Für europäische Firmen ist Chinas Markt „zu groß, um ihn zu ignorieren“

Beijing Business District: Deutsche Firmen klagen Tücken des chinesischen Markts für ausländische Firmen - und können ihn dennoch nicht ignorieren. [ESB Professional/ Shutterstock]

Ausländische Unternehmen klagen regelmäßig über Probleme beim Schutz ihres geistigen Eigentums in China. Doch die meisten – wenn nicht alle – wollen aufgrund der Größe und des schnellen Wachstums des asiatischen Marktes weiterhin Geschäfte in China machen.

Für Nicolas Correa, den CEO und Präsidenten von Correa, einem spanischen Maschinenbauunternehmen, sind Chinas zweifelhafte Praktiken im Bereich des geistigen Eigentums zum realen Problem geworden.

„Wir haben einen chinesischen Mitarbeiter ein Jahr lang in Spanien zum Chief Assembly Officer für unser Werk in China ausgebildet,“ erklärte er EURACTIV.com am Rande der China International Import Expo (CIEE). Doch weniger als 24 Stunden nach seiner Rückkehr nach China verschwand der ausgebildete Mitarbeiter. „Er hat nicht einmal eine Anstands-Woche gewartet!“, so Correa.

Dieses Beispiel veranschaulicht den formellen und informellen erzwungenen Transfer von Know-how und Diebstahl geistigen Eigentums, der im Verhältnis zwischen China auf der einen und den USA und Europa auf der anderen Seite zu einem heiß umstrittenen Thema geworden ist.

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Während der Eröffnungsfeier zur CIIE hatte Chinas Präsident Xi Jinping versprochen, „dass wir die Glaubwürdigkeit unseres Rechtsrahmens für geistiges Eigentum stärken werden“.

Dafür wolle das Land „ein Strafkompensationssystem einführen, um die Kosten für die Täter zu erhöhen.“

Verbesserte Streitbeilegung 

Die chinesische Führung nutzte die Wirtschaftsmesse, um ihre Bereitschaft zu demonstrieren, auf die Beschwerden aus Europa und Amerika zu reagieren.

Insbesondere zum Schutz des geistigen Eigentums an Waren und Dienstleistungen, die auf der CIIE ausgestellt wurden, wolle man neue Vorkehrungen treffen, hieß es von Regierungsstellen. Unter anderem seien bereits Informations- und Streitbeilegungsbüros vor Ort eingerichtet worden, um bei potenziellen Konflikten zu vermitteln.

„Aus unserer Sicht sind dies Signale, dass die Zusagen von Präsident Xi Jinping während des Boao-Forums zum Schutz der Rechte geistigen Eigentums und zur Angleichung der chinesischen Praktiken an die internationalen Wirtschafts- und Handelsregeln eingehalten werden sollen,“ schreibt die Beratungsgesellschaft Ernst & Young in einem am vergangenen Mittwoch veröffentlichten Bericht.

Die Größe zählt

Ein hochrangiger Vertreter eines multinationalen Technologiekonzerns erläuterte gegenüber EURACTIV, es gebe zwar „einige Beschwerden“ in Bezug auf geistige Eigentumsrechte; angesichts der Dimensionen des chinesischen Marktes müssten diese aber „toleriert“ werden. Der Mann, der anonym bleiben wollte, sagte weiter: „Wenn es ein kleiner Markt wäre, hätten wir vielleicht schon aufgegeben.“

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Die Europäische Union und China haben sich auf einem Gipfeltreffen am Montag in Peking geeinigt, den gegenseitigen Marktzugang und Investitionen zu erleichtern sowie die Verhandlungen über geografische Angaben zu beschleunigen.

„Einige Unternehmen unserer Branche zögern aufgrund der Schwierigkeiten, die in China drohen. Aber das bedeutet auch, dass Sie rund die Hälfte der weltweiten Nachfrage an Werkzeugmaschinen ignorieren,“ sagte auch Correa.

Seine Firma ist seit mehr als drei Jahrzehnten in China tätig. Der CEO räumte im Gespräch allerdings ein, dass seine fortschrittlichsten Maschinen nach wie vor in Spanien hergestellt werden.

