Brain-Drain: Entwicklungsländer werden immer unattraktiver

Der GTCI-Index wurde am gestrigen Montag in Davos präsentiert. [EPA-EFE/GIAN EHRENZELLER]

Die Kluft zwischen Industrie- und Entwicklungsländern hinsichtlich ihrer Fähigkeit, qualifizierte Arbeitskräfte anzuziehen und zu halten, ist in den vergangenen Jahren größer geworden.

„Unsere Analysen der vergangenen sechs Jahre zeigt, dass sich die Wettbewerbsunterschiede zwischen Industrie- und Entwicklungsländern vergrößert haben,“ sagt Bruno Lanvin, zuständig für den Global Talent Competitiveness Index (GTCI) der Wirtschaftshochschule Insead, im Gespräch mit EURACTIV am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos.

Insead, die indische Tata Communications Group und die Adecco Group haben am Montag gemeinsam den sechsten jährlichen GTCI-Wettbewerbsindex veröffentlicht.

Der Index misst, wie Länder und Städte Nachwuchskräfte aufbauen, anziehen und halten. Dafür werden insgesamt 125 Länder und 114 Städte über alle Einkommensgruppen und Entwicklungsstufen hinweg bewertet.

„Mit anderen Worten: Die Studie zeigt auf, wie große und kleine Unternehmen, Nationen und Städte im Zeitalter der digitalen Transformation Unternehmer-Talente fördern,“ fasst Lanvin zusammen.

Die Schweiz führt den Index an, gefolgt von Singapur, den Vereinigten Staaten, Norwegen und Dänemark. Was die Städte betrifft, so wird Washington als „leistungsstärkste“ Stadt der Welt angesehen, gefolgt von Kopenhagen, Oslo, Wien und Zürich.

„Städte erweisen sich als agiler als Staaten. Sie entwickeln sich zu echten Talentzentren,“ beobachtet Lanvin. Dank ihrer größeren Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an neue Trends würden Städte immer wichtiger bei der Entwicklung von Nachwuchskräften.

Forschung und Bildung: „Verlorenes Jahrzehnt” vermeiden

Kluge Ausgaben und ein Fokus auf zukunftsorientierte Prioritäten wie Entwicklung und Bildung werden ein Schlüssel zu mehr Arbeitsplätzen sein.

Auf die Frage, warum die Entwicklungsländer immer mehr an Attraktivität für junge und qualifizierte Arbeitskräfte verlieren, weist Lanvin vor allem auf die mangelnde Kontinuität in ihrer Bildungspolitik hin: „Der Index zeigt, dass einige Schwellenländer ihr Ranking fünf, sechs Jahre in Folge verbessern. Und dann stagniert plötzlich wieder alles oder kehrt sich um. Das liegt daran, dass es zunächst Minister gibt, die Geld in die Bildung pumpen wollen – und dann folgt ein anderer Minister und stoppt den ganzen Prozess.“

Darüber hinaus gebe es „kumulative Effekte“, die den entwickelten Ländern zugute kommen: „Wenn Sie ein Ort oder ein Land sind, das bereits sehr gut im Umgang mit Talenten ist, dann können Sie auch Business-Möglichkeiten, eine hohe Lebensqualität, eine gute Infrastruktur bieten. Und klar ist: Mundpropaganda wirkt.“

Investitionen in Bildung und Infrastruktur benötigt

Was sollten Entwicklungsländer also tun, um diese Situation umzukehren?

Lanvin nimmt Südkorea als Beispiel: „In den 1960er Jahren war Südkorea eines der am wenigsten entwickelten Länder der Welt. Es hatte das gleiche Pro-Kopf-Einkommen wie Ghana. Was haben die Südkoreaner getan? Sie investierten in Bildung und Technologie. Das ist die Geheimkombination. Dieses Beispiel zeigt, dass es möglich ist.“

Für Enrico Bonatti, Senior Vice President Strategy & Sales Operations bei Tata Communications, zeigt der Bericht vor allem auch Handlungsbedarf beim Thema Infrastrukturen auf. Diese müssten in Entwicklungsländern dringend verbessert werden.

Aber: „Nicht viele Länder sind [beim Aufbau solcher Business- und Bildungsinfrastrukturen] erfolgreich. Selbst große Schwellenländer wie Brasilien oder Indien haben Probleme. Denn es ist ein langer Weg; es dauert Jahre, bis eine Infrastruktur geschaffen ist. Und wenn es keine nachhaltige Anstrengung gibt, dann kann man einen gewissen Jojo-Effekt beobachten,“ erläutert Bonatti.

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Bundesentwicklungsminister Gerd Müller möchte, dass deutsche Unternehmen Anreize erhalten, mehr in Afrika zu investieren. Dort wachsen die globalen Märkte, die Kunden und Mitarbeiter der Zukunft heran, heißt es im Ministerium.

Deutscher Föderalismus als Wettbewerbstreiber

Innerhalb der EU führen die skandinavischen Länder den Index an. Deutschland liegt im Gesamtranking auf Platz 14; Frankreich folgt auf Rang 21.

„Frankreich und Deutschland sind zwei Volkswirtschaften, die einerseits ähnlich und andererseits doch sehr unterschiedlich sind,“ so Lanvin. Frankreich versuche zwar, Reformen durchzuführen, habe aber „nie vom Konsens zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern profitieren können, wie es in Deutschland der Fall ist.“

Da Frankreich darüber hinaus ein stark zentralisiertes Land ist, erfolge der Entscheidungsprozess von oben nach unten. In Deutschland haben die 16 Bundesländer mehr Macht, insbesondere im Bildungsbereich.

Aus Sicht Lanvins ist dies ein Wettbewerbsvorteil: „Die Bundesländer können über ihre eigene Bildungspolitik entscheiden. Deswegen sieht man einen gesunden Wettbewerb zwischen den Ländern, welches „das beste“ ist. Das schafft Dynamik.“

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