Deutschlands Banken dürfen sich laut Experten darüber freuen, beim neuen Griechenland-Hilfspaket nur geringe Lasten zu tragen. Nun beschwert sich der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Banken über die Führungslosigkeit Europas und das Krisenmanagement in Berlin und Paris. Ein CDU-Sonderparteitag zur Euro-Krise ist noch nicht in Sicht.
Der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Banken (BdB), Andreas Schmitz, hat der Bundesregierung in der Schuldenkrise Entscheidungsschwäche und mangelnde Führung vorgeworfen. Auch die französische Regierung führe nicht ausreichend, sagte Schmitz der "Bild"-Zeitung vom Mittwoch.
"Gegen fallende Kurse ist die Politik natürlich machtlos. Das Problem ist allerdings die Führungslosigkeit Europas – die Leute, auf die es ankommt – die Regierenden in Berlin, Paris und anderswo gehen nicht mutig voran und entscheiden", monierte der Verbandschef. Die Regierungen ließen die Dinge treiben und würden dann ihrerseits von der Krise getrieben. Dies wiederum verunsichere die Märkte. Besonders hart kritisierte Schmitz die Bundesregierung: "Wenn der Euro tatsächlich Probleme bekäme, dann nicht wegen Griechenland, dem schwächsten Mitglied. Die Währungsunion würde dann scheitern, wenn Deutschland als stärkstes Mitglied seiner Führungsrolle nicht gerecht wird und sagt, wo es lang geht", sagte er.
Schmitz zeigt im Interview mit der Bild Unverständnis über die Turbulenzen an den Börsen. "Die Lage der deutschen Wirtschaft ist gut, die Auftragsbücher sind voll. Bei allem, was um uns herum passiert: Ich bin sicher, dass die Börsenkurse nicht die wirkliche Lage der Wirtschaft abbilden", so Schmitz.
Deutschlands oberster Bankenlobbyist hat Verständnis für den Schritt der Europäischen Zentralbank (EZB), spanische und italienische Anleihen vom Markt zu kaufen: "Eine Notenbank sollte nie in die Lage kommen, sich zwischen Pest und Cholera entscheiden zu müssen. In der Lage ist sie aber. Schon der Ankauf der griechischen Anleihen war eigentlich ein Sündenfall aber notwendig, um die Länder zu stabilisieren. Allerdings um den Preis, dass die Unabhängigkeit der EZB jetzt in Frage gestellt wird."
Schmitz stellt sich grundsätzlich hinter den Euro. "Ein Ende der Währungsunion würde die deutsche Wirtschaft und die Steuerzahler ein Vielfaches davon kosten. Das gebietet die Ehrlichkeit. Hilfen sind jetzt allemal billiger als ein Ende des Euro. Aber es ist die Aufgabe der Politik, den Bürgern zu erklären, was die Alternative wäre." Und weiter: "Ich bin sehr froh, dass wir den Euro haben."
Euro-Krise: Sind die Banken fein raus?
Beim Krisen-Gipfel Ende Juli konnte der Internationale Bankverband (IFF) sich mit seinen Vorstellungen einer Beteiligung der Finanzinstitute an der Griechenland-Rettung durchsetzen.
Die Privatgläubiger Griechenlands sollen demnach einen Abschlag von 21 Prozent auf den Wert ihrer Hellas-Anleihen in Kauf nehmen. Dies ist Teil eines Beitrags im Umfang von netto 37 Milliarden Euro, mit dem sich der Sektor in den kommenden drei Jahren am zweiten Hilfspaket für die Regierung in Athen beteiligt.
Das Modell zur Beteiligung privater Gläubiger traf bei Experten auf Kritik. "Die Beschlüsse des Gipfels überraschen hinsichtlich des Ausmaßes und der Großzügigkeit der finanziellen Unterstützung Griechenlands durch den Steuerzahler", so die DIW-Experten Ansgar Belke und Christian Dreger in einem Standpunkt auf EURACTIV.de. "Gleichzeitig werden private Investoren nicht hinreichend einbezogen, um die griechischen Staatsschulden mittelfristig tragbar werden zu lassen." Stattdessen hätte der Gipfel sich zu einem drastischeren Schuldenschnitt durchringen und die Beteiligung des privaten Sektors verpflichtend gestalten müssen, so die Experten.
