Deutsche Corona-Wirtschaftsdiagnose: Besser als befürchtet

Timo Willmershäuser, Chef des ifo, präsentierte die Zahlen, seine Kollegen sprachen per Videoschalte. Das Foto ist von der Präsentation des Herbst-Berichts 2019, diesmal waren Coronavirus-bedingt keine FotografInnen erlaubt.

Die traditionelle Frühjahrsprognose der fünf wichtigsten deutschen Wirtschaftsinstitute stand heute unter dem Titel „Wirtschaft unter Schock“. Trotz anfangs düsterer Prognosen geben sich die Experten aber insgesamt optimistisch: Der wirtschaftliche Aufschwung sei in Sicht.

Wie teuer wird die Corona-Pandemie für Deutschland? Dieser Frage gehen deutsche ÖkonomInnen seit Wochen nach, eine Studie nach der Anderen wurde publiziert – mit teils eklatant unterschiedlichen Ergebnissen. Besonders prominent war die Diskrepanz zwischen den Ergebnissen des Wirtschaftsinstituts ifo, das bis zu 20,6 Prozentpunkte Einsturz für möglich hielt, und dem Sachverständigenrats (auch „Wirtschaftsweisen“ genannt), der selbst im Worst Case nur einen einstelligen Wachstums-Einbruch erwartete.

Der Reigen an Prognosen ist seit heute um ein Dokument reicher. In einer Pressekonferenz veröffentlichten fünf Wirtschaftsinstitute, darunter auch das ifo, ihre traditionelle Gemeinschaftsdiagnose. Sie erscheint zweimal im Jahr und dient als Orientierungshilfe für die Bundesregierung, um den Haushalt zu planen.

Die Grenzen von Wirtschaftsprognosen in der Corona-Pandemie

Deutschlands Wirtschaft liegt im künstlichen Tiefschlaf, um die Corona-Ausbreitung zu stoppen. Erste Berechnungn zu den Kosten der Krise gehen stark auseinander. Im Interview mit EURACTIV Deutschland erklärt DIW-Chef Marcel Fratzscher, was Wirtschaftsprognosen jetzt leisten können – und was nicht.

Es wird schlimmer, bevor es viel besser wird

Die Frühjahrsprognose liegt näher am Optimismus des Sachverständigenrats: Die Wirtschaftsleistung werde im ersten Quartal um 1,9 Prozent schrumpfen, im zweiten Quartal dann um 9,8, also knapp einstellig, wie es auch der Sachverständigenrat annahm. Über das gesamte Jahr 2020 gerechnet erwarten die Institute einen Einbruch um 4,2 Prozent.

Allerdings setzen sie viel Vertrauen in die Aufholkräfte: Im Jahr 2021 soll das Wachstum kräftig anziehen. Die Erholung soll bereits im dritten Quartal 2020 beginnen. Daher gebe es auch keinen Bedarf an einem Konjunkturpaket, die Wirtschaft werde 2021 um 5,8 Prozent wachsen.

Die deutsche Schuldenquote werde mittelfristig auf 70 Prozent steigen, allerdings im Jahr 2021 wieder abfallen. Die Arbeitslosenquote soll auf bis zu 5,9 Prozent steigen, bis zu 2,4 Millionen Menschen sollen werden in die Kurzarbeit geschickt. „Das wäre nach 2009 die tiefste Rezession seit dem Ende des zweiten Weltkriegs“, sagte ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser.

Deutscher Wirtschaftsminister: Hilfe ist auf dem Weg

Erste Hilfszahlungen sollen bereits diese Woche ließen. Europäische Coronabonds lehnte Altmaier ein weiteres Mal ab. Lars Feld, oberster „Wirtschaftsweiser“, glaubt an einen Wachstumseinbruch im einstelligen Prozent-Bereich.

Festlegung auf ein Szenario

Schon in der Methodologie unterscheidet sich die Gemeinschaftsdiagnose in einem wesentlichen Punkt von den vorherigen Corona-Prognosen. Bisher präsentierten sie mehrere Szenarien, um den vielen Ungewissheiten der Corona-Pandemie Rechnung zu tragen, etwa bezüglich der Lockdown-Dauer oder der Effektivität der öffentlichen Unterstützung. Es gab keine konkreten Zahlen, sondern Bandbreiten.

Die Institute wagen nun klare Ansagen. Anstatt Szenarien durchzurechnen, einigte man sich auf eindeutige Annahmen – und zwar optimistische. Beispielsweise gehen sie davon aus, dass der Lockdown am 20. April enden wird, was momentan von der Regierung vorsichtig als frühestes Datum für erste Ladenöffnungen kommuniziert wird. Außerdem setzen die Institute volles Vertrauen in den wirtschaftlichen Schutzschirm der Regierung und erwarten keine Insolvenzen von Unternehmen.

Einer nahm die Rolle der Kassandra auf sich. Trotz starker Übertragungsprobleme im Video-Chat bemühte sich Claus Michelsen, Abteilungsleiter für Konjunktur beim DIW, um einen Realitäts-Check. Es sei „keineswegs abgemacht“, dass Einbruch und Erholung so „friktionsfrei“ verlaufen, wie es die Diagnose annimmt, beispielsweise dass Betriebe großteils am Leben und Arbeitsplätze bestehen bleiben. Sollten sich diese Annahmen als falsch herausstellen, hätte man ein „größeres Problem“.

In der Tat hörte man gerade aus dem DIW bisher pessimistische Töne: Direktor Marcel Fratzscher nannte die Zahlen des Sachverständigenrats „zu optimistisch“, und im Gespräch mit EURACTIV kündigte er an, dass das DIW bei den Berechnungen für die Gemeinschaftsdiagnose eher bei den pessimistischen Zahlen des ifo liegen werde.

Eurogruppe weiterhin ohne Einigung bei Krisen-Reaktion

Die Finanzministerien der Eurozone konnten sich auch in einer 16-stündigen Telefonkonferenz nicht auf das geplante Finanzpaket zur Bewältigung der Auswirkungen des Coronavirus einigen.

Vermögende sollen mehr schultern

Eine Journalistin sprach während der Pressekonferenz diese Diskrepanz zwischen Vorgeplänkel und Endergebnis direkt an. Wollmershäuser sagte dazu, dass man sich auf jenes Szenario konzentriert habe, das vor zwei Wochen am realistischsten ausgesehen hatte. Es entspreche auch einem der – optimistischen – Szenarien des ursprünglichen ifo-Berichts. Sollte allerdings der Lockdown doch länger fortgesetzt werden, so rechnet Wollmershäuser mit einem zusätzlichen Wachstumseinbruch von 1,5 Prozent pro Monat.

Ideen zur Absicherung gegen Ungewissheiten präsentierte Oliver Holtemöller vom IWH. Nächstes Jahr werde man sich fragen müssen, wie der Schuldenabbau nach dem Aufschwung verteilt werden soll. Über das Steuersystem könnte man Vermögende verstärkt zur Kasse bitten. Wollmershäuser fügte hinzu, dass eine neue Schuldenkrise im Euroraum „auf jeden Fall“ vermieden werden müsse. Auf Nachfragen, ob sie dafür Coronabonds empfehlen würden, antworteten die Ökonomen aber bewusst nicht.

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