Mittelosteuropa: Gefangen in der Niedriglohnspirale

Die Produktivität in den MOEL ist höher als in Westeuropa. [Nataliya Hora/Shutterstock]

Niedrige Löhne  schaden den Mittelosteuropäischen Volkswirtschaften seit der Krise. Laut einer Studie sind die Gehälter inzwischen auf unter 30 Prozent des deutschen Durchschnitts gefallen. Derweil wächst die Produktion beständig. Ein Bericht von EURACTIV Partner La Tribune.

Das Fazit der Studie mit dem Titel Why Central and Eastern Europe needs a pay rise des European Trade Union Institute (ETUI) ist eindeutig: die Wirtschaftskrise hat zwei Jahrzehnte Fortschritt in der Lohnentwicklung in Mittelosteuropa gestoppt.

Der Wissenschaftler Béla Galgóczi hat Daten gesammelt, die zeigen, dass die Produktivität der Arbeiter in Polen, Ungarn und der Tschechischen Republik ständing gestiegen ist, während die Beschäftigungskosten stagnierten oder sogar fielen. Dadurch wurde auch der soziale Wettbewerb mit dem Westen wiederbelebt, und die mittelosteuropäischen Länder (MOEL) sind in einer Niedriglohnspirale gefangen.

Das ETUI sieht die Gründe für diesen sozialen Rückschritt in einer fehlgeleiteten Wirtschaftspolitik nach der Krise: „Seit Mitte der 1990er-Jahre bis zur Krise im Jahr 2008 […] war die Geschwindigkeit der Lohnangleichung spektakulär,” so der Report. „Nach der Krise stoppte diese Entwicklung aber plötzlich oder sie wurde wesentlich langsamer.”

Falsche politische Ratschläge

Bis 2008 wurde die Lohnangleichung durch ausländische Direktinvestitionen sowie durch Emigration gestützt: beide Faktoren führten zu einem niedrigeren Arbeitskräfteangebot und trieben die Löhne in die Höhe. Laut Galgóczi endete diese Entwicklung zwar mit der Krise, doch EU-Interventionen verschlimmerten die Situation noch: „Das EU-Krisenmanagement schaltete sich nur in den Lohnsetzungsmechanismen einiger Länder (Lettland, Ungarn und Rumänien) direkt ein; dabei traten die Effekte der Lohnmäβigung in der gesamten Region auf”, schreibt er.

Der ungarische Wissenschaftler ist sich sicher, dass die Europäische Kommission den Lohnanstieg in den Jahren vor der Krise fälschlicherweise als zentrales Problem angesehen hat und deswegen Lohnmäβigungen anregte – oder vorschrieb. Sie habe den Zusammenhang zwischen höheren Löhnen und Wettbewerbsfähigkeit in diesen Ländern zu keiner Zeit erkannt.

„In Wirklichkeit haben die meisten MOEL kein fundamentals (Kosten-) Wettbewerbsproblem, stellt die Studie fest. Tatsächlich sei der Lohnanteil am BIP in diesen Ländern durchschnittlich 7 Prozent geringer als im Westen.

Eine groβe „Produktivitätsreserve“, die den Arbeiter nicht zugute kommt

In Polen und Tschechien, zwei Länder, die keine groβen Staatsschulden oder Defizitprobleme haben, variiere die „Produktivitätsreserve“ – der Lohnunterschied, der ausgeglichen werden könnte, ohne dass die Produktivität darunter leidet – zwischen 20 und 40 Prozent. Die Fertigungsproduktivität in diesen beiden Ländern sei sehr viel höher als beispielsweise in Deutschland, doch nur die Hälfte der Produktivitätsgewinne in Polen zwischen 2008 und 2015 schlug sich tatsächlich auch auf die Gehälter nieder.

„Die Löhne sind nicht nur im Vergleich zu Westeuropa niedrig, […] sie tendieren auch dazu, niedriger zu sein, als das wirtschaftliche Potential dieser Länder eigentlich zulassen würde“, merkt Galgóczi an. Die MOEL müssten aus dieser Spirale des Social Dumping ausbrechen, da diese „die Region in einer untergeordneten und abhängigen Rolle in der internationalen Arbeitsverteilung hält“.  Stattdessen sollten die MOEL versuchen, Maβnahmen zur Lohnangleichung, wie sie Ungarn, Polen und die Tschechische Republik bis Mitte der 2000er Jahre  mit einigem Erfolg betrieben, wieder aufzunehmen.

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