Britische Ölindustrie zittert vor „No Deal“-Brexit

Hahn zu? Beobachter warnen vor höheren Preisen und potenziellen Lieferengpässen im Falle eines "No Deal"-Brexits. [Isado/Flickr]

Während die Ausfuhrzölle für britische Kraftstoffe auf 4,7 Prozent steigen sollen, könnten die Abgaben für Importe auf Null festgesetzt werden. Großbritanniens Ölraffinerien warnen, sie würden dadurch einen deutlichen Wettbewerbsnachteil erleiden.

Am Wochenende war ein vertraulich eingestuftes Regierungsdokument öffentlich gemacht worden, in dem klar dargelegt wird, was das Vereinigte Königreich im Falle eines Brexits ohne Austrittsabkommen am 31. Oktober politisch und wirtschaftlich zu bewältigen hat. So wurde unter anderem vor Lebensmittel-, Kraftstoff- und Arzneimittelmangel gewarnt.

Die Regierung in London hat Pläne erarbeitet, um derartigen (potenziellen) Problemen entgegenzutreten. Die angedachte Strategie, um einen Kraft- und Treibstoffmangel zu vermeiden, könnte das Problem allerdings nur noch verschärfen, warnen die Ölraffinerien des Landes.

Kontroverses Brexit-Dokument: Drohen Großbritannien Lebensmittelengpässe?

Laut geleakten Dokumenten wird das Vereinigte Königreich mit einem Mangel an Treibstoff, Lebensmitteln und Medikamenten konfrontiert sein, wenn es die Europäische Union ohne ein Übergangsabkommen verlässt, berichtete die Sunday Times gestern.

Bereits Anfang des Jahres habe die Regierung demnach Pläne ausgearbeitet, die meisten Einfuhrzölle im Falle eines „No Deal“-Brexits auf Null Prozent zu senken. Damit soll ein plötzliches „Abgeschnittensein“ von Importen, beispielsweise von Kraftstoff, verhindert werden.

Das Problem dabei: Andere Länder werden wahrscheinlich die Zölle auf britische Exporte erhöhen. So wird erwartet, dass für Kraftstoffexporte aus dem Vereinigten Königreich ein Ausfuhrzoll von 4,7 Prozent erhoben werden muss, wenn das Vereinigte Königreich im Handel auf die Regeln der Welthandelsorganisation zurückgreift. Derzeit sind alle Ein- und Ausfuhren zwischen den 27 übrigen EU-Staaten und dem Vereinigten Königreich zollfrei.

Die UK Petroleum Industry Association warnt daher bereits, wenn derartige Exportzölle nicht mit entsprechenden Importabgaben ausgeglichen werden, würden sich für die britischen Ölraffinerien deutliche Wettbewerbsnachteile ergeben.

Das geleakte Regierungsdokument prognostiziert ebenfalls, dass die erhöhten Exportzölle wohl dazu führen werden, dass zwei der sechs Ölraffinerien des Landes geschlossen werden müssen. Das Vereinigte Königreich exportiert etwa 30 Prozent der Produktion seiner Öl-Raffinerien.

Ein 2017 von Oil & Gas UK in Auftrag gegebener Bericht war zuvor zu dem Schluss gekommen, dass die üblichen WTO-Zölle, die im Falle eines „No-Deal-Brexits“ wirksam werden, die Kosten des Ölhandels um rund 500 Millionen Pfund (aktuell ca. 547 Millionen Euro) erhöhen könnten.

Gegen die Brexit-Angst: Südkorea und UK schließen Öl-Deal

Die Haltung Südkoreas zu Öl-Importen ist ein Beispiel dafür, wie sehr sich die Angst vor dem Brexit auf den Öl- und Gashandel auswirkt.

Diese neueste Entwicklung kommt auch zu einem Zeitpunkt, da die Margen bei der Erdölverarbeitung in Nordwesteuropa ohnehin bereits zurückgegangen sind, so eine Analyse von Bloomberg. Drei von sieben Raffinerien in Nordwesteuropa machen angesichts der schwachen Nachfrage demnach aktuell Verluste.

Im März warnte die Internationale Energieagentur in ihrem mittelfristigen Ölmarktbericht, dass „ein ungeordneter Brexit zu einer Verringerung der Wachstumsrate des internationalen Handels und der Ölnachfrage führen könnte“.

Wenn der Brexit am 31. Oktober tatsächlich ohne ein Folgeabkommen vonstatten gehen sollte, fällt dies zeitlich auch mit dem Beginn der erhöhten Nachfrage nach Treibstoff im Winter zusammen. Dadurch dürfte sich das Risiko kurzzeitiger Störungen oder Ausfälle von Energieimporten noch vergrößern.

Darüber hinaus wird bei einem „No-Deal“-Szenario wohl auch das Pfund weiter abgeschwächt werden. Dies ist bereits aktuell der Fall. Somit würden sich also die Kosten für Energieimporte weiter erhöhen, was wiederum zu einem Anstieg der Energiekosten für die Endverbraucher führen könnte, warnen Marktexperten.

Brexit: Britischer Unternehmerverband ruft zu Vorbereitungen für den "Notstand" auf

Verbandspräsidentin Carolyn Fairbairn schrieb in der „Times“ vom Montag, der harte Brexit ohne Abkommen mit der EU sei eine „ernste Möglichkeit“. Unternehmen sollten sich vor den wirtschaftlichen Folgen eines „No-Deal“-Brexits „so gut wie möglich“ schützen.

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