtschaft anzukurbeln. Robert Halver, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG, hält das aber für wenig effektiv. „Man kann den Corona-Virus nicht in Liquidität ersäufen“, sagte er in einem Fernseh-Interview gegenüber der WELT. Soll wohl heißen: Wenn Produktionsstätten stillstehen, helfen auch keine billigen Kredite. Stillstand bleibt Stillstand.

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Besonders deutsche Auto-Industrie betroffen

Für Deutschland bedeutet das: Weniger Export nach China. Sinkender Konsum in China führt zu geringerer Nachfrage nach Importprodukten. Sollte sich die Quarantäne ausbreiten, müssen außerdem immer mehr chinesische ArbeiterInnen zu hause bleiben – das wird zum Problem für deutsche Firmen, die Niederlassungen in China haben oder von chinesischen Zulieferern abhängig sind.

All das trifft vor allem auf deutsche Automobil-Industrie zu. Etwa ein Drittel aller deutschen Fahrzeuge (rund 5,2 Millionen Stück) wurden 2019 in China verkauft, errechnete das CAR-Center Automotive Research. Zusätzlich lassen viele deutsche Autohersteller in China bauen: Rund 30 Fabriken betrieben deutsche Hersteller in China 2019, schreibt der Verband der Automobilindustrie.

Darüber hinaus haben deutsche Zulieferer von Automobil-Teilen 315 Standorte in China, auch hier droht die Lieferkette abzureißen. Industrie-übergreifend sind deutsche Unternehmen von chinesischen Lieferungen abhängig: Industriewaren aus China machen 9,4 Prozent der Importe an Vorleistungsgütern aus.

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Berechnung eventuell zu optimistisch

Aus alledem errechnet das IFO folgende Korrelation: Sollte das chinesische Wachstum wegen des Corona-Virus um einen Prozentpunkt sinken, würde die deutsche Wirtschaft um 0,06 Prozent langsamer wachsen. Basis für diese Einschätzung war der Ausbruch der Krankheit SARS in China 2002 und 2003.

Allerdings, so warnt das IFO-Institut, könnte das Corona-Virus mehr wirtschaftlichen Schaden anrichten als SARS. Denn die Infektionsrate ist höher: Während an SARS innerhalb von acht Monaten 8,809 Menschen erkrankten und 774 starben, sind am Coronavirus bereits 28,365 Menschen erkrankt und 566 verstorben – innerhalb weniger Wochen.

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