Davos-Bericht: „Das kapitalistische Wirtschaftsmodell funktioniert nicht mehr“

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Der Davos-Bericht warnt vor den Negativfolgen des rasanten technologischen Fortschritts. [World Economic Forum/swiss-image.ch]

Die Demokratie steckt in einer „tiefen Krise“, warnt eine Studie. Technologische Umbrüche verschärfen die Ungleichheiten weiter, darum müsse man sich auf „inklusives“ Wachstum konzentrieren. EURACTIV Brüssel berichtet.

Auch in diesem Jahr wird die Stimmung gedrückt sein, wenn sich nächste Woche, vom 17. bis 20. Januar, mindestens 50 Staats- und Regierungschefs sowie hunderte von führenden Wirtschaftsvertretern in Davos treffen. Immer mehr deutet darauf hin, dass der weltweite Fortschritt vom Kurs abgekommen ist. In den USA und der EU stellt man die Globalisierung mehr denn je in Frage. Viele bekommen nichts mit vom Wirtschaftswachstum, während sich die Schere zwischen armen und reichen Ländern immer weiter öffnet.

Die Demokratie befinde sich in einer „tiefen Krise, ausgelöst von den Folgen schneller wirtschaftlicher und technologischer Veränderungen, von der tiefen sozialen und kulturellen Polarisierung und dem Erstarken post-faktischer politischer Debatten“, betont das Forum in seinem Global Risk Report 2017. „Die allgegenwärtige Korruption, kurzfristiges Denken und die ungleiche Verteilung der Wachstumserträge legen nahe, dass das kapitalistische Wirtschaftsmodell für die Menschen nicht mehr funktioniert“, meint Klaus Schwab, Gründer und Leiter der Organisation.

Vor diesem Hintergrund empfiehlt der Bericht, den Marktkapitalismus zu reformieren, damit die Früchte der Globalisierung besser verteilt werden können. Denn der Großteil der Bürger ist nicht länger bereit, das aktuelle Modell zu unterstützen.

Die Studie gilt als Auftakt des alljährlichen Elitetreffens in den Schweizer Alpen. Ihr zufolge sind der geplante Brexit und die Wahl Donald Trumps klare Anzeichen für die turbulenten Zeiten, die die Welt derzeit durchlebt. „Auf der ganzen Welt regt sich zunehmend Widerstand gegen Elemente des innenpolitischen und internationalen Status Quo“, heißt es. Die „zunehmende populistische Stimmung gegen das Establishment“ zeige, dass es nicht länger ausreiche, Wachstum zu schaffen. Man müsse es vor allem inklusiver gestalten.

Für den Bericht befragte man 750 Geschäftsleute und andere Vertreter. Sie gehen davon aus, dass die ungleiche Vermögensverteilung die globalen Entwicklungen der nächsten zehn Jahre besonders stark mitbestimmen wird. Sündenbock für schlechtere Wirtschafts- und Arbeitsbedingungen sind wie üblich niedriges Wachstum, Freihandelsabkommen und der Zuwachs an Einwanderern. Eine viel größere Herausforderung für die Arbeitsmärkte stelle jedoch der technologische Wandel dar, betont das Forum.

Letztes Jahr widmete das Davos-Forum seinen Bericht der „Vierten industriellen Revolution“. Schon hier warnte man vorsichtig vor den Risiken des technologischen Fortschritts. Auch in diesem Jahr bleibt die Frage ein wichtiges Sitzungsthema. 2017 steht das Forum unter dem Titel „Responsive and Responsible Leadership“ (reaktionsschnelle und verantwortungsbewusste Führungspolitik). Der diesjährige Bericht warnt nun noch eindringlicher vor den „beunruhigenden Auswirkungen“ der digitalen Revolution.

Sozialstaat am Rande des Zusammenbruchs

Die vierte industrielle Revolution wird Arbeitsplätze verschwinden lassen und neue schaffen – jedoch mit langsamerer Geschwindigkeit. Die frisch gebackene Sharing Economy (Uber, AirBnb, … ) und intelligente Roboter senken die von Arbeitgebern getragene sozialen Sicherung und untergraben somit den Sozialstaat.

Technologie könne darüber hinaus auch die Stimmung gegen das Establishment verschärfen, so das Forum, da sowohl der gesellschaftliche Zusammenhalt als auch der soziale Schutz immer weiter in Mitleidenschaft gezogen werden. „Dass die Menschen immer unzufriedener mit dem politischen und wirtschaftlichen Staus Quo sind, liegt im Grunde genommen daran, dass die sozialen Sicherungssysteme kurz vor dem Zusammenbruch stehen“, heißt es in der Studie.

Zu dem gleichen Ergebnis kommt ein Bericht des EU-Parlaments, der letzte Woche im Ausschuss angenommen wurde. Als Lösungsansatz schlagen die Europaabgeordneten den Mitgliedsstaaten vor, ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen. Das Forum nimmt diesen „Freigeld“-Gedanken sehr ernst.

Zum Werkzeugkasten für Verteilungsmechanismen zählt auch eine negative Einkommensteuer. Diejenigen, deren Einkommen unterhalb einer bestimmten Grenze liegt, bekämen demzufolge Steuerrückzahlungen von der Regierung. Denkbar wären auch Lohnzuschläge. Hier würde der Staat die Differenz zwischen dem tatsächlichen und dem anerkannten Mindesteinkommen ausgleichen.

Eine Frage der Regulierung

Der technologische Fortschritt birgt jedoch nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht Risiken. So habe die globale Gemeinschaft Schwierigkeiten damit, einen geeigneten Regulierungsansatz zu finden, der den rasant voranschreitenden Technologien gerecht wird, warnt das Weltwirtschaftsforum. Dabei verweisen die Experten auf Bereiche wie Big Data, Biotechnologie, künstliche Intelligenz oder die neue Generation von Robotern. Zu viel Regulierung bremst womöglich den Innovationsgeist; ein Mangel an Regulierung und zu wenig Anreize hingegen könnten die Risiken verschärfen und potenzielle Investoren abschrecken.

Der Vorab-Bericht aus Davos geht vor allem auf die Risiken künstlicher Intelligenz und selbstständig lernender Maschinen ein – insbesondere, wenn der Bereich „nur leicht reguliert“ würde. „Wir müssen besser darin werden, technologischen Wandel zu koordinieren und zwar schnell“, so das Fazit der Studie.

Zeitstrahl

  • 17.-20. Februar: Weltwirtschaftsforum in Davos (Schweiz).

Weitere Informationen

Schulz' EU-Abschied in Davos

Martin Schulz wird nach eigenen Angaben beim Weltwirtschaftsforum in Davos zugegen sein. Dort wird er nur wenige Stunden nach seinem Rücktritt als EU-Parlamentspräsident der weltweiten Führungselite entgegentreten. EURACTIV Brüssel berichtet.