Bosch soll versucht haben EU-Klimapolitik zu behindern

"Ein Großteil dieser politischen Lobbyarbeit konnte im Hintergrund weiterlaufen, während sich die öffentliche Aufmerksamkeit mehr auf die verbraucherorientierten Automarken richtet“, sagte InfluenceMap-Analystin Kalina Dmitriew. [Xbow / Shutterstock.com]

Das deutsche Unternehmen Bosch und andere europäische Automobil-Zulieferer behindern die Dekarbonisierung des Verkehrssektors, indem sie gegen klimafreundliche EU-Politik lobbyieren, so eine neue Analyse des Think-tanks InfluenceMap.

Laut der Analyse sollen die Organisationen versucht haben, die EU-Politik zur Reduzierung von Fahrzeugemissionen zu schwächen oder zu verzögern. Neben Bosch soll auch der Europäische Verband der Automobilzulieferer (CLEPA) – ein Handelsverband, der Autoteilehersteller in Europa vertritt – auf diese Weise die Klimapolitik der EU blockiert haben.

Bosch und CLEPA wurden in der A- bis F-Bewertung von InfluenceMap mit D+ und D bewertet, was auf „hinderliches klimapolitisches Engagement“ hindeutet.

Zwei Kampagnen der Organisationen sind in der Analyse besonders kritisiert worden.

Zum Einen haben sie sich gegen die von der EU vorgeschlagenen Pläne zur schrittweisen Abschaffung von Benzin- und Dieselfahrzeugen bis 2035 eingesetzt. Dazu lehnen sie die Förderung von E-Kraftstoffen ab, die als Mittel zur Verlängerung der Lebensdauer von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren dienen sollen.

„Diese Studie beleuchtet die klimapolitischen Lobbying-Bemühungen eines oft übersehenen Teils der Zuliefererkette in der Automobilindustrie. Sie zeigt, dass, obwohl sowohl CLEPA als auch Bosch behaupten, den Klimawandel ernst zu nehmen, ihr Handeln die politischen Bemühungen der EU zur Dekarbonisierung des Verkehrssektors zu untergraben droht“, so InfluenceMap-Analystin Kalina Dmitriew.

„Ein Großteil dieser politischen Lobbyarbeit konnte im Hintergrund weiterlaufen, während sich die öffentliche Aufmerksamkeit mehr auf die verbraucherorientierten Automarken richtet. Wenn die EU bei der Dekarbonisierung des Verkehrssektors erfolgreich sein will, müssen wahrscheinlich alle Teile der Lieferkette einbezogen werden und ihr Engagement muss genau geprüft werden“, fügte sie hinzu.

Die EU drängt auf strengere Emissionsstandards für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren bis 2030 und ein Verkaufsverbot für umweltschädliche Fahrzeuge bis 2035.

Replik der Industrie

In Antworten, die EURACTIV per E-Mail erhalten hat, stellten sowohl Bosch als auch CLEPA die Darstellung der Analyse in Frage.

Bosch würde den EU-Zielen zustimmen, CO₂-Emissionen von Neufahrzeugen bis 2030 um 55% und bis 2035 um 100% zu senken, so Jörn Ebberg, Bosch-Sprecher für Kraftfahrzeugtechnik mit Verweis auf die jüngsten Äußerungen von zwei Bosch-Vorsitzenden auf dem IAA-Mobilitätsfestival 2021 in München.

Das Unternehmen sieht E-Kraftstoffe als eine notwendige Option in Gebieten, in denen die Einführung von Elektrofahrzeugen schwierig sein könnte.

„Kohlenstoffarme und vollständig kohlenstoffneutrale Kraftstoffe – hergestellt aus erneuerbaren Energien – können dazu beitragen, dass der bestehende globale Fahrzeugfuhrpark einen Beitrag zum Erreichen der Klimaziele leistet. Alternative Kraftstoffe können die Elektromobilität dort ergänzen, wo rein batterieelektrische Antriebslösungen (noch) vor wirtschaftlichen oder physikalischen Herausforderungen stehen, wie z. B. bei schweren Lkw“, sagte Ebberg.

„Außerdem können kohlenstoffarme/kohlenstoffneutrale Kraftstoffe in Ländern eingesetzt werden, in denen sich die Einführung der Elektromobilität aufgrund der fehlenden Ladeinfrastruktur etwas verzögern wird“, fügte er hinzu.

CLEPA betonte, es würde eine rasche Elektrifizierung für das Erreichen der Klimaziele befürworten. Der Verband bekräftigte jedoch die Notwendigkeit eines „gemischten Technologie“-Szenarios, bei dem neben der Einführung von Elektrofahrzeugen auch Elektrokraftstoffe in Benzin- und Dieselmotoren eingesetzt würden.

„Klimaneutraler Verkehr ist absolut notwendig, und wir glauben, dass dies nur durch einen gemischten Technologieansatz erreicht werden kann, der Europa einen effektiven und effizienten Übergang ermöglicht und gleichzeitig Arbeitsplätze, die Wettbewerbsfähigkeit der EU sowie die Auswahl und Erschwinglichkeit für die Verbraucher bewahrt“, sagte Filipa Rio, Leiterin der strategischen Kommunikation von CLEPA, gegenüber EURACTIV.

„Nachhaltige erneuerbare Kraftstoffe sollten in der EU-Gesetzgebung weiter gefördert und unterstützt werden, und zwar nicht nur beim Kauf von Neuwagen, sondern auch, um die Emissionen der über 300 Millionen Fahrzeuge im EU-Fuhrpark zu senken. Ein überschaubarer und gerechter Übergang ist notwendig für einen erfolgreichen Green Deal“, fügte sie hinzu.

Arbeitsplatzverluste

In den letzten Monaten hat der CLEPA die EU-Ambitionen zur Abschaffung des Verbrennungsmotors verstärkt kritisiert. Die Pläne der EU, den Verkauf von umweltschädlichen Fahrzeugen bis 2035 zu verbieten, würde eine halbe Million Arbeitsplätze in Europa gefährden, warnte der Verband.

Nach Angaben des Branchenverbands hängen rund 600.000 Arbeitsplätze bei Automobilzulieferern in der EU von der Produktion von Antriebssträngen mit Verbrennungsmotoren ab.

„Meiner Meinung nach wird den Herausforderungen, die mit diesem Übergang verbunden sind, nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt. Die Betonung liegt oft auf den positiven Aspekten, von denen es viele gibt, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass dieser Wandel echte Menschen und Unternehmen betrifft“, sagte CLEPA-Generalsekretärin Sigrid de Vries in einer Erklärung.

„Wir sehen eine Fokussierung auf technologische Präferenzen und sind besorgt, dass die soziale Dimension und die Risiken heruntergespielt werden“, fügte sie hinzu.

InfluenceMap hat dies jedoch angezweifelt. Ein Bericht der Boston Consulting Group habe herausgefunden, dass eine Umstellung auf Elektrofahrzeuge bis 2030 581.000 neue Arbeitsplätze in Europa schaffen würde, so der Thinktank. Das wären weit mehr als die 200.000 Arbeitsplätze, die CLEPA bis 2040 vorsieht.

Die Autohersteller ihrerseits sehen den Vorstoß der EU zur weitgehenden Abschaffung des Verbrennungsmotors in der gesamten EU eher gelassen. Immerhin hat der Elektrofahrzeughersteller Tesla in der jüngste Marktbewertung einen Wert von 1 Billion Dollar erreicht.

Volkswagen hat zum Beispiel angekündigt, dass es seinen Verkauf von Autos mit Verbrennungsmotoren in Europa zwischen 2033 und 2035 einstellen wird.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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