CDU: Keine schnelle Entscheidung zu Sonderparteitag
Die CDU-Führungsgremien (Päsidium und Bundesvorstand) werden am 22. August über das weitere Vorgehen beim Thema Finanzmarktstabilität beraten. Am 29. August finden weitere Gespräche hierzu im Präsidium statt, wie es am Mittwoch aus der CDU-Parteizentrale hieß. Offen bleibt, ob die CDU einen Sonderparteitag zur Euro-Krise abhält, um ihre Position zu diskutieren und abzustimmen, wie es unter anderem der CDU-Haushaltspolitiker Klaus-Peter Willsch fordert (EURACTIV.de vom 9. August 2011). Der turnusmäßige CDU-Parteitag findet im November in Leipzig statt. Die Beschlüsse des Euro-Krisengipfels Ende Juli sollen aber bereits bis Ende September umgesetzt werden. Der Novemberparteitag würde also ohne ein vorheriges Zusammenkommen vor vollendete Tatsachen gestellt. "Wenn der ‚Europäische Stabilisierungsmechanismus‘ (ESM) und die Ausweitung des bestehenden Rettungsschirmes (EFSF) beschlossen sind, haben wir die Transferunion in Europa", kritisiert Willsch. "Dann wird der deutsche Steuerzahler dauerhaft die Defizite der Schuldenstaaten innerhalb der Eurozone tragen müssen." Dies gelte es zu verhindern.
awr mit EURACTIV/rtr
Links
Presse
Bild.de: Gegen fallende Kurse ist die Politik machtlos. Interview mit BdB-Präsident Andreas Schmitz (10. August 2011)
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Dokumente zu Euro-Bonds
Jacques Delpla/Jakob von Weizsäcker: ‚The Blue Bond Proposal‘. Erschienen im Bruegel Policy Brief 2010/03 (Mai 2010)
Jacques Delpla/Jakob von Weizsäcker: ‚Eurobonds: The blue bond concept and its implications‘. Erschienenin: Bruegel Policy Contribution 2011/02 (März 2011)
Axel Weber, Jens Ulbrich und Karsten Wendorff: ‚Safeguarding financial market stability, strengthening investor responsibility, protecting taxpayers. A proposal to reinforce the European Stability Mechanism through supplementary bond issuance terms‘. Deutsche Bundesbank (März 2011)
Dokumente zum Euro-Gipfel / zur Griechenland-Hilfe
EZB: Statement by the President of the ECB (7. August 2011)
Bundesregierung: Gemeinsames deutsch-französisches Kommuniqué zur aktuellen Situation in der Euro-Zone (7. August 2011)
Barroso: Brief an die Staats- und Regierungschefs der Eurozone (3. August 2011)
Rat: A common response to the crisis situation. Pressemitteulung zum Euro-Gipfel (21. Juli 2011)
Rat: Erklärung der Staats- und Regierungschefs des Euro-Währungsgebiets und der EU-Organe (22. Juli 2011)
Rat: Remarks by President Van Rompuy at the press conference following the Eurozone Summit (21. Juli 2011)
Kommission: Statement by President Barroso following the meeting of the Heads of State or Government of the Euro area (21. Juli 2011)
IIF: Greece Financing Offer: Statement by the IIF Board of Directors. Pressemitteilung (21. Juli 2011)
IIF: IIF Financing Offer (21. Juli 2011)
Bundesregierung: Mitschrift Pressekonferenz von Bundeskanzlerin Merkel zum Euro-Gipfel (22. Juli 2011)
Bundestag: Entschließungsantrag der Fraktionen der CDU/CSU und FDP
zu der Abgabe einer Regierungserklärung durch den Bundesminister der Finanzen
Stabilität der Eurozone sichern – Reformkurs in Griechenland vorantreiben (10. Juni 2011)
EZB: Building Europe, building institutions
Speech by Jean-Claude Trichet, President of the ECB on receiving the Karlspreis 2011 in Aachen (2. Juni 2011)
EZB: Target 2
EFSF: Internetseite
EFSF: Newsletter July 2011
Deutsche Bank: Zwischenbericht zum 30. Juni 2011 (26. Juli 2011)
EURACTIV.de-Interviews zur europäischen Schuldenkrise
"Aufstockung des Euro-Rettungsschirms wäre völlig sinnlos" (8. August 2011)
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