Größe und Wachstum des chinesischen Marktes sind in den Bereichen Technologie und Telekommunikation besonders eindrucksvoll. Das liegt nicht zuletzt daran, dass China Innovation durch verschiedene staatlich gesteuerte Initiativen in den Mittelpunkt seiner wirtschaftlichen Entwicklung stellt. Darunter fallen der 13. Fünfjahresplan für wissenschaftliche und technologische Innovation, der Entwicklungsplan für die „Big Data“-Industrie (2016-2020), der Dreijahresaktionsplan für die Entwicklung von Cloud Computing (2017-2019) und Pläne für die nächste Generation der künstlichen Intelligenz (KI), in die das Land Milliarden von Dollar investiert.

Im Falle von KI könnte das Wachstum 2018 laut einigen Schätzungen um bis zu 75 Prozent in die Höhe schnellen.

Die Zahlen sprechen für sich: Die digitale Wirtschaft machte 2017 bereits 55 Prozent des chinesischen BIP aus und lag damit in der gleichen Größenordnung oder sogar höher als in vielen entwickelten Volkswirtschaften, heißt es im EY-Bericht.

Der Umsatz in der Telekommunikationsbranche erreichte 2017 rund 2756 Milliarden RMB (351 Milliarden Euro) und stieg damit um 76 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Für die Unternehmen sind die Vorteile ebenfalls deutlich: Microsoft verzeichnet beispielsweise ein zweistelliges Wachstum auf dem chinesischen Festland und übertrifft damit sogar die Umsatzsteigerung in Hongkong und Taiwan, so ein Sprecher des Unternehmens. Genaue Zahlen wollte er allerdings nicht nennen.

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Joint Ventures

Die chinesische Regierung ist einer der größten Kunden für Microsoft. Obwohl das Unternehmen beim Verkauf von Lizenzen für seine Produkte nicht mit lokalen Akteuren zusammenarbeiten muss, ist für Geschäftsinitiativen aber ein Joint Venture mit chinesischen Interessengruppen erforderlich.

Diese Joint Ventures mit chinesischen Unternehmen oder öffentlichen Einrichtungen sind die von Peking auferlegte Voraussetzung dafür, dass ausländische Unternehmen im Land überhaupt tätig werden können.

Microsoft arbeitet aktuell mit der Regierung zusammen, um eine chinesische Version von Windows 10 zu entwickeln. Darüber hinaus wurde ein weiteres Joint Venture für Cloud Computing gegründet.

In den meisten Fällen sind die chinesischen Partner Mitglieder der Kommunistischen Partei. So auch bei Correa: „Wir haben eine höfliche und respektvolle Beziehung zu unserem lokalen Partner,“ wollte der spanische Geschäftsführer dazu lediglich anmerken.

Ausländische Übernahmen

Aber Chinas Abschöpfung ausländischer Technologien findet nicht nur innerhalb seiner Grenzen statt: So kaufte die chinesische Firma Midea 2016 einen der weltweit führenden Roboterhersteller, die deutsche Kuka. Diese Übernahme galt Vielen in Europa als „Weckruf“, um strategische Sektoren vor dem Aufkauf durch China bzw. durch chinesische Firmen zu schützen.

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Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres haben chinesische Unternehmen fast genau so viele deutsche Firmen gekauft oder sich an ihnen beteiligt wie im Gesamtjahr 2015.

Bei Kuka selbst werden die Folgen der Übernahme heruntergespielt. „Wir wollen ein gutes Beispiel für die deutsch-chinesische Zusammenarbeit sein,“ teilte ein Vertreter des Unternehmens auf der CIEE mit. Die neue Eignersituation des Unternehmens habe Kuka auch nicht dazu gezwungen, seine Ambitionen in den USA aufzugeben: Nach der Genehmigung der Übernahme durch die zuständigen US-Behörden betreibe man weiterhin „intelligente Fabriken“ in den USA.

Es wäre auch zu erwarten, dass der aktuelle Handelsstreit zwischen China und den USA die in China tätigen US-Firmen in Bedrängnis bringen könnte. Allerdings nannte keines der befragten Unternehmen bisher irgendwelche Probleme.

„Die Kernbotschaft ist doch, dass wir unsere Kunden bedienen wollen – unabhängig davon, wer sie sind und in welchem politischen Umfeld sie sich befinden,“ fasste ein PR-Vertreter des Computerherstellers Dell zusammen. Die US-Firma betreibt zwei Fabriken in China.

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