Deutsche Unternehmen wenig erfreut über Brexit-Verschiebung

Die Exporterwartungen deutscher Unternehmen sind seit letztem Monat deutlich angestieben - trotz der Brexit-Wirren. [Sean Pavone/ Shutterstock]

Die EU hat Großbritannien eine erneute Verschiebung des Brexits zugesagt. In der deutschen Wirtschaft ist man darüber nicht unbedingt erfreut, denn die Unsicherheit geht weiter. Trotzdem steigen die Exporterwartungen an – das liegt aber weniger am Brexit als an Donald Trump.

Wieder eine Verlängerung, wieder herrscht Verunsicherung: Die EU-Mitgliedsstaaten haben Großbritannien eine weitere Verschiebung des Brexit-Datums zugesprochen, wie Ratspräsident Donald Tusk heute am 28. Oktober verkündete. Mit diesen Verlängerungen müsse nun Schluss sein, schrieb heute der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Eric Schweitzer. „Das lange Hin und Her bei den Brexit-Gesprächen hat die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und dem Vereinigten Königreich in den vergangenen Jahren bereits stark negativ beeinflusst.“ Seit dem Referendum im Sommer 2016 sei Großbritannien in der Rangfolge der wichtigsten Handelspartner Deutschlands bereits vom fünften auf den siebten Platz zurückgefallen. Je länger sich der Brexit verzögert, umso schlechter laufen die Geschäfte, so die Botschaft.

Vorbereitung auf das Weihnachtsgeschäft

Heutige Zahlen des ifo-Institutes zeigen, dass das nur bedingt zutrifft. Das Institut hat in seiner monatlichen Umfrage von 2.200 Industrieunternehmen festgestellt, dass die deutschen Exporterwartungen trotz Brexit-Wirren deutlich angestiegen sind: Im September lagen sie noch bei -5,3 Saldenpunkten, im Oktober stiegen sie auf -1,2 Punkte. Damit habe sich die Zuversicht unter deutschen Firmen – obwohl noch immer leicht negativ – „deutlich aufgehellt“.

Premierminister Boris Johnson will Neuwahlen im Dezember

Nach der neuerlichen Abstimmungsniederlage im Parlament sucht Großbritanniens Premierminister Boris Johnson im Ringen um den Brexit nun den Ausweg in Neuwahlen. Doch dafür ist er erneut auf die Hilfe anderer angewiesen. EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle berichtet.

Der Grund dafür liegt aber weniger in der Hoffnung auf eine Brexit-Lösung als im derzeitigen Waffenstillstand im Handelskonflikt zwischen den USA und China, sagt Klaus Wohlrabe, stellvertretender Leiter des ifo Zentrums für Makroökonomik gegenüber EURACTIV. „In Sachen Brexit ist die Wirtschaft nicht unbedingt optimistischer geworden. Es ist eher so, dass der Pessimismus leicht abgenommen hat.“ Die neueste Verlängerung würde von den Unternehmen eher schulterzuckend hingenommen, denn die Ungewissheit, was nun passieren wird, bleibt. „Besonders für Unternehmen, die viel Handel mit Großbritannien betreiben, ist das Problem, dass sie nicht nur einen Plan A für den harten Brexit brauchen. Bei den verschiedenen Optionen, die weiterhin auf dem Tisch sind, brauchen sie auch einen Plan B und C.“ Insgesamt drücke der Brexit durchaus spürbar auf die Stimmung. Besonders im B2B-Bereich seien die Investitionen deutscher Unternehmen dieses Jahr schon deutlich gesunken, so Wohlrabe.

Brexit kostete Deutschland bereits 0,8 Prozent Wachstumseinbußen 

Was das in genauen Zahlen bedeutet, hat das des Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) diesen Monat berechnet. Seit dem Brexit-Referendum im Juni 2016 habe das deutsche Wirtschaftswachstum jährlich 0,2 Prozentpunkte eingebüßt. Insgesamt belaufen sich seitdem die durch den Brexit bedingten Wachstumseinbußen auf etwa 0,8 Prozent, gibt das Institut an. Würde es zu einem harten Brexit kommen, erwarten die Forscher für kommendes Jahr eine Verringerung der deutschen Wachstumsrate von 0,4 Prozent. Der Effekt würde aber schon 2021 wieder leicht abklingen. Insgesamt müsste sich Deutschland im Falle eines No-Deal-Brexit auf Einkommensverluste in Höhe von rund zehn Milliarden Euro pro Jahr einstellen. Kommt es doch noch zur Unterzeichnung des Austrittsabkommens, würden diese Verluste auf fünf Milliarden Euro halbiert werden können, so das DIW.

"Settled Status": Das persönliche Brexit-Problem

Für die britische Regierung und für Aktivisten ist eine der größten Herausforderungen mit Blick auf den Brexit aktuell, EU-Bürgerinnen und -Bürger im Vereinigten Königreich darauf aufmerksam zu machen, dass sie den sogenannten „Settled Status“ beantragen müssen.

Deutschland exportiert jährlich Waren im Wert von gut 80 Milliarden Euro auf die britischen Inseln. Rund 750.000 Arbeitsplätze, so schätzt man, sind in Deutschland von den wirtschaftlichen Beziehungen mit dem Vereinigten Königreich abhängig. Es sei daher “unfassbar”, was die Briten ihren europäischen Partnern zumuten, schimpfte vergangene Woche der Präsident des BDA, Holger Bingmann, in der Rheinischen Post. „Die Unternehmen beiderseits des Ärmelkanals hängen weiter in der Luft und wissen noch immer nicht, wann und wie sie ihre Zoll- und Handelsprozesse künftig zu gestalten haben.“

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